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Test

von  Hans Pieper
24.02.2018
Alaska
Getestet auf Windows, Sprache Englisch

So eine Art Hintergrundgeschichte

Blakes Hütte birgt ein leicht zu durchschauendes Geheimnis

Blake wurde von seiner Frau verlassen. Das macht ihn sehr traurig. Und er weigert sich partout, die Tür zum Schlafzimmer seiner kleinen Hütte aufzumachen. Welche „Wendung“ der Titel etwa eine Stunde nach dem Start nehmen wird, dürfte jetzt bereits fast allen Spielern klar sein. Doch bis dorthin ist es ein steiniger, frustrierender Weg. Auch wenn Alaska selbst nicht auf Entscheidungen setzt und seine Geschichte stur und fast ohne Interaktionsmöglichkeiten abspult, muss sich der Spieler häufig entscheiden: Soll ich jetzt lachen oder weinen?
Die mehr als dünne, uninspirierte Geschichte überrascht, wenn sie mal keine Logiklücke aufweist. So lässt Blake im verschneiten, eiskalten Alaska grundsätzlich seine Hüttentür offen. Und wenn er eine fremde Person vor seinem Haus sieht, fragt er die am weitesten entfernten Nachbarn, ob sie etwas gesehen haben. Die unglaublich platten, leblosen Dialoge lenken davon streckenweise erfolgreich ab. Ebenso sorgen Monologe des Protagonisten, in denen exakt beschrieben wird, was gerade ohnehin zu sehen, ist für Kopfschütteln. Die restlichen Äußerungen passen in die Bücher „Mein erstes Tagebuch“ und „Die Abenteuer von Captain Obvious“. Dass sich so keinerlei Bindung zu irgendeinem Charakter entwickeln kann, erst recht nicht dem selbstmitleidigen Blake, ist offensichtlich.
Der letzte Nagel im Sarg des Fragments, das in einem früheren Leben vielleicht mal eine Geschichte war, sind Sexismus (die Frauen sind zum Kochen und Hauptcharakter anschmachten da und fabulieren von klassischen "Männeraufgaben") und sinnlose, effekthascherische Gewalt ohne echte Rückbindung an die Geschichte. So wird der Spieler beispielsweise an einer Stelle gezwungen, in reinster Shooter-Manier einen Menschen zu erschießen – oder das Spiel zu beenden, denn ansonsten geht es nicht weiter. Wer das als geschickt gesetzte Provokation oder notwendig für die Erzählung deutet, hatte sein Hirn wohl auch etwas länger ungewärmt in Alaska im Einsatz.

So eine Art Steuerung

"Wo wollte ich nochmal hin? Achja, zum Flugzeug, von dem ich zufällig eine Postkarte in der Hand habe"

Ego-Perspektive, WASD-Steuerung - was kann man da schon falsch machen? Zum Beispiel die Umgebungskarte auf die Taste E legen und Aktionen ohne Hotspot-Kennzeichnung auf die linke Maustaste. Dass geübte Spieler aufgrund des Genre-Standards dadurch anfangs ständig versehentlich die Karte öffnen, ist wohl Kalkül: So beschwert sich niemand, die Orientierungshilfe nicht gefunden zu haben. Die an sich nette Idee, das aktuelle Aufgabenziel als Post in der linken Hand darzustellen, die mit W aufgerufen wird, entgleitet etwas, sobald ein großes Paket locker in der Hand getragen wird. Aber sicherlich ist die darin enthaltene Kettensäge ausklappbar.
Deutlich störender sind da die bei jedem Schritt durchgeführten Hüpfbewegungen des Hauptcharakters. Vor allem beim schnellen Laufen wackelt die Kamera derart, dass sich hauptsächlich Seeleute angesprochen fühlen dürften. Um diesen Effekt weiter zu genießen, gilt es auch über das Spiel hinweg, endlos lang erscheinende Abschnitte abzulaufen. Da helfen auch Schwarzblenden-Teleportationen nicht, die Teile des Weges überspringen. Doch wie jeder weiß, hält doppelt besser. Darum kann die Schnelllaufen-Funktion nur eine gewisse Zeit benutzt werden, bevor der Charakter außer Atem gerät und erst nach wenigen Sekunden wieder zum Joggen zu bewegen ist. Durch die Strecken und jeder Menge Backtracking, also das massiv eingesetzte Zurücklaufen an bereits besuchte Orte, kommen übrigens etwa 80 Prozent der Spielzeit zusammen. Und die ganze Zeit steht beim Nachbarn ein Schneemobil. Aber vermutlich ohne Benzinkanister. Der ging für die Klapp-Kettensäge drauf.

So eine Art Horror

Gruselig, bevor es das sein soll: Die Charakteranimationen

Das Spiel versucht an zahlreichen Stellen gruselig zu sein, ist es aber hauptsächlich dann, wenn das nicht geplant war. Zum Beispiel bei den Sprachanimationen, die Gesichter grotesk verzerren und natürlich auf kein einziges Wort passen. Oder bei der zum Teil vollkommen übertriebenen Gewaltdarstellung, die durch die schlechte Grafik eher merkwürdig als unheimlich wirkt. Hinzu kommen 1 1/2 vorhersehbare Scarejumps. Und der subtile Horror, dass der Titel ernst gemeint ist.

 

So eine Art Grafik

Äh, ja.

Es muss wohl einer der glücklichsten Tage im Leben der Entwickler gewesen sein, als sie den Sättigungsregler entdeckt haben. Anders lassen sich die fast schon Augenkaries erzeugenden Farben kaum erklären. Vollkommen übersteuert ist die ohnehin aus der Zeit gefallene, grobkantige und komplett detailarme Darstellung eine Karikatur ihrer selbst. Die wenigen Animationen wirken unbeholfen und verstärken nur das merkwürdige Verharren von anderen Charakteren in der Landschaft. Auch auf höchster Detailstufe springen im Laufen plötzlich meterhohe Bäume aus dem Boden. Offenbar ein typisches Naturphänomen in Alaksa. Die Erklärungen zu den Minispielen sind unterdessen grafisch komplett missglückt. So bleibt auch in diesem Teil nicht viel, was gelobt werden könnte.

So eine Art Sounddesign

Überraschung: Ein schöner Moment!

Während die meisten Sprecher noch haarscharf die Kante zum passablen Vertonen gekriegt haben, langt der Hauptcharakter häufig ordentlich daneben. Zwar überzeichnen alle - ehem - Schauspieler ihre Figuren und deren Emotionen zu stark, bei Blake kommt aber noch eine sehr schlechte Aufnahmequalität mit hörbaren Ploppgeräuschen und Übersteuerungen hinzu. Vermutlich mit einem Headset in einer Besenkammer aufgenommen, ist das aber noch nicht das Highlight. Denn dass jemand nicht singen kann, heißt ja nicht, dass er es nicht trotzdem machen sollte. Tatsächlich befindet sich im zweiten Drittel urplötzlich ein Song für ein kleines Mädchen - schiefer vorgetragen als der Turm von Pisa auf Fotos wirkt. Hier schließt sich aber gekonnt der Kreis zum ebenfalls nicht überspringbaren, gewöhnungsbedürftigen und viel zu langen Intro beim Start des Spiels.
Um auch jedes zarte Aufkommen von Atmosphäre im Keim zu ersticken, wurde unpassende Musik an unpassende Stellen gesetzt. Wie die grafische Darstellung wirkt einiges so künstlich überzuckert, dass nach drei Bissen das verarbeitende Organ die weiße Fahne schwenkt.

So eine Art Minispiel

Davon braucht es ein Bild - sonst glaubt es keiner

Und gerade, als das Spiel etwas Fahrt aufnimmt, werden die Minispiele eingeführt. Diese sind so hilf- und lieblos umgesetzt, dass Erstaunen garantiert ist. Mit Tastenkombinationen werden Angeln, Motorsäge benutzen und Jagen simuliert. Beim Jagen ist übrigens der Hirsch behilflich, indem er zuverlässig in eine Bärenfalle latscht und umfällt. Die Wahrscheinlichkeit eines Treffers ist dann vergleichsweise hoch und das Lob des virtuellen Nachbarn überschwänglich. Das ist auch gut so, denn wer es nicht über diese Aufgabe hinaus schafft, verpasst das absolute Minispiel-Highlight: Schlittschuhlaufen. Aus dem Nichts zaubert eine Nachbarin einen abgezäunten Parcours mit Hütchen - und Kreissägen. Nein, kein Tippfehler, keine Autokorrektur. Kreissägen. Was normalerweise eine Werkbank und Befestigungen benötigt, dreht sich quietschfidel im Eis und kann dabei sogar rauf und runter gehen. Wer mit seinen beiden grotesk leeren Schlittschuhen (mehr wird nicht angezeigt) hineinsemmelt, darf von vorne anfangen. Fragen nach der Logik liegen spätestens hier bereits unter einer meterdicken Schicht Schnee begraben.
Und weil all diese unbeholfenen Minispiele so viel Spaß machen, darf man sie nach dem Ende der Geschichte in einem speziellen Menü sogar alle noch einmal spielen. Toll.

So eine Art Fazit

Ja, dieser Test ist ein harter Verriss und sicherlich haben sich auch Leute mit dem Spiel viel Mühe gemacht, auch wenn davon im Endprodukt leider fast nichts zu sehen ist. Aber wer sein Spiel kommerziell vertreibt, muss sich Konkurrenz und harter Kritik stellen. Alaska fehlt alles, was es für eine gute Erzählung, geschweige denn für ein gutes Spiel braucht. Als kleiner Trost bleibt nur die Erkenntnis: Kein Adventure ist nutzlos. Es kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen.

Galerie

Kommentar des Verfassers

Kommentare

detail

Ich habe schon viele schlechte Adventures gespielt. Alaska war nicht das schlechteste, aber eines der ärgerlichsten. Wer Sexismus, sinnlose, exzessive Gewalt und Selbstmord thematisiert, sollte dafür gute Gründe und eine ausreichende Rückbindung an die Geschichte haben. Erst recht, wenn er den Spieler zum unüberlegten, kaltblütigen Morden zwingt. Allein deswegen ist der Titel schon keine Empfehlung wert.

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Pro
Contra
  • Hübsches Menübild
  • Durchspielbar
  • Recht zügig vorbei
  • Furchtbare Grafik
  • Furchtbare Musik
  • Furchtbare Geschichte
  • Furchtbare Synchronisierung inkl. Gesangseinlage
  • Furchtbare Bewegungsanimationen
  • Aktive Gewalt ohne echte Rückbindung