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Uru: Ages Beyond Myst

Test

von  Jan "DasJan" Schneider
05.12.2003
Uru: Ages Beyond Myst
Getestet auf Windows, Sprache Deutsch

Lange haben Myst-Fans auf eine Fortsetzung ihrer Lieblingsspielreihe warten müssen, jetzt hat Cyan Worlds endlich ihr Mammutprojekt Uru: Ages Beyond Myst fertig gestellt und bereichert damit erstmals seit Riven das Universum der Myst-Spiele (Myst 3 war von Presto), wohl eine der komplexesten Spielewelten, die je für den PC erschaffen wurden. Seit 6 Jahren arbeitete unter der Führung von Myst-Erfinder Rand Miller ein Kernteam von 40 Mitarbeitern, weit über 100 freien Mitarbeitern und vielen, vielen (zuletzt mehrere tausend) Betatestern an der Fertigstellung des gewaltigen Projektes, das Innovation und Prinzipientreue erstaunlich gut miteinander vereint.

Uru besteht aus einem Einzelspieler-Teil, der mehr oder weniger wie die früheren Myst-Spiele funktioniert, und einem neuartigen Online-Modus, der Spieler überall auf der Welt die Spielwelt gemeinsam erforschen lässt. Dieser Test bespricht ausschließlich den Offline-Teil von Uru, ein UruLive-Test (so der Name des Online-Teils) folgt zu gegebener Zeit.

Meta-Myst

Die D’Ni waren eine Kultur, die vor einigen zehntausend Jahren in gigantischen, unterirdischen Höhlen aufblühte, noch lange bevor Menschen die Oberfläche bevölkerten. Bis vor wenigen hundert Jahren, als eine gewaltige Katastrophe die D’Ni vernichtete, lebten sie dort und praktizierten die "Kunst des Schreibens". Dadurch waren sie im Stande, Bücher zu schreiben, die ganze Welten enthielten, fantasievolle Umgebungen, in die sich jeder D’Ni nach Belieben teleportieren konnte.

Myst, Riven, Exile und einige Romane erzählen Kapitel aus der Geschichte dieser Zivilisation, doch Uru geht einen Schritt weiter: Im Jahre 1987 entdeckte ein Mann namens Jeff Zandi in der Wüste von New Mexico eine Spalte im Boden wieder, die zur Zeit der D’Ni eine Verbindung zwischen ihrer unterirdischen Welt und der Oberfläche darstellte. Durch diese Spalte wurden Expeditionen in das Reich der vergangenen Kultur und die hinterlassenen Bücher unternommen und bald bildete sich der D’Ni Restaurationsrat (DRC), der sich die Wiederherstellung dieser unbekannten Welt zur Aufgabe gemacht hat. In Uru: Ages Beyond Myst spielt man kein fiktives Kapitel aus ferner Vergangenheit nach, wie in den ersten Spielen, sondern tritt ein in die "Realität" und begibt sich selbst auf die Reise in die Fantasiewelten einer uralten Zivilisation.

In der Spalte in New Mexico findet man schnell ein Hologramm von Yeesha, Tochter von Atrus, einer jungen D’Ni, die eine Botschaft für den Finder der Spalte hinterlassen hat. Ihre Botschaft ist kryptisch, nur schwer zu verstehen, doch fordert sie den Spieler auf, sieben "Weltentücher" in der Umgebung zu finden und zu berühren. Bald wird klar, dass dies eine Tür öffnet, eine Tür in ein neues Abenteuer durch die Bücher der D’Ni.

Von Anfang an

Nachdem man Uru das erste Mal startet, wird man zunächst gebeten, sein Alter Ego zu erschaffen. Dazu hat man vielfältige Einstellmöglichkeiten: Haarfarbe, Frisur, Gesichtstextur, Breite und Länge von Nase und Kinn, Augenfarbe, Kleidung und vieles mehr, bis hin zur Farbe der Schnürsenkel. Zwar wünscht man sich gelegentlich eine größere Auswahl bei den Kleidungsstücken und eine perfekte Rekonstruktion des eigenen Aussehens ist wohl auch mit dieser Vielzahl an Einstellungen nicht möglich, doch wird man sich an Sätze wie "Was machst du denn da im Computer" gewöhnen müssen.

Es folgt eine Art Einführungskapitel in der Wüste von New Mexico, in dem man Zeit hat, sich an die Steuerung zu gewöhnen, von Yeesha eine Einführung in die Story bekommt und bei Problemen Jeff Zandi, der es sich vor einem Wohnwagen bequem gemacht hat, befragen kann. Dieser bringt einen schon mal auf die richtige Idee, wenn ein Rätsel Schwierigkeiten macht. Dieser Prolog endet in einer Höhle unterhalb der Spalte vor dem ersten der vielen Verbindungsbücher, die es in Uru zu finden gibt.

Von dort aus reist man in die Welt "Relto", die praktisch der Ausgangspunkt für alle zukünftigen Reisen ist. Relto ist nichts weiter als eine kleine Insel in den Wolken, die im Grunde nur eine kleine Hütte mit einem Bücherschrank und einem Kleiderschrank enthält. In ersterem sammeln sich im Laufe der Zeit Verbindungsbücher zu allen schon bereisten Welten, in letzterem kann man jederzeit sein Aussehen verändern, wenn man abgenommen hat oder sich doch lieber mit Zopf sieht. Vor der Hütte stehen vier Säulen und in jeder davon befindet sich ein Verbindungsbuch zu einer der vier Hauptwelten von Uru.

Die Geschichte wird einem Stück für Stück von Yeesha erzählt, die immer, wenn man etwas Wichtiges geschafft hat, eine kryptische Rede hält, die den Spieler über die Ereignisse der Vergangenheit und Yeeshas Absichten aufklären. Ansonsten ist man auf einige Bücher angewiesen, die man in der Spielwelt findet, und die durch Forschungsergebnisse des DRC die Welt von Uru begreifbarer machen. Darüber hinaus hilft auch das simple Beobachten der Spielwelt, die Story zu begreifen. Auch Kenntnis der anderen Myst-Spiele und sogar der Bücher hilft beim Verstehen. So ist es leicht möglich, dass Myst-Einsteigern, Lesemuffeln und unaufmerksamen Spielern viele Details entgehen – dafür formt sich die Vergangenheit der D’Ni im Wesentlichen im Kopf des Spielers, anstatt einem vorgekaut präsentiert zu werden. Mitdenken und die Lektüre der Bücher innerhalb des Spiels lohnen sich also durchaus.

Benutze Ast mit zweiköpfiges Eichhörnchen

Die Myst-Anhänger haben sich schon längst an das gewöhnt, was jedem LucasArts-Jünger die Zornesröte ins Gesicht treiben würde: Ein Inventar gibt es in Uru nicht. Damit entfallen auch alle inventarbasierten Rätsel, es gibt kein "Benutze Hamster mit Mikrowelle". Für viele genau so schockierend: Es gibt praktisch keine Dialoge. Ganz am Anfang redet man kurz mit Zandi, später bekommt man höchstens etwas von Yeesha erzählt, kann ihr aber nicht antworten. Das ändert sich natürlich in UruLive, wo man mit anderen Spielern reden kann – dazu aber mehr in unserem UruLive Test.

Wie sehen die Rätsel dann aus? Der eine Teil besteht aus den Myst-typischen Schalterrätseln und anderen mechanischen Spielereien. Alle diese Rätsel basieren auf Logik oder der Beobachtungsgabe des Spielers, Hinweise finden sich gelegentlich in den Büchern, die in Uru auch wieder reichlich zu finden sind. Den Myst-Fan werden diese Rätsel durchaus zufrieden stellen, auch wenn deren Lösung auf Grund erheblicher Ladezeiten und der 3D-Umgebung eine langwierige Angelegenheit sein kann. Frühere Spiele der Serie hatten an Rätseln durchaus komplexere Aufgaben zu bieten, doch auch Uru mach es dem Spieler nicht leicht.

Insgesamt ist die Rätseldichte eher dünn, einige Welten bieten sogar fast gar kein richtiges Rätsel an, sondern dienen nur der Erkundung. Ein Ärgernis sind die sogenannten Weltentücher, von denen in jeder Welt sieben Stück zu finden sind. Erst dann öffnet sich der "Level-Ausgang", hinter dem Yeesha ein weiteres Stück der Story erzählt. Als Rätsel wirkt das Suchen der Weltentücher eher primitiv und aufgesetzt, interessant sind dagegen nur die Rätsel, die den Weg zu ihnen versperren. Gleichzeitig dienen die Stoffetzen als Speicherpunkte, denn eine gewöhnliche Speicherfunktion bietet Uru nicht. Startet man das Spiel, landet man immer auf Relto, von dort aus kann man sich dann nur zum Anfang oder zum zuletzt berührten Weltentuch einer Welt teleportieren. Immerhin lassen sich mehrere Spieler einrichten, sodass man durch das Fehlen der echten Speicherfunktion nicht auf einen Spieler pro PC festgelegt ist.

Steuerung

Während der Einzug der 3D-Adventures in die Adventure-Welt beschlossene Sache ist, steht die Frage der optimalen Steuerung noch aus. Uru geht einen neuartigen Weg, bei der die Spielfigur direkt gesteuert wird - allerdings mit der Maus. Ein Druck auf die linke Maustaste lässt sie nach vorne gehen, nimmt man die rechte Maustaste dazu, läuft sie. Die Richtung ändert man, in dem man die Maus hin und her bewegt. Auch springen kann man, standardmäßig mit der Leertaste. Mit der rechten Maustaste lässt sich die Kamera schwenken, allerdings nur so weit, dass die Spielfigur im Blick bleibt.

Verlangt es einen nach mehr Übersicht, kann man mit F1 in die Egoperspektive wechseln, in der man sich frei umdrehen kann. Diese Funktion ist zum Beispiel dann hilfreich, wenn man in Innenräumen einen schnellen Überblick gewinnen will. Wer seinen Avatar lieber mit der Tastatur steuert, kann auch das tun – dann spielt sich Uru wie Grim Fandango mit Verfolgerkamera (oder aus der Ich-Perspektive). Hat man sich erst mal an die neuartige Steuerung gewöhnt und sie seinen persönlichen Anforderungen angepasst, dann spielt sich Uru sehr glatt. Da die Steuerung figurenbezogen ist und nicht wie bei Baphomets Fluch 3 von der Kamera abhängt, verliert man auch bei Änderungen der Perspektive nicht die Kontrolle über sein Alter Ego.

Ähnlich intelligent wie die Steuerung ist auch die Kamera: Standardmäßig fliegt sie in einem gewissen Abstand hinter der Spielfigur her, dabei ist sie aber sehr flexibel. Erreicht man zum Beispiel in der Wüste die Überreste eines alten Teleskops, schwenkt sie automatisch in einen steileren Winkel, da an dieser Stelle eine Übersicht über das Teleskop wichtiger ist, als der Weitblick gen Horizont. Das gleiche tut die Kamera, wenn man an die Spalte im Boden oder einen Abgrund herantritt, um besser sehen zu können, was den Spieler unten erwartet. In Innenräumen schwenkt die Kamera auch schon mal stufenlos an eine feste Position, da eine Verfolgerkamera hier sehr eingeengt wäre. Dank der intelligenten Steuerung behindert aber auch das nicht weiter die Kontrolle über die Spielfigur.

Eher Myst-untypisch sind einige Springeinlagen, die Rätselpuristen möglicherweise erschrecken könnten. Diese halten sich aber in engen Grenzen und sind im allgemeinen leicht genug, um nicht unangenehm aufzufallen. Stürzt man einmal in einen Lavafluss stirbt man nicht, sondern teleportiert sich automatisch zurück nach Relto, was grundsätzlich an jeder Stelle im Spiel möglich ist. An den meisten Stellen ist es erst gar nicht möglich, in solche Abgründe zu stürzen, da Zäune oder andere Einrichtungen den Spieler davon abhalten.

Hochglanzoptik

Mit Uru zaubert Cyan eine 3D-Grafik auf die Bildschirme, die es im Adventuregenre so noch nicht gegeben hat. Die Welten platzen vor Details, nichts wirkt auch nur annähernd kantig und spektakuläre Effekte geben sich die Klinke in die Hand. Jede der Welten hat optisch ihren völlig eigenen Stil und ist für sich genommen ein wahres Kunstwerk. Während man in Gahreesen durch gewaltige, metallene Gebäude voll technologischer Geräte geht und außen auf grüne Hügel mit vereinzelten, schmalen Bäumen blickt, beherbergt Eder Kemo prachtvolle Gärten mit vielfältigster Vegetation. Eder Gira dagegen bietet hochinteressante orange Felsformationen und einen See mit Wasserfall, in Teledahn trifft man auf eine große Wasserlandschaft mit riesigen Pilzen, zwischen denen Stege gebaut wurden und in Kadish Tolesa wandert man in fahlblauem Licht durch Bäume, die so hoch sind, dass sich ihre Spitzen in der Dunkelheit verlieren, aus der vereinzelte Blätter gefallen kommen.

Auch wenn auf den ersten Blick viele Gegenden unbelebt aussehen, werden sie doch durch eine Vielzahl von Animationen zum Leben erweckt. Skurril geformte Bäume wiegen sich in der sanften Brise, vogelähnliche Flugtiere gleiten unerreichbar durch die Luft und die Umgebung spiegelt sich im leicht welligen Wasser. Der Himmel wird von halbtransparenten Wolken durchzogen, die tief stehende Sonne wandert über den Horizont und hinterlässt wie alle Lichtquellen einen sehr realistisch fallenden Schatten der Spielfigur auf Boden und Wänden und ab und zu verdunkelt sich der Himmel und gießt Regen auf die fantasievolle Umgebung.

Dieses optische Freudenfest verlangt natürlich auch nach entsprechender Hardware, auch wenn die Anforderungen sich im Verhältnis zur Leistung in moderaten Grenzen bewegen. Als Mindestvoraussetzung nennt Ubi Soft einen 800 MHz Prozessor mit 256 MB RAM, für das maximale Spielerlebnis sollten es 1,4 GHz und 512 MB RAM sein. Auf unserem 1-GHz-Testrechner konnte man Uru schon mit relativ vielen Details und 800x600 Pixeln relativ ruckelfrei genießen.

Ohrenschmaus

Um den grafischen Genuss richtig zur Geltung zu bringen, hat Cyan auch akustisch keine Kosten und Mühen gescheut. Der unveröffentlichte Song von Peter Gabriel bildet da nur die Spitze des Eisbergs. Nicht durchgehend, aber doch immer mal wieder bringen professionelle Musikstücke die hervorragend mystische Atmosphäre zum Überkochen. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um ruhige aber charakteristische und nicht nervende Stücke, die die Stimmung der jeweiligen Welt unterstreichen.

Dazu wird die Akustik von einer beeindruckenden Geräuschkulisse ergänzt, die dank EAX-Technik ein dreidimensionales Klangbild in 5.1-Systeme zaubert: Man hört genau, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt, egal ob es das Rauschen eines Wasserfalls ist, das Knattern eines Maschinenteils oder ein Stein, der einen Berg herunterkullert. Bis zum kleinsten Knopf und der unwichtigsten Tür klingt alles sehr authentisch. Auch die deutsche Sprachausgabe wurde professionell aufgenommen und weiß zu überzeugen, lediglich bei der Übersetzung der Texte unterlief den Verantwortlichen gelegentlich ein kleiner Fauxpas.

Geschmackssache

Es ist erstaunlich, wie viel Innovationen Cyan in Uru unterbringt und trotzdem immer noch eine bombastische Atmosphäre erzeugt, die der Myst-Serie absolut gerecht wird. Sei es die neue Perspektive mit Verfolgerkamera, die geniale Echtzeit-3D-Umgebung, die Story, die in unserer Realität angesiedelt ist oder der völlig neuartige Ansatz des Online-Adventures, alles sind schwere Brüche mit der langen Myst-Tradition. Trotzdem gehört Uru absolut unverkennbar in die Serie, die Adventurespieler aufspaltet, wie wohl keine zweite.

Ein solches Spiel zu bewerten, ist keine leichte Aufgabe. Fans der Serie dürfen problemlos noch 5 Punkte zu der Wertung dazurechnen, wer von einem Spiel den Witz und die Rätsel der LucasArts-Klassiker erwartet, wird maßlos enttäuscht sein. Qualitativ fährt Cyan wie erwartet alle Geschütze auf und erzeugt mit genialer Grafik- und Sound-Kulisse eine Atmosphäre, die lange kein Adventure mehr gesehen hat. Zur Abwertung führt die etwas enttäuschende Rätselkost, insbesondere das Suchen der Weltentücher, und die sehr schwer zugängliche Geschichte, die von Myst-Einsteigern nur mühsam bis gar nicht erfasst werden kann.

Wie bei allen guten Spielen wünscht man sich auch bei Uru manchmal, die Welten seien etwas größer. Zwar gibt es viele Details zu entdecken, doch ist die Spielwelt insgesamt eher klein. Uru ist ein Spiel für diejenigen, die sich bei einem Spiel die Zeit nehmen wollen, die fantastische Umgebung zu entdecken und für die Rätsel eher zweitrangig sind.

Wenn wir genug Zeit hatten, uns auch UruLive anzusehen, werden wir einen Nachtest zu dem Online-Teil des Spiels veröffentlichen.

Kommentare des Verfassers

detail

Uru ist wunderschön, spielerisch aber Geschmackssache. Mir hat es Spaß gemacht, die Welt zu erkunden, gleichzeitig hätte ich mir aber etwas mehr Rätsel von der Sorte gewünscht, für die Myst bekannt ist. Uru zu erkunden ist entspannend und aufregend zugleich. Ich bin jedenfalls gespannt, diese Welt online zu erleben.

 

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Leser- Wertung

0 ( 0 )
Pro
Contra
  • Sensationelle Grafik
  • Atmosphärische Musik
  • Sinnvolle Neuerungen
  • Myst-Feeling
  • Phantasievolle Umgebung
  • Geringe Rätseldichte
  • Weltentuch-Suche
  • Lange Ladezeiten