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Test

von  Benjamin "Grappa11" Braun
26.12.2007
Agatha Christie - Das Böse unter der Sonne
Getestet auf Windows, Sprache
  • Deutsch
  • Englisch

Nach Und dann gabs keines mehr und Mord im Orient Express hat Entwickler AWE Games mit Das Böse unter der Sonne zum nunmehr dritten Mal einen Roman der britischen Autorin Agatha Christie (1890-1976) zu einem Adventure verarbeitet. Während der Spieler jedoch in den ersten beiden Spielen in die Rolle eines zusätzlich in die Geschichte implementierten Charakters schlüpfte, darf man nun zumindest indirekt in die Rolle des belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot schlüpfen, um den Mord an Arlena Stuart-Marshall auf der Ferieninsel Seadrift Island aufzuklären. Doch auch die Bedienbarkeit sollte durch Neugestaltungen des Interface, besonders der Journalfunktion, verbessert werden. Im optischen Bereich sollten neben besseren Charakteranimationen vor allem die Mimik der Spielfiguren aufgewertet werden und das Spiel, nicht zuletzt damit, zum bisher Besten der Reihe machen.

Ein cleveres Spielprinzip

In den ersten Minuten hat der Spieler kaum eine Möglichkeit, ins Spielgeschehen einzugreifen, da mehrere Rendervideos und Selbstlaufsequenzen in Spielgrafik erfolgen, in denen man in Haupt- und Nebenplot, sowie ins ziemlich clevere Spielprinzip eingeführt wird. Der Spieler übernimmt den Part von Mr. Hastings, einem Freund Poirots und hochrangigem Beamten der britischen Krone, der in einer Nacht des Jahres 1940 in London zu Gast beim berühmten Detektiv ist. Ein Angriff deutscher Bomber auf die Hauptstadt wird erwartet, weshalb der Strom zur Sicherheit abgeschaltet wurde. Also macht Poirot seinem Gast ein interessantes Angebot, um sich die Zeit zu vertreiben. Hastings soll in einem Rollenspiel die Ermittlung in einem Mordfall aus der jüngeren Vergangenheit nachspielen, wobei Poirot ihm Schauplatz und Charaktere in seinen Erzählungen eindringlich vor Augen führt - sozusagen ein Spiel im Spiel. Poirots Erläuterungen, dass er Hastings etwa nur Charaktere beschreibt, die relevant für die Geschichte sind, das Hotel also nicht tatsächlich so wenige Angestellte habe, ist schon recht ausgefuchst.

Neben Notizblock und Aktentasche darf sich unser Alter Ego auch einiger weiterer handfester Hilfsmittel aus dem Büro Poirots bedienen, die ihm bei den Untersuchungen unverzichtbare Dienste leisten. Darunter auch eine Stoppuhr, mit der die Zeiten gemessen werden können, welche die Verdächtigen vom jeweiligen Standpunkt zum Tatort benötigt hätten. Darüber hinaus stellt ihm dieser zusätzlich kleinere Tipps und in letzter Konsequenz seinen helfenden Finger zur Verfügung, auf den man zu jeder Zeit im Spiel zugreifen kann, nachdem man über ein Icon in der Bedienleiste in Poirots Wohnung zurückgekehrt ist. Bei dem ungewöhnlichen Hilfsmittel handelt es sich tatsächlich um einen Finger, der auf einem Tablett auf dem Schreibtisch liegt und angeblich magische Fähigkeiten besitzt. Was sich genau hinter jenem Hilfsmittel verbirgt, soll Hastings ebenfalls im Rahmen des Rollenspiels in Erfahrung bringen.

Sind alle wichtigen Utensilien beisammen, startet man in der Rolle Poirots im Hotelzimmer auf Seadrift Island, auf der es zunächst gilt, sich mit sämtlichen Personen und betretbaren Orten vertraut zu machen. Poirot lässt Hastings dabei zwar viele Freiheiten und begnügt sich meist mit einem Kommentar, dass er eine solche Frage wohl eher nicht gestellt hätte, weist einen aber manchmal in die Schranken. Den Versuch, die Leiter zum Strand hinabzusteigen, lehnt Poirot etwa ab, da er so etwas selbst nie tun würde.

Das Böse unter der (wolkenverhangenen) Sonne

Wenn man die ersten Schritte in bewährter Point-and-Click-Manier auf dem Eiland wagt, ist man schon etwas verwundert, dass die Gestaltung äußerst kühl ist. Nach einem Urlaubsparadies in brennender Sonne sieht es jedenfalls nicht aus. Das trübt aber den positiven Ersteindruck nur wenig, die Hintergründe sind nämlich insgesamt recht ansprechend umgesetzt. Hintergrundanimationen kommen zwar nur begrenzt zum Einsatz, etwa in Form langsam vorbeiziehender Wolken, Wellenbewegungen des Meeres oder auch den einen oder anderen sich im Wind wiegende Strauch, geben dem Spiel aber eine im Großen und Ganzen angemessene Atmosphäre. Im weiteren Spielverlauf vermisst man ein wenig belebtere Schauplätze, besonders da man die verhältnismäßig geringe Anzahl an Hintergründen bereits unzählige Male abgelaufen ist. Jedoch ohne dabei zu einem wirklichen Ärgernis zu werden. Die Animationen der Charaktere wissen dies auch ein Stück weit aufzufangen. Die meisten Bewegungsabläufe sind gelungen und wirken in vielen Fällen auch einigermaßen natürlich, insbesondere innerhalb von Zwischensequenzen. Sehr gut gelungen sind die Gesichtsanimationen, die der Entwickler versprochen hat. Sicherlich hat man auch in diesem Bereich schon Besseres gesehen, zumal diese auch nicht wahnsinnig vielfältig sind. Gerade im Vergleich mit den Vorgängern aber, in denen größtenteils starr dreinblickende Gestalten die Atmosphäre etwas drückten, sind die Verbesserungen als positiv zu werten. Lid- und Augenbewegungen, Stirnrunzeln, das Hochziehen von Augenbrauen und oft recht ausdrucksstarkes Senken, Heben oder Drehen des Kopfes. Die Gestik kommt insgesamt eher verhalten zum Einsatz und wird dabei manchmal etwas zu wenig, manchmal etwas zu übertrieben angewandt. Die Lippenbewegungen sind auf die englische Sprachausgabe abgestimmt, also nicht synchron in der deutschen Version.

Die Zwischensequenzen sind zwar größtenteils nett inszeniert und hin und wieder auch optisch ansprechender als noch in den Vorgängern, bieten aber weiterhin bei weitem nicht das technische Niveau eines A-Klasse-Adventures. Dafür gibt es nicht wenige der gut inszenierten Sequenzen, weshalb man die vergleichsweise mittelmäßige optische Qualität gerne in Kauf nimmt.

Let's do it in english

Sehr erfreulich ist, dass Publisher JoWooD neben der deutschen Version auch gleich die englischsprachige Spielvariante auf dem Datenträger mitliefert. Wer also nicht mit der deutschen Sprachfassung Vorlieb nehmen möchte, darf das Spiel auch auf Englisch erleben. Allen Im-Original-ist-alles-besser-Sagern zum Trotz sollte man sich diese Entscheidung allerdings reiflich überlegen und zumindest beide Versionen anspielen. Auch wenn das British English nicht uninteressant für die Inselatmosphäre ist, so haben doch auch hier beide Sprachfassungen ihre Vor- und Nachteile, von Verständnisproblemen einmal abgesehen.

Passende und weniger angemessene Sprecher gibt es nämlich in beiden Spielvarianten. Rein von der Soundqualität her ist jedoch eindeutig die deutsche Version vorzuziehen, da in der Englischen offenbar beim Aufzeichnen und Abmischen ein wenig zu motiviert an den Knöpfen herumgespielt wurde. Zudem klingt die englische Sprachausgabe manchmal zu sehr nach einem für Schüler eingesprochenen Lehrbuchtext. Die deutsche Lokalisation bietet eine gute Übersetzung, lediglich bei dem einen oder anderen Brief, die einem im Spiel begegnen, hätte man sich vielleicht ein klein wenig mehr Mühe geben können. Besonders gelungen ist die Vertonung Poirots, der mit einem glaubwürdigen französischen Akzent spricht, aber auch die meisten anderen Sprecher leisten gute bis sehr gute Arbeit. Hin und wieder gibt es kleinere Aussetzer, mäßig betonte oder falsch zugeordnete Sätze halten sich aber in Grenzen. Ab und zu sind die Sprechpausen zu knapp bemessen, wenn etwa zögerliches Antworten ausgedrückt werden soll. Fehlbesetzt ist eigentlich nur der Barkeeper aus dem Dorf, der mit der Stimme von Erik Schäffler spricht, den man als "Smart" noch im Ohr haben dürfte.

Hervorheben muss man noch, dass Das Böse unter der Sonne erstmals den Agatha-Christie-Humor teils köstlich einfängt. Das gilt für beide Sprachfassungen. Besonders die Charakterzüge Poirots werden hierbei geschickt humorvoll verarbeitet, was meist im Rahmen der Kommentare von Poirot und Hastings geschieht, die immer wieder während des Spiels erfolgen. Auch die oft unter dem Scheffel ihrer Frau stehenden britischen Ehemänner, wie man sie besonders aus den Filmen kennt, sind im Spiel anzutreffen.

Der Umfang der Sprachaufnahmen ist recht groß, dabei könnte den einen oder anderen auch der mühsam gestaltete Abbruch einzelner Dialogzeilen stören. Auf den zum Überspringen nötigen Mausklick reagiert das Spiel stets leicht verzögert. Das Gefühl "totgelabert" zu werden, sollten aber nur die Wenigsten empfinden, nicht nur, da man den gut geschriebenen Dialogen überwiegend mit Interesse folgt. Schade ist, dass die Musik nicht ganz überzeugen kann. Teilweise fehlt sie ganz oder hält sich sehr dezent im Hintergrund. Hier hätte man zu Gunsten der Spannung mehr machen müssen. Die Musikstücke selbst passen sich klanglich allerdings allesamt ins Gesamtkonzept ein.

Kombiniere, kombiniere

Die Spielaufgaben in Das Böse unter der Sonne sind größtenteils weniger anspruchsvoll und beschränken sich im Wesentlichen auf das Führen von Dialogen, das Einsammeln wichtiger Objekte und einige Kombinationsrätsel. Innerhalb des Inventars müssen nur wenige Aktionen durchgeführt werden, meist auch lediglich in Form des näheren Untersuchens einzelner Items, die dann zusätzliche Informationen freigeben. Beinahe sämtliche Rätsel sind als kinderleicht einzustufen.

Die wenigen etwas anspruchsvolleren Aufgaben, etwa das Öffnen eines Schmuckkästchens, sollten aber ebenfalls niemanden vor große Probleme stellen. Das überarbeitete Journal beinhaltet zudem, neben der Übersicht zu Verdächtigen und den wichtigen Briefen und anderen Dokumenten, auch die übersichtlich angeordneten "Instruktionen" Poirots, wo sich alle aktuellen Aufgaben wiederfinden. Meist handelt es sich dabei um kleinere Aufgaben, bei denen man bestimmten Charakteren einen Gegenstand wiederbeschaffen oder in irgendeiner andern Form helfen soll. Sind diese erledigt, werden sie durchgestrichen und nach dem nächsten Kapitelsprung gänzlich entfernt. So sollten dort nie mehr als eine Handvoll der abzuarbeitenden Punkte aufgeführt sein. Immer wieder ist das Aufsuchen von Charakteren notwendig, die in den folgenden Dialogen neue Informationen preisgeben. Für gewöhnlich sind diese nur einmal pro Kapitel notwendig bzw. überhaupt möglich, in sehr seltenen Fällen muss man aber auch hier Personen erneut aufsuchen. Da diese beinahe in jedem Kapitel den Standort wechseln, ist oft ein Ablaufen der Schauplätze vonnöten; aufgrund der eher geringen Größe der Locations auf Insel und Festland allerdings auch nie eine zeitraubende Aufgabe. Die eingebaute Doppelklick-Funktion leistet hierzu ebenfalls ihren Beitrag. Da man aber ohnehin viel unterwegs ist, begegnet man einigen der Personen automatisch. Die Hotelzimmer sind, sofern man die entsprechenden Dokumente gelesen hat, auch mit den Namen der jeweiligen Gäste versehen, was unnötiges Umherlaufen zusätzlich verhindert.

Wer dennoch einmal nicht weiter weiß, hat jederzeit die Möglichkeit, in Poirots Büro zurückzukehren, um sich dort Ratschläge zu holen. Neben einem dezenten Hinweis Hercule Poirots, was als nächstes zu tun ist, besteht in letzter Konsequenz zudem die Möglichkeit, den "Finger des Verdachts" zu befragen. Hier kann man zu jeder einzelnen Personen eine Art Visitenkarte auswählen und sich unmissverständlich zeigen lassen, ob man die betreffende Person vielleicht noch befragen oder belauschen sollte, deren Zimmer durchsuchen oder ihr eventuell bei ihrem Problem unter die Arme greifen muss.

Die angekündigten Features des Nachschleichens oder Belauschens Poirots hinter den Gästen, ist nicht so ins Spiel integriert, wie man es vielleicht hätte vermuten können. Später muss auch mal mithilfe eines Stethoskops an Zimmertüren gelauscht werden, in den meisten Fällen erscheint aber lediglich ein Ohr-Symbol bei den zu bespitzelnden Personen, das man einfach nur noch per Mausklick ausführen muss. Beim Nachschleichen ist dies grundsätzlich so und auch nur höchst selten im Spiel der Fall. Aber wer vermisst schon etwas, von dem man vorher höchstens eine vage Vorstellung hatte?

"Das Buch ist besser!"

Das mag natürlich sein, aber wichtig ist hierbei vor allem, dass sich das Spiel nicht so eng an die Romanvorlage hält, wie ursprüngliche Ankündigungen besagten. Zwar hat man auch im dritten Agatha-Christie-Adventure an den Charakteren im Wesentlichen festgehalten und dabei zunächst einmal nur den Kreis der Personen um einige Figuren erweitert, aber schon der Beginn des Spiels zeigt Kennern von Buch oder Film, dass hier auch darüber hinaus viel um- und teilweise auch komplett neugeschrieben wurde. Zusätzliche Handlungsstränge wurden sinnig in die Geschichte eingebaut. Grundlegend geändert hat man die Ausgangslage, die Poirot auf die Insel führt, außerdem hat man einige Charakterzüge der beteiligten Personen stark abgeändert bzw. vollkommen anders interpretiert als etwa im Film. Das Konzept funktioniert sehr gut und hilft die - wenn auch vielleicht nicht durchgehend vorhandene - Spannung aufrecht zu halten. Zur Klärung des Hauptverbrechens, den Mord an Arlena Stuart Marshall, ist die Kenntnis von Buch und Film allerdings dennoch hilfreich, da einige Details eingebaut wurden, die einem direkt bekannt vorkommen.

Auf ein zusätzliches alternatives Ende hat man diesmal zwar verzichtet, jedoch weiß der festgelegte Ausgang der erweiterten und teils stark abgewandelten Story durchaus zu überzeugen. Wer möchte, darf übrigens die Aufklärung am Ende selbst durchführen oder auch bei Bedarf unter Anleitung des Meisterdetektivs die Beweisführung offenlegen.

Fazit

Das Böse unter der Sonne ist kein herausragendes, aber ein grundsolides Adventure mit guter, aus mehreren miteinander verknüpften Handlungssträngen bestehender Story, interessanten Charakteren, größtenteils extrem leichter Rätselkost, einer absolut zufriedenstellenden Sprachausgabe und einer angemessenen Spielzeit. Außerdem ist der Unterhaltungswert, nicht nur aufgrund der nicht vorhanden frusterzeugenden Rätsel, höher als noch bei den ersten beiden Spielen. Das Vorhandensein der englischen Sprachfassung ist zwar kein Grund für einen Wertungsbonus, allerdings durchaus ein zusätzliches Kaufargument, das man sich auch bei anderen Publishern häufiger wünschen würde. Was dem Spiel trotz vieler umgesetzter Ideen fehlt, sind die ganz originellen Einfälle, eine lebendigere optische Gestaltung und vor allem ein ansprechenderes Rätseldesign. Der Weg, den man nun nach den beiden ersten Agatha-Christie-Spielen eingeschlagen hat, ist aber grundsätzlich der richtige.

Kommentar des Verfassers

detail

Für mich ist Das Böse unter der Sonne die bisher beste Umsetzung eines Agatha-Christie-Romans. Ich hätte zwar hin und wieder auch gerne mal eine kniffligere Aufgabe zu lösen gehabt, aufgrund der tollen Story und Atmosphäre ist das allerdings nur nebensächlich. Vor allem ist es besser als frustrierend unlogische Rätsel oder einfach nur nervige Aufgaben, wie der Abgleich unzähliger Fingerabdrücke in Teil 2, die nur unnötig den Spielfluss behindern und die Stärken der Spielreihe bisher zu sehr in den Schatten stellten.

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Leser- Wertung

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Pro
Contra
  • überwiegend sehr gute Sprecher
  • gut geschriebene Dialoge
  • mehrere glaubwürdig ineinander verwobene Handlungsstränge
  • interessantes Spielprinzip
  • Gesichtsanimationen
  • hoher Spielumfang
  • grafisch insgesamt eher mittelmäßig
  • viele, jedoch meist wenig anspruchsvolle Rätsel
  • viel Laufarbeit