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Test

von  Hans Pieper
01.04.2015
Sherlock Holmes: Crimes & Punishments
Getestet auf
  • Windows
  • PlayStation 3
, Sprache
  • Deutsch
  • Englisch
86%

Entwickler Frogwares hat Sherlock Holmes erneut in den Ring geschickt - diesmal gleich in sechs Fällen auf einmal. Nach Das Testament des Sherlock Holmes liegt die Latte bei Crimes and Punishments hoch. Wie schlägt sich der Nachfolger?

Neues Konzept, andere Rätselform

Die größte Neuerung bei diesem Sherlock-Holmes-Teil ist, dass Inventar- und Kombinationsrätsel vollständig weggefallen sind. Vielmehr muss der Spieler Zeugen verhören, Personen und Tatorte genau betrachten, Objekte am heimischen Schreibtisch analysieren und die richtigen Schlüsse ziehen. Letzteres passiert im sogenannten Deduktionsmodus. Dort verbindet der Spieler im Gehirn von Sherlock Fakten und kann daraus Schlüsse ableiten. Am Ende entstehen daraus Theorien, wer aus welchem Grund der Mörder sein könnte. Dann folgt eine oftmals schwere Entscheidung, wer nun der Schuldige ist. Und: Ob er bestraft werden sollte. Denn in jedem Fall hat Sherlock auch die Gelegenheit, Mörder entkommen zu lassen. Das hat wiederum Einfluss auf Sherlocks generelle Einstufung (zum Beispiel verständnisvoll oder neutral). Obwohl es zunächst einfach klingt, den Mörder zu verurteilen, schafft es das Spiel überraschend häufig, den Spieler in moralische Zwickmühlen zu bringen und schwanken zu lassen. War das Motiv wirklich stark genug, dass mein Hauptverdächtiger tatsächlich einen Mord begehen würde? Und falls ja, sollte man ihn nicht einfach laufen lassen, weil es gute Gründe für den Mord gab? Um sich wirklich sicher zu sein, wer der Täter ist, muss genau recherchiert werden, jedes Dokument geprüft, jeder Dialog aufmerksam verfolgt werden. Doch auch dann macht es das Spiel bei einigen Fällen nicht zu leicht. Ob der richtige Mörder enttarnt wurde, erfährt der Spieler nicht - es sei denn, er überprüft explizit seine Entscheidung. Wie gut die sechs Fälle jeweils gelöst wurden, hat allerdings keinen allzu großen Einfluss auf das Ende des Spiels.

Dreh- und Angelpunkt des Spiels:<br /><br />Die Deduktion in Sherlocks Hirn

Von Fall zu Fall

Die sechs Fälle des Spiels hängen inhaltlich nicht zusammen, jeder erzählt quasi seine eigene Kurzgeschichte. Im Schnitt dürfte jeder Fall bei gründlichem Spielen in etwa drei bis fünf Stunden abgeschlossen werden. Einen allgemeinen Rahmen zwischen den Fällen schafft eine Gruppierung namens ""Merry Men"", die offenbar einen Anschlag plant und nach dem sechsten Fall in Erscheinung tritt. In den Fällen selbst geht es stets um Morde an den unterschiedlichsten Orten. Während die meisten Fälle dabei sehr realistisch anmuten, rutscht vor allem ein Mord in einer Therme stark in den Fantasy-Bereich ab und wirkt deshalb fast etwas deplatziert. Allerdings kann dieser Fall vor allem durch seine ungewöhnlichen Orte und in die Umgebung integrierten Rätsel überzeugen.

Minispiele sorgen für Abwechslung

Nahezu makellose Präsentation

Bei der Grafik lässt Crimes and Punishments kaum Wünsche offen. Vor allem die Gesichter der Charaktere sind extrem detailreich dargestellt und Emotionen werden überzeugend transportiert. Die vielen verschiedenen Schauplätze sind mit viel Liebe gestaltet und machen Spaß beim Erkunden. Ebenso gut gesetzt sind die Geräusche und die sehr dezent gehaltene Hintergrundmusik. Auch die (nur auf englisch verfügbare) Sprachausgabe ist qualitativ sehr hochwertig und trägt die Charaktere wunderbar durch die Fälle. Die deutsche Übersetzung in Form von Untertiteln ist zum Teil sehr frei gehalten und interpretiert erstaunlich viel in sehr einfache Originalsätze hinein.

Gerade bei Nahaufnahmen von Gesichern<br /><br />fällt auf, wie realistisch die Grafik ist

Eine Frage der Perspektive

Prinzipiell hat der Spieler die Wahl zwischen zwei Perspektiven: Entweder er erlebt alles direkt aus der Sicht von Sherlock oder er steuert ihn aus der Sicht einer dritten Personen. In beiden Fällen ist über die WASD-Tastenkombination eine freie Bewegung möglich. Mit Spezialtasten kann Sherlock zudem zwei besondere Fähigkeiten nutzen: Zum einen ist er in der Lage, vergangene Abläufe als Schatten zu sehen und in die richtige Reihenfolge zu bringen (ähnlich wie bei The Vanishing of Ethan Carter). Zum anderen kann er mit einer verbesserten Sicht schwer zu erkennende Details und Objekte entdecken. Sollten diese Fähigkeiten benötigt werden, leuchten stets spezielle Symbole auf dem Bildschirm auf. Über ein umfangreiches Menü in Form eines Notizbuches erhält der Spieler Zugriff auf eine Karte, mit der er zwischen verschiedenen Schauplätzen wechseln kann, die aktuelle Aufgabenliste, gesammelte Gegenstände, Hinweise und Dokumente, ein Dialogprotokoll, eine Charakteranalyse und die aktuelle Einstufung der moralischen Einstellung. Eingesammelte Gegenstände werden - sofern sie in der Umgebung überhaupt Verwendung finden - automatisch vom Spiel eingesetzt. An wenigen Stellen übernimmt der Spieler die Rolle von Watson und des Hundes Toby. Insgesamt ist die Steuerung ausgereift und gut durchdacht.

Einige Male gibt es kurze Quicktime-Events. Diese kommen zum Teil - wie im echten Leben - sehr überraschend und können sogar über Leben und Tod eines Nebencharakters entscheiden.

Sherlock ist ein guter Beobachter

Kleinere Kritikpunkte

Insgesamt bietet Crimes and Punishments über das gesamte Spiel hinweg moderate Knobelaufgaben und einige interessante Minispiele, die stets gut in die Umgebung integriert sind. Dennoch macht es das Spiel an einigen Stellen vielleicht zu einfach. Letzlich verlaufen die Fälle sehr geradlinig und es ist schwer, wirklich etwas Entscheidendes zu verpassen und so am Ende eine falsche Entscheidung zu treffen. Die Aufgabenliste nimmt den Spieler stark an die Hand, ein Modus mit mehr Freiraum hätte sicherlich geübtere Spieler mehr gefordert. Auch die groß beworbenen Auswirkungen von Entscheidungen fallen eher gering aus. Im Abspann sind je nach Entscheidung unterschiedliche Szenen aus den Fällen zu sehen. Einen wirklich großen Unterschied macht auch eine letzte Entscheidung ganz am Ende des Spiels nicht - hier unterscheidet sich die letzte Videosequenz in etwa 20 Sekunden von der anderen Möglichkeit. Das schmälert den Wiederspielwert ein wenig.

Ebenfalls bedauerlich ist, dass der letzte Fall ein wenig blutleer daherkommt. Anders als die anderen Fälle steuern die Ermittlungen äußerst zielstrebig auf nur einen logischen Schluss zu, wodurch der Abschluss des Spiels ein wenig mager wirkt.

Sherlock in der Garderobe - nette Funktion, aber wie auch <br /><br />die alternativen Enden ohne großen Spieleinfluss

Fazit

Crimes and Punishments sieht fantastisch aus und wagt eine ungewohnte Form des Rätseldesigns, das Ermittlungen und logische Schlüsse in den Mittelpunkt rückt. Die Präsentation ist nahezu perfekt, leider wurde aber auf eine deutsche Sprachausgabe verzichtet. Der Spielfluss ist herrlich und der Aufbau durchdacht. Auch wenn dem Spieler ein wenig mehr zugetraut hätte werden können und der letzte Fall einen eher schwachen Verlauf hat, ist der Titel eine definitive Kaufempfehlung für Adventure-Fans!

thumb
PS3-Version Die Version für die Playstation 3 hat die Steuerung gut auf den Controller übertragen. Allerdings wirken vor allem die Stimmen zu stark komprimiert und weisen zum Teil hörbare Artefakte auf. Eine echte Geduldsprobe sind die Ladezeiten, die zum Teil bis zu eine Minute in Anspruch nehmen. Das ändert sich leider auch nur minimal, wenn ein Schauplatz bereits besucht worden ist. So zieht sich das Spiel unnötig in die Länge. Daher würden wir eher zur PC-Version raten.

Kommentar des Verfassers

detail

Was war ich doch skeptisch, als ich zum ersten Mal von den sechs Fällen las, die Sherlock Holmes in Crimes & Punishments unter die Lupe nehmen sollte. In Zeiten, in denen erfolgreiche TV-Serien ihre Geschichten in epischer Bereite über mehrere Staffeln zur Entfaltung bringen, presst Frogwares sechs Geschichtchen in ein einziges Adventure? Doch ich sollte positiv überrascht werden! Für mich brachten die vielen kurzen Fälle gleich zwei Vorteile mit sich. Zunächst natürlich eine enorme Abwechslung. Dieses Füllhorn unterschiedlicher Örtlichkeiten und Charaktere hätte Frogwares innerhalb eines Falles kaum liefern können, ohne dass es konstruiert gewirkt hätte. Und außerdem sorgten die kurzen Fälle dafür, dass ich nicht den Faden verlor. Ich konnte mich an einem Abend für zwei bis drei Stunden gründlich mit einem Fall befassen und diesen auch abschließen – ohne mich beim nächsten Mal durch diverse Aufzeichnungen arbeiten zu müssen, um mir die Zusammenhänge wieder ins Gedächtnis zu rufen. So hat mir das Spiel auf jeden Fall ordentlich Spaß gemacht. Gut, anfangs fühlte ich mich ein bisschen so, als würde ich in der Baker Street ein Praktikum machen und dem Meisterdetektiv bei seiner Arbeit lediglich hospitieren. Auf einige von Holmes Herleitungen und Schlussfolgerungen wäre ich alleine niemals gekommen. Aber dieser Detektiv verfügt eben über einen genialen Geist. Auch das Fehlen klassischer Inventarrätsel hat mich nicht gestört. Sogar im Gegenteil, denn so konnte ich mich voll und ganz auf die eigentlichen Fälle konzentrieren. Und das war auch nötig. Ganz besonders beim Abschluss eines Falles. Was habe ich gegrübelt, welchen vermeintlichen Täter ich des Mordes beschuldigen und welche moralische Entscheidung die Beschuldigung nach sich ziehen sollte. Zumal mich das Spiel danach erst einmal im Zweifel ließ, ob ich richtig oder falsch gehandelt hatte. Über jeden Zweifel erhaben ist ganz klar die Präsentation. Besonders die Innenräume sind opulent und authentisch eingerichtet. Authentisch, indem es beispielsweise auch mal unordentlich ist – so entsteht der Eindruck, dass tatsächlich alles stehen und liegen gelassen wurde, da sich ein Mord ereignet hat. Sogar mit der vielgescholtenen Vertonung konnte ich mich anfreunden. Zwar reichten meine Englischkenntnisse nicht aus, um auf die deutschen Untertitel zu verzichten. Jedoch verlaufen die Gespräche größtenteils über Nahaufnahmen der Charaktere. Anders als bei der cineastischen Dynamik eines The Walking Dead verpasste ich also vergleichsweise wenig, während ich die Texte las. Meine logische Schlussfolgerung: Kaufempfehlung für Freunde vertrackter Kriminalfälle.Benjamin Klemen
Frogwares beweist mit Crimes & Punishments ein weiteres Mal, dass sie sehr gelungene Sherlock-Holmes-Spiele erstellen können. Grafisch überzeugt es dank neuer Engine nochmals mehr als schon das sehr ansehnliche Testament des Sherlock Holmes, das Rätseldesign bietet erfrischende neue Ansätze und die Entscheidungen am Ende des Falls fordern den Spieler dazu auf, mitzudenken. Ein kleiner Rückschritt sind die spürbar kleineren Areale im Vergleich zum Vorgänger, die fehlende deutsche Lokalisierung und die häufigen Ladezeiten beim Wechsel der Location. Dennoch eine klare Empfehlung meinerseits!
Axel Kothe
Selten hat mich ein Spiel in so verzwickte Situationen gebracht. Am Ende der Ermittlungen brütete ich minutenlang vor dem Bildschirm. Habe ich jetzt Recht mit meinem Verdacht? Habe ich etwas übersehen? Immerhin wird gleich der Falsche gehängt, wenn ich mich vertan habe... Frogwares hat einmal mehr gezeigt, dass sie geniale Sherlock-Spiele auf den Markt bringen und dabei ganz nebenbei auch Innovationen im Rätseldesign integrieren können. Gerne mehr davon!

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Leser- Wertung

0 ( 0 )
Pro
Contra
  • Fantastische Grafik
  • Innovatives Spielprinzip
  • Gelungene Umsetzung von Ermittlungen
  • Tolle Schauplätze
  • Sehr gute englische Synchronisation
  • Keine deutsche Sprachausgabe (nur Untertitel)
  • Story gleitet manchmal etwas stark ins surreale ab
  • Alternative Enden machen kaum einen Unterschied
  • Letzter Fall etwas blutleer