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Test

von  Hans Pieper
17.10.2012
Chaos auf Deponia
Getestet auf Windows, Sprache Deutsch
90%

Auf ein Neues!

Länger und lustiger sollte Deponia 2 werden, das versprach Poki uns zumindest auf der gamescom 2012. In beiden Punkten sollte er recht behalten. Die Fortsetzung der Geschichte rund um den Müllplaneten fährt story- und humortechnisch so viel auf, dass kaum Wünsche offen bleiben. Schon die erste Spielszene ist so bitterböse und gleichzeitig lustig aufgebaut, dass dem Spieler nur ein entsetztes Gesicht oder ein unbändiges Lachen zur Auswahl bleiben. Die Geschichte hinter Chaos auf Deponia ist ebenso stark wie bei seinem Vorgänger und sehr gut erzählt. Außerdem fühlt sich das Ende des zweiten Teils deutlich runder an und hinterlässt einen so zufriedener. Bereits bekannte Charaktere werden gut fortgeführt und die neuen Gesichter sind ebenfalls eine Bereicherung für das Spiel und die Atmosphäre. Die Gags, von denen das Spiel offenbar einen unerschöpflichen Vorrat hat, kommen punktgenau, pointiert und sehr unterhaltsam an. Besonders nett ist die Tatsache, dass dabei häufig auch eine Meta-Ebene benutzt wird: Hin und wieder werden das Spiel selbst, seine Entwickler oder seine Kritiker auf die Schippe genommen. Spieleredakteuren und aufmerksamen Lesern bietet der Titel dadurch sogar noch einen zusätzlichen Mehrwert: Die Art und Weise, wie Daedalic mit Kritik am ersten Teil umgeht, ist zum Brüllen komisch. Und genau wie im ersten Teil gibt es einen pubertären Ausrutscher in Sachen Humor. Warum? Wahrscheinlich weil muss ja und so.


Gekonnt nimmt Daedalic seine Kritiker und sich selbst auf die Schippe"

Synchronsprecher in Höchstform

Audiotechnisch hat Chaos auf Deponia einiges zu bieten. Der Soundtrack enthält zahlreiche neue Stücke, die unter sich auch deutlich mehr Abwechslung bieten, als das noch im ersten Teil der Fall war. Dennoch kommen auch Stücke aus dem ersten Teil zum Einsatz, hier und da mit leichten Variationen. Bis auf eine Spielstelle, in der das explizit anders gewollt ist, fügt sich die Musik zurückhaltend in das Spielgeschehen ein und transportiert die Atmosphäre bestens. Monty Arnold war bereits im ersten Teil in der Rolle des Rufus genial, doch jetzt läuft er zur absoluten Höchstform auf. Anders lässt sich seine hervorragende Sprecherleistung nicht beschreiben. Jede Pointe sitzt, jeder Ausdruck und jede Betonung ist perfekt. Immer noch recht störend ist allerdings die Tatsache, dass Arnold auch in diesem Teil wieder „Selbstgespräche“ führt. In Szenen, bei denen sowohl Rufus, als auch Cletus, als auch die Wachen des Organon auftauchen, fällt die Mehrfachbesetzung zu deutlich auf. Vielleicht gibt es im geplanten letzten Teil der Deponia-Reihe noch eine andere Begründung für diese Entscheidung, als reinen Sparwillen. Auch die übrigen Sprecher, teilweise aus anderen Daedalic-Spielen noch im Ohr, liefern sehr gute Arbeit ab, sodass das Spiel ein echter Hörgenuss ist. Besonders überraschend ist die Tatsache, dass Gastsprecher Gronkh längst nicht so überdreht polarisierend auftritt, wie man von seinen Let's-Play-Videos her befürchtet haben könnte. Im Gegensatz zu diesen schafft er es, seine brabbelnde, doch recht übertriebene Natur zu vergessen und eine sehr gute Interpretation eines genervten Deponianers abzugeben. Wer ihn nicht kennt, könnte sogar annehmen, es handele sich um einen „regulären“ Synchronsprecher. Auch Poki singt wieder zum Einstieg der Kapitel, eine schöne Tradition, deren Fortsetzung eine gute Idee war. Weniger gut ist der ein wenig verunglückte Versuch, Poki zusätzlich noch als Gondoliere-Fahrer in das Spiel zu bringen. Denn leider ist seine Fähigkeit, einen italienischen Akzent glaubhaft nachzumachen nicht vorhanden, was ein wenig an der Atmosphäre zieht. Und auch wenn die zusätzlichen vier Lieder recht lustig sind, wurde dann fast schon zu viel gesungen. Von diesen kleinen Kritikpunkten abgesehen, macht der zweite Teil bei der Musik, den Sprechern und den Geräuschen alles richtig, richtiger sogar als Teil 1.

Spätestens seit dem zweiten Teil ist Monty Arnolds Stimme <br /><br />fest mit dem Antihelden Rufus verbunden.

Technisch grundsolide

Technisch hält Daedalic an den Vorzügen der Steuerung des ersten Teiles fest. Das Inventar kann entweder klassisch oder per Mausrad geöffnet werden, Gegenstände bleiben aktiv, wenn eine Kombination nicht erfolgreich war. Unter der Haube wurde anscheinend viel geschraubt: Die Lade- und Speicherzeiten haben sich deutlich verkürzt und insgesamt erscheint das Spiel wesentlich stabiler, selbst beim Verlassen durch die bei vielen Titeln gefährliche ""Alt+Tab""-Tastenkombination. Bis auf einen Spielfehler, der bei unserem Test nicht auftauchte, mit dem aber mehrere Nutzer bereits konfrontiert wurden, ist das Spiel auch von der technischen Seite gesehen sehr gut umgesetzt.

Was soll bei der Technik schon schiefgehen?

Kreatives Rätseldesign

Die Rätsel, die der Spieler in Chaos auf Deponia lösen muss, bewegen sich auch wie beim ersten Teil zwischen einem mittleren und einem hohen Schwierigkeitsgrad. Sehr schnell werden große Areale freigeschaltet, in denen mehrere Aufgaben teilweise in beliebiger Reihenfolge ausgeführt werden können. Hinweise auf die Lösung eines Problems gibt es dabei häufig durch Betrachten eines Objektes oder durch Gespräche mit anwesenden Charakteren. Die Art der Rätsel reicht von gut in die Geschichte integrierten Minispielen über Dialogrätsel bis hin zum klassischen Inventarrätsel. Alle Minispiele sind auf Wunsch auch sofort überspringbar. Da diese aber alle gut machbar sind, ist das eigentlich nicht nötig. Auffallend ist, wie kreativ einige der Aufgaben sind. Es ist sicherlich nicht falsch zu behaupten, dass Chaos auf Deponia eines der genialsten Rätsel enthält, die jemals in ein Adventure eingebaut wurden. Hat man es gelöst, schlägt man sich lachend oder fassungslos die Hand vor die Stirn. Doch auch die beiden Rätsel, die mit einem Zeitparadox oder mit Teleportern arbeiten, sind schöne Beispiele für perfekt gelungene Rätselkost. Hut ab!

Tierlieb sollte man als Spieler übrigens auf keinen Fall sein, denn süße Tiere leben nicht lange (schmerzfrei) in Rufus‘ Nähe. Als eine Art Running Gag ziehen sich Aufgaben durch das gesamte Spiel, bei denen (mehr oder weniger absichtlich) ein Lebewesen zu Schaden kommt.

Komfortabel: Eine Karte hilft beim <br /><br />Navigieren durch die Stadt

Sieht nach Müll aus, ist aber keiner

Grafisch hat sich Chaos auf Deponia im Vergleich zum ersten Teil noch ein wenig weiterentwickelt. Die Schauplätze sind sehr gut in Szene gesetzt, viele Charaktere, Tiere und Objekte lassen die Umwelt lebendig wirken. Wieder ist es Daedalic gelungen, einen komplett vermüllten Planeten auf irgendwie schöne Art und Weise darzustellen. Zahlreiche Zwischensequenzen und Animationen ergänzen die visuelle Präsentation. An einigen Stellen hätte man sich vielleicht doch noch mehr Videomaterial statt einer Schwarzblende gewünscht, doch allzu sehr fallen diese sehr seltenen Momente nicht ins Gewicht. Ein letztes Feld für Verbesserungen wären noch die Animationen im Spiel selbst. Dadurch, dass diese im zweiten Teil häufiger und optisch etwas verbessert verwendet werden, fällt umso mehr ihr Rucken auf. Mit etwas sanfteren Übergängen wäre das Spiel sicherlich noch ein größerer Hingucker, doch ein Stück weit entspricht dies ja auch dem Stil von Daedalic und diese Kritik ist bereits auf einem sehr hohem Niveau. Insgesamt ist der Titel ohnehin schon sehr schön anzuschauen.

Chaos auf Deponia sieht einfach gut aus

Fazit

Chaos auf Deponia 2 ist ein absolut würdiger Nachfolger für den ersten Teil und legt die Latte für den großen Abschluss der Reihe sehr hoch. Bis auf wenige Kleinigkeiten macht das Spiel alles richtig und vor allem viel Spaß. Gespannt warten wir nun auf das große Finale. Viel Glück, Daedalic!

Kommentare des Verfassers

Kommentare

detail

Ich hätte es fast nicht für möglich gehalten, doch Poki hat es geschafft: Chaos auf Deponia ist noch größer, witziger und besser als sein schon toller Vorgänger. Vor allem das große 1. Kapitel im schwimmenden Schwarzmarkt hat mich begeistert. Während andere Adventures immer linearer aufgebaut sind, folgt Daedalic dem Ruf seiner Fans und gibt dem Spieler eine noch größere Spielwiese, in der er die Rätsel in beliebiger Reihenfolge angehen kann. Apropos Stichwort Rätsel: Für mich ein weiteres Highlight in Chaos auf Deponia. Abgedreht aber doch irgendwie immer logisch innerhalb der Spielwelt, nicht zu einfach, dafür abwechslungsreich und kreativ! Chaos auf Deponia ist in der Summe für mich eines der Besten Comicadventures überhaupt und ich kann es kaum erwarten in Deponia 3 weitere Abenteuer mit Rufus zu erleben.

detail

Chaos auf Deponia ist ein würdiger Nachfolger. Nicht nur dass es hier viele humorvolle Seitenhiebe auf die von vielen Seiten kritisierten Unzulänglichkeiten des Vorgängers gibt, man hat sich diese auch wirklich zu Herzen genommen und an vielen Stellen nachgebessert. Storytechnisch war ja auch am ersten Teil nicht so viel auszusetzen, da konnte also einfach lückenlos angeschlossen werden. Überhaupt finden sich hier viele Gemeinsamkeiten zu Deponia. Das ist auch gut so, denn schon der erste Teil war ein gutes Adventure und es gibt eigentlich keinen Grund, bewährte Elemente über den Haufen zu werfen. Erstaunlich ist, dass das Gag-Feuerwerk nicht abreißt. In manchen Szenen setzt Daedalic sogar noch einen drauf. Unterm Strich bleibt nur zu hoffen, dass der dritte Teil die jetzt so hohen Anforderungen erfüllen kann. Aber auch ein drittes Deponia-Adventure, das nur die Qualität des ersten Teils erreicht, wäre mir schon willkommen.Michael neon Stein Grandios. Für mich ist Chaos auf Deponia das beste Comic-Adventure seit vielen Jahren und, wenn bei Teil 3 nichts mehr schief läuft, das Mittelstück eines echten Meisterwerks. Die tolle Optik, der noch bessere Soundtrack und der rätseltechnisch gelungene Drahtseilakt zwischen Irrsinn und Logik haben dazu sicher einen guten Teil beigetragen, der Aspekt, der Chaos auf Deponia für mich noch ein Stück aus den Toptiteln des Genres herausragen lässt, ist aber ein anderer: Jan Müller-Michaelis. Der Kreativchef von Daedalic lässt wie bei Edna Bricht Aus und Harveys Neue Augen keine Zweifel aufkommen, dass Deponia seine Welt ist, seine Vision. Er gibt für Deponia alles, seine Stimme, seine Songs, sein Gesicht und er belebt die Welt mit durchaus riskanten Designentscheidungen, die sicher bei manch einem Spieler anecken werden und die bei allen anderen heutigen Adventure-Entwicklern wohl in irgendeinem Gamedesign-Gremium oder Producer-Büro weggefiltert worden wären. Das war bei den toten Kindern in Harveys Neue Augen so, das ist jetzt mit makaberen Tierrätseln so, mit gewagten Gags im Dialog mit dem blinden Apotheker oder in gar nicht so freundlichen Aktionen des trotteligen Antihelden Rufus. Doch was einigen sicher übel aufstoßen wird, gibt dem Spiel in meinen Augen auch jenseits der sehr hohen handwerklichen Qualität einen unverwechselbaren Charakter, ein eigenes Gesicht. Kein rund geschliffenes, keins, das jedem alles recht machen will, sondern ein garstiges, biestiges, pockiges, bärtiges, wunderbares, liebenswertes Narbengesicht. Das Gesicht von Jan Müller-Michaelis.Jan Das Jan Schneider Chaos auf Deponia gelingt, was ich nach vielen extrem linearen Adventures der letzten Jahre fast nicht mehr für möglich gehalten hätte: Als Spieler habe ich Handlungsfreiheiten bei der Lösung der Rätsel, die einfach großartig sind. Ich kann an mehreren Rätselketten parallel arbeiten und erhalte dabei auch noch immer konkretere Hinweise auf die richtigen Kopfnüsse - genau so sollte es sein. Klasse, dass Daedalic diesen schon im ersten Teil eingeschlagenen Weg konsequent fortführt und Vertrauen in die Fähigkeiten der Spieler setzt. Diesen Titel in der Fortsetzung noch zu toppen, dürfte schwierig werden.Hans Frank In der Redaktion waren wir uns einig: Chaos auf Deponia ist toll geworden. Hoffen wir auf einen tollen Abschluss!

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Pro
Contra
  • Extrem witzige Gags und Seitenhiebe, sowie schwarzer Humor
  • Ansprechende Grafik
  • Gute Musik
  • Knackige, aber kreative und faire Rätsel
  • Gute, spannende Geschichte
  • Dynamische Zwischensequenzen
  • Synchronsprecher in Hochform
  • Auffalende Doppelbesetzung einiger Stimmen
  • Nichts für Tierfreunde