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orig
AlternativA

Test

von  Benjamin "Grappa11" Braun
30.12.2010
AlternativA
Getestet auf Windows, Sprache
  • Deutsch
  • Englisch

Vor gut zwei Jahren veröffentlichte der Hamburger Publisher dtp das 3D-Adventure Memento Mori des Prager Spielestudios Centauri Production. Das Mystery-Krimi-Abenteuer überzeugte mit einer grundsoliden Umsetzung und ließ auf mehr gute Point-and-Click-Kost von unseren tschechischen Nachbarn hoffen. Mit dem Science-Fiction-Adventure AlternativA hatte der Entwickler bereits länger ein weiteres Spiel in der Hinterhand, das allerdings aufgrund von Problemen mit dem ursprünglichen Publisher Akella nicht wie geplant veröffentlicht werden konnte. Nachdem die rechtlichen Fragen geklärt waren, konnte das Spiel zumindest über Valves Online-Plattform Steam zur Verfügung gestellt werden. Ob Memento Mori eine Eintagsfliege war oder auch in Zukunft mehr von Centauri Production zu erwarten ist, haben wir uns für Euch angesehen.

Finstere Zukunftsvision

Prag im Jahr 2045: Nach einem großen Krieg wurden die Regierungen der Welt gestürzt. Nun sind es große, multinationale Firmen, die die Macht in ihren Händen halten und das Schicksal der Menschen maßgeblich beeinflussen. Wer sich nicht anpasst und tut, was die Industrie-Konglomerate verlangen, muss mit schweren Restriktionen rechnen, denn diese bestimmen, ob man einen Pass erhält oder als quasi Rechtsloser und Vogelfreier zum Leben in den Slums der ehemaligen tschechischen Hauptstadt verdammt ist.

Diese Erfahrung muss auch Richard Rocek machen, der seine Arbeit verloren hat und sich nun nicht mehr frei in der Welt bewegen kann. Nicht mal die Hochbahn darf er benutzen und die androiden Schergen seines ehemaligen Arbeitgebers, des Großkonzerns Endora, verwehren ihm den Zutritt zum Industriegebiet und weiten Teilen der Stadt. Die einzige Möglichkeit, an seiner Situation etwas zu ändern sieht er darin, sich der Widerstandsbewegung anzuschließen, die im Untergrund gegen Endora kämpft. Bevor er sich aber dem Widerstand anschließen kann, muss er ihn zunächst finden, oder findet der Widerstand ihn?

Fragen über Fragen

Das futuristische Setting, in dem AlternativA spielt, weckt anfangs großes Interesse, trotzdem die Eröffnungsszene uns etwas überstürzt ins Abenteuer katapultiert. Die Informationen über die Spielwelt und die einzelnen Charaktere, die der Spieler im Verlauf des Abenteuers erhält, fallen dabei eher spärlich aus. Während zu Beginn noch darauf spekuliert werden kann, dass die große Aufklärungswelle irgendwann kommen wird, bleibt das Spiel viele der wichtigsten Antworten bis zum Schluss schuldig. Zu viele Fragen, besonders über das, was in den Jahren zuvor überhaupt passiert ist, bleiben unbeantwortet. Charaktere wie der väterliche Freund Richards oder der Obdachlose, der mit seinem umprogrammierten Roboter in der Nähe des Einkaufszentrums einen kleinen Tauschhandel betreibt, sind letztlich vor allem Mittel zum Zweck, weshalb sich mit fortschreitender Spieldauer zunehmend Ernüchterung breitmacht.

Das ist besonders deshalb tragisch, da das Spiel damit unnötig sein vorhandenes Potenzial verspielt, indem es letztlich einen groben Mangel an Substanz offenbart. Denn dass der Entwickler kreative Ideen hat oder sich wenigstens gekonnt von fremden Vorlagen inspirieren lassen kann, das hat Centauri Production vor zwei Jahren mit Memento Mori unter Beweis gestellt.

Was uns hingegen sehr gut gefallen hat, sind die allgemeine Stimmung sowie die immer wieder anzutreffenden Anspielungen auf andere Adventures, wie etwa Sam & Max, und einige Seitenhiebe auf das Abenteuer-Genre, aber auch auf Spiele anderer Gattungen. In einer Szene probiert Richard beispielsweise einen von der Innenseite im Schloss steckenden Schlüssel zu erreichen. Hierfür schiebt er ein Metallblech unter einem Tor durch und versucht, den Schlüssel mithilfe einer Stange aus dem Schloss zu drücken. Da das nicht funktioniert, tritt er schließlich wütend gegen das Tor, woraufhin dieses aus den Angeln bricht. Aber auch sonst kommt der Humor nicht zu kurz. In einem Krankenhaus unterhalten wir uns mit einem Androiden, der mit einer Art Gefühls-Chip ausgestattet ist und auf unsensible Äußerungen ziemlich menschlich reagiert.

Düster, dreckig und technisch von gestern

Rein technisch betrachtet hinkt AlternativA der Konkurrenz in quasi sämtlichen Belangen hinterher. Die vorgerenderten Hintergründe liegen lediglich in einer Auflösung von 1024x768 Bildpunkten vor, sind aber dennoch recht detailliert gestaltet und überzeugen teilweise mit ihrem Fotorealismus, ihrer atmosphärischen Ausleuchtung, den ansprechenden Perspektiven und ab und zu auch mit ansehnlichen Partikeleffekten. Der Umfang der Locations geht für ein Spiel, das lediglich 20 Euro kostet, absolut in Ordnung. Mit dem überwiegend düsteren Prag der Zukunft oder dem sonnigen Brasilien, das man später bereist, ergibt sich zudem ein kontrastreiches Bild, das für Abwechslung sorgt.

Schwach präsentieren sich hingegen die Charaktere, die oft eher notdürftig animiert wirken und sich in vielen Szene mehr schlecht als recht in die Hintergründe einfügen. Besonders störend ist die mangelhafte Mimik der Spielfiguren, die oft nicht mal ihre Lippen bewegen, häufiger steif in der Szene herumstehen, um dann wiederum hin und wieder eher faxenhaft Bewegungsabläufe zu vollziehen.

Was manche Spiele längst abgeschafft haben, ist die Möglichkeit, die Charaktere rennen zu lassen. Bei AlternativA hat man dieses Feature nicht gestrichen, was ab und zu ein paar Sekunden spart, das Spiel ist in diesem Bereich allerdings anfällig für Fehler. Uns ist es mehrfach passiert, dass unsere Spielfigur zum gewünschten Einsatzort sprintet, dort allerdings unaufhörlich gegen das jeweilige Objekt 'anläuft'. Da der Spieler die Aktionen öfters nicht einfach abbrechen kann und währenddessen keinen Zugriff aufs Spielmenü hat, muss die Anwendung in solchen Situationen gewaltsam geschlossen werden - der aktuelle Fortschritt geht somit verloren. Da das Spiel lediglich 5 Speicherslots anbietet, ist die Wahrscheinlichkeit besonders hoch, dass man zuvor längere Zeit nicht gespeichert hat und gegebenenfalls einiges erneut spielen muss.

Nur in Englisch

Das Spiel ist vollständig in englischer Sprache vertont und setzt dabei teilweise auf Muttersprachler. Einzelne Rollen sind allerdings mit osteuropäischen Sprechern besetzt, die zwar nicht unbedingt einen schlechten Job machen, was die Betonung angeht, aufgrund ihres deutlichen Akzents allerdings unschön aus dem Rahmen fallen.

Die übrigen Sprecher machen insgesamt einen recht ordentlichen Job, neigen aber immer wieder zu gekünstelt klingenden Betonungen, nicht zuletzt Richard selbst. Als nachteilig erweist sich in diesem Zusammenhang, dass die Soundqualität selbst teils starken Schwankungen unterlegen ist. Hier sind die Dialoge zu laut, dort sind sie zu leise, mal klingen die Sprechzeilen sehr dumpf und an zahlreichen Stellen sehr nach Tonstudio, was teilweise auch auf Fehler bei der Kompression zurückzuführen sein könnte. Probleme im Zusammenhang mit der Audio-Kompression treten auch in Videosequenzen auf, von denen ein paar vollständig von Tonfehlern begleitet werden.

Der Tod lauert in Prag

Beim Spielstart wird der Spieler aufgefordert, sich für einen von zwei Schwierigkeitsgraden zu entscheiden. Inhaltliche Unterschiede zwischen den beiden Spielmodi gibt es nicht, man braucht sich also keine Gedanken darüber zu machen, ob man in einem der beiden irgendwas verpassen könnte. In beiden Spielvarianten gibt es mehrere Situationen, in denen sich die Spielfigur in eine ausweglose Lage verstricken kann. Die Rede ist nicht von Dead-Ends im eigentlichen Sinne, sondern beispielsweise von einer Szene, in der man von einem Androiden ertappt und festgenommen werden kann, wenn man sich falsch verhält. Meistens gilt es in diesen Situationen die richtigen Dialogzeilen auszuwählen, um dem vorzeitigen Spielende zu entgehen.

Der Unterschied zur leichten Fassung besteht lediglich darin, dass man bloß zwei mal in solchen Situationen scheitern darf, bis man das Spiel nicht mehr fortsetzen kann. Hat man sämtliche Chancen aufgebraucht, muss man einen alten Spielstand laden. Deshalb sollte man möglichst oft Gebrauch von den beliebig oft überschreibbaren Speicherslots machen, um nicht später längere Abschnitte wiederholen zu müssen.

Wir raten allerdings nicht nur aufgrund der beschränkte Anzahl von 'Leben' dazu, die 'leichte' Variante zu wählen. Der atmosphärische Mehrwert dieses Features ist gleich Null, denn Scheitern kann man auch im leichten Modus, zudem bietet AlternativA lediglich dort eine Hotspotanzeige an, die wir bei unserem ersten Durchlauf teils schmerzlich vermisst haben. Denn es gibt mehrere Szenen, in denen man leicht etwas übersehen kann. Der Begriff Pixelhunting beschreibt es zwar nicht immer zutreffend, da das Spiel aber noch die eine oder andere weitere spielerische Tücke in sich birgt, sollte man es sich gut überlegen, welchen der beiden Modi man wählt.

Wem die Trigger in Gray Matter die Haare zu Berge haben stehen lassen, der dürfte in AlternativA ähnliches bei sich feststellen können. Denn auch hier muss man bestimmte Punkte untersucht oder auch mal zusammenhanglose Dialoge geführt haben, damit irgendwo anders eine neue Aktion möglich wird bzw. Hotspots freigeschaltet werden. Die Rätsel selbst sind größtenteils eher einfache Inventar- und Kombinationsrätsel, hin und wieder gibt es aber deutlich schwierigere Aufgaben zu bewältigen. Dazu zählen nicht zuletzt Passworträtsel, die sich im ersten Moment komplizierter darstellen, als sie tatsächlich sind. Zumeist ergibt sich die Komplexität der Aufgaben aber durch häufig notwendige Schauplatzwechsel, besonders in der zweiten Spielhälfte, die relativ viel Zeit in Anspruch nehmen. Sehr schön fanden wir zum Beispiel eine Szene, in der wir einen Reinigungsroboter dazu benutzen müssen, eine Wache abzulenken.

Fazit

AlternativA kann nicht an die Qualität von Memento Mori anknüpfen und präsentiert sich in jeder Hinsicht schwächer als Centauris letzte Adventure-Produktion. Inhaltlich versäumt man das anfangs geweckte Interesse zu unterfüttern, spielerisch leistet man sich ein paar Schwächen zu viel, die im 'leichten' Modus allerdings nur teilweise ihre störende Wirkung entfalten. Dennoch bietet das Spiel für einen Preis von 20 Euro mehr, als so manches Vollpreisadventure der letzten Jahre, was auch für die rund 7-8 Stunden Spielzeit gilt. Adventure-Freunde können deshalb mehr als nur einen Blick riskieren, besonders, wenn sie Lust auf eine düstere Zukunftsvision haben.

Allerdings sollte man nicht zu viel erwarten. Wer ein wirklich gutes Science-Fiction-Adventure spielen möchte, der ist mit dem mehr als 6 Jahre alten The Moment of Silence deutlich besser bedient.

thumb
Mittlerweile steht ein Patch für AlternativA zur Verfügung, durch den das Speicherslotkontingent von 5 auf 20 erhöht wurde. Außerdem sollen verschiedene Bugs bereinigt worden sein. Die deutsche Version Seit dem 24. Juni 2011 steht auch eine vollständig für den deutschen Markt lokalisierte Version zur Verfügung, die unter dem Morphicon-Label Peter Games erschienen ist. Die DVD-Box ist, wie bei Peter Games üblich, in einem kleinen Pappschuber mit Klappcover untergebracht. Für die Lokalisation zeichnet der etablierte Hamburger Dienstleister Toneworx verantwortlich, der in der Vergangenheit unter anderem Spiele wie The Black Mirror – Der dunkle Spiegel der Seele, Black Mirror 2 sowie zahlreiche Spiele der Firma Eidos für den deutschen Markt angepasst hat. Namen von Stars aus der deutschen Sprecherszene finden sich auf der Besetzungsliste nicht, mit Eberhard Haar (James Gandolfini in Die Sopranos), Thomas Karallus (Kevin James in King of Queens) oder Schauspieler Fabian Harloff sind dort aber auch ein paar bekanntere Namen zu finden. Hauptfigur Richard Rocek wird von Tobias Schmidt gesprochen, seine Mitstreiterin Andrea Rašková von Kathrin Spielvogel. Die deutsche Version leistet sich hin und wieder kleinere Übersetzungsfehler und immer wieder neigt gerade der Sprecher der Hauptfigur zu Überbetonungen. Die Stimmeffekte, die zum Beispiel bei den Androiden zum Einsatz kommen, passen zudem nicht ganz so gut, wie die der englischsprachigen Version, die nicht auf der Disc enthalten ist. Alles in allem nehmen sich die beiden Sprachfassungen aber nicht allzu viel, da die Sprecher der deutschen Version insgesamt den professionelleren Eindruck hinterlassen. Laiensprecher, wie sie ab und zu in der Steam-Version zu hören sind, konnten wir in der deutschen Ausgabe nicht auszumachen. Inhaltlich hat sich nichts Wesentliches verändert. Spielerisch und mit Blick auf die Story hat AlternativA in der Boxversion mit denselben Problemen zu kämpfen. Lediglich die bereits integrierten Patches, die ein paar kleinere Bugs bereinigen und die Anzahl der Speicherslots auf 20 erhöhen, werten die deutsche Fassung minimal im Vergleich zur ungepatchten Version auf. Einen Grund für eine Aufwertung stellen aber auch sie nicht dar.

Kommentare des Verfassers

detail

Sehr schade - das war das erste, was mir am Ende von AlternativA durch den Kopf ging. Denn das Spiel hatte Potenzial für so viel mehr. Die Spielwelt ist interessant, sie wird zwar nicht unbedingt beeindruckend, aber atmosphärisch ansprechend dargestellt und kreative Ideen waren allemal vorhanden. Was Centauri allerdings daraus macht, hinterlässt ein durchwachsenes Bild. Am Anfang ist das Interesse noch groß, mehr über die Hintergründe der im Jahr 2045 angesiedelten Handlung und die Charaktere zu erfahren, letztlich liefert der Entwickler aber viel zu wenig Informationen und führt nicht mal die Haupthandlung stringent fort. Gute Ansätze allein reichen nicht.

 

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Leser- Wertung

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Pro
Contra
  • Interessante Spielwelt
  • Überwiegend hübsche Hintergründe
  • Ein paar nette Rätsel
  • Teils massive Storylücken
  • Enttäuschender Schluss
  • Technisch und spielerisch durchwachsen