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orig
>observer_

Test

von  Hans Pieper
30.08.2017
>observer_
Getestet auf Windows, Sprache
  • Deutsch
  • Englisch

2084 ist die Technik weit fortgeschritten. Gleichzeitig liegt die Menschheit am Boden. Eine digitale Seuche und ein großer Krieg haben unzählige Opfer gefordert. Wer überlebt hat und nicht zu einer privilegierten Klasse gehört, lebt in einer trostlosen, fast vollständig digitalen Welt, die gnadenlos durch ein übermächtiges Unternehmen beherrscht wird. Die Wenigsten kommen ohne digitale und mechanische Ersatzteile für ihren Körper und Geist aus. Das macht sie leicht angreifbar: Wer ein Hirnimplantat besitzt, kann manipuliert und vor allem ausgelesen werden. Dafür sind die >observer_ zuständig. Bei Kriminalermittlungen verbinden sie sich mit Opfern und Tätern, um in deren Bewusstsein nach Antworten zu suchen. Einer von ihnen ist Daniel Lazarski. Nach einem Anruf seines verloren geglaubten Sohnes verirrt er sich in den unzähligen Gängen und Zimmern eines Wohnblocks, während er einen brutalen Killer jagt.

2084 sind die meisten Menschen voller elektrischer Teile

Beunruhigende Zukunftsfragen

Das Spiel wirft eine ganze Reihe von philosophischen Hintergrundfragen zur schrecklichen neuen Welt auf. Wie viele Teile darf ein Mensch ersetzen, bevor er kein Mensch mehr ist? Wenn die virtuelle Realität absolut glaubwürdig erscheint, wie wird dann die ursprüngliche Realität erkannt? Wie weit kann, darf und möchte ein Mensch gehen, um sein Leben zu retten? Und ist dieses dann noch lebenswert?
Eines wird schnell klar: Die Technik der Zukunft weckt zahlreiche Begehrlichkeiten ganz unterschiedlicher Art.  

Wer ohnehin Angst vor Hausmeistern hat, wird es bei diesem besonders schwer haben

Horrorvision

Der größte Pluspunkt von >observer_ ist die enorm starke Atmosphäre, die der Titel aufbaut. Zum einen sorgen die Umgebung und deren Inszenierung an sich schon für ein unheimliches Gefühl. Mit wenigen, dafür aber meist sehr gut gesetzten Jumpscares gibt es zahlreiche Schockmomente. Hinzu kommt die detailreiche und ekelhafte Darstellung der Ergebnisse von exzessiver Gewalt, sodass dieses Spiel definitiv nicht für alle Adventurefans geeignet ist. Abgetrennte Köpfe und Innereien gehören während der Ermittlungen zur Tagesordnung. Doch nicht nur diese oberflächlichen Elemente erzeugen den Horror. Auf einer weiteren Ebene entwickelt sich ein viel tiefergehendes Grauen. Denn je mehr der Spieler über die dunkle, verkommene Welt herausfindet, desto trostloser und bedrohlicher erscheint sie ihm – und dazu gar nicht so weit weg von den bereits heute verfügbaren technischen Möglichkeiten. Auf diese Weise zieht einen >observer_ mit fortschreitender Spielzeit immer tiefer in seinen Bann.

Bei den Ermittlungen wird der Spieler mit allerlei ekelhaften Situationen konfrontiert. Genau hinsehen muss er trotzdem.

Einnehmende Grafik

Die Grafik ist ein absolut stimmiges Gesamtpaket. Mit packendem Realismus und hoher Qualität, die nur an wenigen Randbereichen etwas abnimmt, zieht der Titel den Spieler tief in seine dunkle Welt. Durch zusätzliche Effekte wird Stück für Stück die eigene Wahrnehmung immer weiter irritiert. Eine Vielzahl von Schauplätzen macht die Erkundung des riesigen Gebäudekomplexes spannend, hinzu kommen die Sequenzen in den Erinnerungen der angezapften Opfer und Täter. Diese haben viel mit dem Vorgängertitel Layers of Fear gemeinsam.

Abwechslungs- und detailreich: Die Grafik ist eine Wucht

Inspektor 2.0

Bei den Ermittlungen werden Daniel Lazarski und der Spieler durch ein Implantat unterstützt. In einer biologischen Sicht (Q) wird organische Materie hervorgehoben und analysiert, in einer elektronischen Sicht (E) leuchten technische Geräte auf und per Nachtsicht (F) findet sich der Hauptcharakter in dunklen Umgebungen zurecht. Was anfangs steuerungstechnisch noch etwas verwirrend ist, fühlt sich schnell natürlich an und erweitert die Tatortuntersuchungen gelungen. Neben der genauen Beobachtung sind an wenigen Stellen auch leichte Adventure-Rätsel gefragt, etwa wenn Türcodes erraten werden oder Kabel an der richtigen Stelle eingesteckt werden müssen. Die meiste Zeit ist der Spieler jedoch unterwegs und die Aufgaben bleiben stets auf einem sehr einfachen Niveau. Ein digitales Armband mit einer To-Do-Liste erleichtert einen Wiedereinstieg ebenso wie eine kurze Textzusammenfassung beim Laden. Einige Aufgaben sind optional, sodass der Spieler selbst entscheidet, wie tief er in die Welt eintauchen will. In einer häufig gezeigten Sequenz muss er sogar eine moralische Entscheidung treffen, die jedoch keinen Einfluss auf das Ende hat. Hier zählt nur die Auswahl aus zwei Optionen wenige Minuten vor dem Abspann.

Durch seine Implantate sieht Daniel mehr

LOOOUD NOISES!

Die Soundkulisse des Spiels ist äußerst gut gelungen. Bis in die kleinste Nebenrolle sind die englischen Sprecher perfekt besetzt. Deutsche Spieler können unterdessen auf die ebenfalls rundum gelungene Textübersetzung zurückgreifen. Der stets dezent im Hintergrund wabernde Soundtrack trägt viel zur beunruhigenden Atmosphäre bei. Auch in die Geräusche ist viel Detailarbeit geflossen. Etwas zu häufig bekommt der Spieler zu Schockzwecken aber eine Reihe von lauten Soundeffekten um die Ohren gehauen, hier wäre weniger mehr gewesen.

Auf Dauer nervig: Albtraumwelten

Die großen Abers

Das Spiel wäre eine perfekter Horrortitel – würde es sich nicht auch eine ganze Reihe nerviger Patzer leisten.
Da wären vor allem die Sequenzen in den Köpfen anderer Menschen, die deutlich zu lang geraten sind. Gleiches gilt für das letzte Drittel des Spiels. Große Teile bestehen dabei aus stupidem Geradeauslaufen mit wenigen Schockeffekten, die eher Geisterbahnflair als echten Horror aufkommen lassen. Diese Passagen ziehen die Geschichte unnötig in die Länge und nehmen zu viel Spannung aus dem Titel. Die zahlreichen Licht- und Verzerrungseffekte bei diesen Passagen können sich ebenfalls sehr nervig auswirken.
Ein weiterer großer Minuspunkt ist eine Abfolge von Schleicheinlagen, bei denen einem oder mehreren Monstern ausgewichen werden muss. Wird der Spieler erwischt, muss er die Sequenz von vorne beginnen. Gerade bei mehreren Wiederholungen geht so die Atmosphäre komplett verloren.
Weiter geht es mit technischen Problemen: In Dialogen sind die Optionen nur sehr schwer zu treffen, da der Cursor auf einen Pixel schrumpft, der kaum zu erkennen ist. Vollkommen unverständlich ist die Entscheidung, nur einen ausschließlich automatisch speichernden Slot zur Verfügung zu stellen. Wer das alternative Ende sehen will, muss tatsächlich noch einmal das gesamte Spiel mit einer Länge von etwa 7 Stunden durchspielen, um dann eine etwa 5 Minuten lange, alternative Endsequenz zu sehen. Der Gang zu YouTube scheint da die definitiv bessere Variante zu sein.

Wer sich unterhalten will, braucht chirurgische Präzision

Fazit

>observer_ schafft eine unglaublich dichte, sehr starke Horroratmosphäre. Obwohl der Titel eine Vielzahl schwerer philosophischer Fragen anpackt, sind diese so gut über das Spiel verteilt, dass sie alle wirken. Die Grafik ist, abgesehen von auf Dauer nervigen Effekten, sehr gut umgesetzt und die Sprecherleistung fantastisch. Doch viel zu langatmige Traumpassagen und nervige Schleichsequenzen bremsen den Titel stark aus. Hinzu kommen technische Mängel. Das ist schade, denn ansonsten hätten wir hier einen der besten Horrortitel der letzten 20 Jahre vor uns.

Galerie

Kommentare des Verfassers

detail

 So schlecht ich die in >observer_ offen zur Schau getragenen Splatter-Effekte vertrage, so tief bin ich in seine schreckliche Welt mit einer enorm spannenden philosophischen Grundstruktur abgetaucht. Der Titel hat vieles, was er hervorragend löst – leider aber auch ein paar große Negativpunkte. Es bleibt zu hoffen, dass das Bloober Team hier bei seinem nächsten Spiel nachbessert. 

Hans Pieper    >
 

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Leser- Wertung

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Pro
Contra
  • Tolle Grafik
  • Fantastischer Sound
  • Spannende Grundgeschichte
  • Tiefgehende Philosophie
  • Integration der Rätsel in die Umgebung
  • Schlechtes Speichersystem
  • Nervige Schleichpassage
  • Albtraumpassagen zu lang
  • Einige Effekte nerven auf Dauer
  • Schwache Rätsel
  • Dialogoptionen nur schwer zu treffen