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Die Spiele auf der AdventureX 2019
Vom: 10.03.2020

AdventureX 2019 - Titelbild

Die AdventureX hat sich inzwischen als eines der wichtigsten Ereignisse im Jahr für Adventures und andere narrative Spiele etabliert: Community-Treff, Branchen-Treff, Konferenz, Ausstellung - in der British Library gibt es auch letztes Jahr wieder jede Menge zu sehen. In diesem Artikel sammeln wir Infos zu den Spielen, die wir in London anspielen konnten.

 

Astrologaster

Astrologaster

Astrologaster, das bereits früher im Jahr für Apple-Geräte und PC veröffentlicht wurde, ist wohl eines der bizarrsten und originellsten Titel, die es derzeit anzuspielen gibt. Darin übernehmen wir die Rolle des mittelalterlichen Quacksalbers und Astrologen Simon Forman, dem man im pestgeplagten London des 16. Jahrhunderts nachsagt, mit Sterndeutung und Wunderwasser ein Heilmittel gegen die Seuche (und alle anderen Probleme) gefunden zu haben. Daher kommen nun allerlei Klienten zu uns, um nach Rat zu fragen, und wir müssen die Sterne deuten und gut gemeinte, aber oft katastrophal fehlgeleitete Ratschläge erteilen. Spielerisch ist dabei nicht viel mehr zu tun als zu raten, genau wie es damals der echte Simon Forman getan hat.

Wer Rätsel sucht, ist hier also falsch. Die Stärken spielt Astrologaster in der Erzählung und im Stil aus. Das Ganze ist nämlich unfassbar witzig inszeniert, mit voll vertonten gregorianischen Chorälen und Kirchenhymnen, die Patienten einführen und ihre Leidensgeschichte begleiten, gestelztem viktorianischen Englisch, das oftmals profanste Sorgen der Figuren verschwurbelt und einer unüblichen, aber sehr gelungenen visuellen Umsetzung in der Gestalt eines Aufklapp-Buches.

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Tangle Tower

Tangle Tower

SFB Games, die vielen als Entwickler von Detective Grimoire bekannt sein dürften, stellen ihr jüngst veröffentlichtes Sequel Tangle Tower vor. Das Whodunit überzeugt auf den ersten Blick mit toller hochauflösender Comic-Grafik und humorvollen Dialogen zwischen Grimoire und seiner Partnerin Sally. Konzipiert für Telefone und Tablets wurde das klassische Point-and-Click-Rezept etwas entschlackt, sodass sich der Titel eher wie ein Professor Layton ohne freies Herumlaufen in den Szenen steuert. Von Anfang an deuten sich jede Menge Knobel-Aufgaben an, mit mechanischen Rätseln und einem Gameplay, das am Tatort logische Schlussfolgerung durch das korrekte Kombinieren von Satzbausteinen erlaubt.

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Mutropolis

Mutropolis

Das in Spanien entwickelte Mutropolis, das Anfang 2020 in den Handel kommt, versetzt ein antike Höhlensysteme erforschendes Archäologen-Team in ein Science-Fiction-Szenario mit vollkommen klassischer 2D-Comic-Point-and-Click-Mechanik. In der Intro-Szene rätseln wir uns durch eine Ausgrabungsstätte, in der eine merkwürdig aussehende, mit mysteriösen Schriftzeichen versehene Tür gefunden wurde. Um diese zu öffnen, gilt es jedoch erst, einiges an Detektivarbeit zu leisten, um insbesondere die verloren gegangene Spachtel des Protagonisten wiederzufinden. Garniert ist das Ganze mit einer Prise Humor. Das Spiel verspricht 6 bis 8 Stunden Spielspaß und wurde vor einiger Zeit von Application Systems Heidelberg in das Programm für 2020 aufgenommen - so dass mittlerweile sogar eine deutsche Lokalisierung gesichert ist.

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Elsinore

Elsinore

Was kommt dabei heraus, wenn man Shakespeare’s Hamlet mit Und täglich grüßt das Murmeltier kombiniert und in ein Last Express in isometrischer Perspektive presst? Genau, Elsinore! Im ersten Durchlauf passiert in Elsinore ziemlich genau das, was auch in Hamlet passiert, inklusive der (Spoiler-Alarm!) schließliche Tod von der vom Spieler gesteuerten Figur Ophelia. Doch dann wacht die plötzlich wieder am Anfang der Geschichte auf, mit dem Wissen um gewisse Ereignisse in der Zukunft.

Nun darf man sich frei in der Welt bewegen, die in beschleunigter Echtzeit abläuft, was alle Ereignisse sämtlicher Charaktere einschließt, auch die, von denen Ophelia noch gar nichts weiß. Man darf Gespräche belauschen, mit Figuren reden, Informationen erfahren und weitergeben und die Welt manipulieren. Wahrscheinlich endet das wieder mit Ophelias Tod, die gewonnen Erkenntnisse darf man jedoch behalten und in weitere Taten umsetzen - und so weiter.

Die Echtzeit-Mechanik wird so weit getrieben, dass nach und nach im Menü ein Diagramm aufgebaut wird, in dem für alle Charaktere alle Ereignisse eingetragen werden - inklusive solcher in der Zukunft, von denen man weiß. Das Haupt-Mysterium, das es zu lösen gilt, ist, warum Ophelia in einer Zeitschleife festhängt, daneben gibt es aber jede Menge anderer Geheimnisse aufzuklären. Hamlet muss man vor dem Spielen nicht kennen, die meisten Details haben die Entwickler dazu erfunden.

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The Crimson Diamond

The Crimson Diamond

Bei der Vielzahl an Spielen, die heutzutage auf Retro-Optik setzen, ist es erstaunlich, wie selten die alte 16-Farben-EGA-Palette noch zu sehen ist, die in den 80ern auch für Adventure-Spieler allgegenwärtig war. Dem Trend widersetzt sich jedoch Julia Minamata, die auf der AdventureX ihr aktuelles Projekt The Crimson Diamond vorstellt. Ganz im Stil von Vorbildern wie Laura Bow und anderen Sierra-Klassikern, ergründet man in EGA-Optik und mit Text-Parser das Geheimnis eines Diamanten, der in der Geisterstadt Crimson, Ontario entdeckt wurde. Schauplatz ist eine gemütlich-gruselige Waldhütte, in der man zunächst mehr erkundet, in späteren Kapiteln aber auch zunehmend komplexe Rätsel löst. Erscheinen wird das Spiel dieses Jahr, eine Demo ist bereits jetzt erhältlich. Ob es eine deutsche Version geben wird, ist besonders wegen der Textparser-Steuerung fraglich, die Entwicklerin hofft aber, diese trotzdem irgendwann nachliefern zu können.

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Superlunary

Superlunary

Komplett im Browser läuft Superlunary, das hauptsächlich textbasierte Interactive Fiction ist, aber auch ein paar grafische Bestandteile, wenn auch mit sehr rudimentärer Grafik, mitbringt. Es handelt sich um eine gewaltfreie Weltraum-Oper, die nach dem Ende eines intergalaktischen Krieges spielt, und Themen wie Demilitarisierung aufgreift. Schwerpunkt liegt klar auf der Narration, echte Rätsel gibt es laut Entwickler nicht. Die erste Episode, Pentagon Gate, die etwa 1-2 Stunden Spielzeit mitbringen soll, auf der Itch.io-Website des Entwicklers bereits verfügbar. Einen konkreten Zeitplan für weitere Episoden gibt es noch nicht.

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Ladderhead

Ladderhead

Ein anderes, weitgehend textbasiertes Spiel ist das bizarre Ladderhead, in dem wir von einem Flaschengeist das Wunder der Repetition geschenkt bekommen. In dem Gebäude, in dem wir uns auf die Suche nach unserer Frau machen, lauern jede Menge tödliche Fallen. Jedes Mal, nachdem man grausam und unerwartet stirbt, weil beispielsweise ein Münzautomat für Dosenmais explodiert, wacht man mitsamt eingesammeltem Inventar wieder am Anfang auf. Gesteuert wird mit Texteingabe, bebildert ist das Ganze mit zahlreichen, aber sehr schematischen Grafiken am oberen Bildschirmrand.

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Inspector Waffles

Inspector Waffles

Bereits auf der gamescom haben wir einen Trend zu Crime-Noir-Thrillern mit antropomorphen Tieren festgestellt, als wir über Blacksad und Chicken Police berichtet haben. Das hat auch Goloso Games erkannt, die mit Inspector Waffles einen Tierkrimi entwickeln, in dem wir die Rolle von Titelheld Inspector Waffles übernehmen, einer Polizeikatze, die mit ihrem hundeförmigen Sidekick ermittelt. Zu Beginn werden wir zu einem Tatort gerufen, an dem eine Katze aus einem Fenster stürzte und nicht auf ihre Füße fiel - was offensichtlich nicht normal ist.

Das Ganze ist deutlich mehr cartoon- und humororientiert, kann sich also von anderen Spielen im Genre abheben. Der Entwickler arbeitet in bunter, stimmiger, aber auch sehr grober Pixel-Optik und legt mehr Wert auf die Handlung und witzige Dialoge mit zahlreichen Katzen- und Hunde-Wortspielen als auf knifflige Knobeleien. Spielerisch ist Inspector Waffles jedoch klassisches 2D-Point-and-Click. Eine Demo ist bereits erhältlich, das komplette Spiel kommt 2020.

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In Other Waters

In Other Waters

Ein eindeutig narratives Erlebnis, jedoch nicht einordbar in bestehende Genrekonventionen, ist In Other Waters des Entwicklers Jump Over the Age. Darin übernehmen wir die Rolle einer ungewöhnlich menschlich agierenden künstlichen Intelligenz im Betriebssystem eines futuristischen Taucheranzugs, dessen Pilotin die Unterwasserwelt eines fremden Planeten erkundend nach einem verschwundenen Kollegen sucht.

Die Benutzeroberfläche ist keine realistische Darstellung des Ozeans, sondern die Welt aus der Sicht der AI: Eine schematische 2D-Karte, auf der man sich herumbewegen kann, ist umgeben von diversen Funktionselementen des Taucheranzugs, dessen Kontrolle die Pilotin, mit der man im ständigen Kontakt steht, an uns delegiert. So können wir uns von Stelle zu Stelle bewegen, Proben von der Umgebung einsammeln und zu unserem Vorteil einsetzen sowie nach und nach ein tiefes Wissen über Flora und Fauna des Planeten erfahren. Erscheinen wird In Other Waters 2020.

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Sumatra: Fate of Yandi

Sumatra: Fate of Yandi

Mit relativ einfacher Pixelgrafik, LucasArts-Schriftart und klassischem Point-and-Click kommt Sumatra: Fate of Yandi daher und spricht damit Fans gepflegter Retro-Unterhaltung an. Es folgt dem Schicksal von Yandi, der als Arbeiter an der Abholzung des indonesischen Urwalds arbeitet und bei einem Unfall bewusstlos auf einem Baumstamm tief in den Dschungel gespült wird, wo sich zahlreiche Probleme auftun, die es in traditionellen Rätseln zu lösen gilt. Das Spiel ist bereits 2019 erschienen und soll laut Entwickler etwa 3-5 Stunden Spielzeit bieten.

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Backbone

Backbone

In Sachen Crime Noir mit anthropomorphen Tieren gibt es einen Titel, über den die Welt spricht: das kickgestartete Adventure-Rollenspiel-Mix Backbone, das kürzlich einen Publisher gefunden und eine Demo veröffentlicht hat. Darin übernehmen wir die Rolle eines Privatdetektivs in Waschbärkörper, der in einem abgeschotteten Vancouver der nahen Zukunft ermittelt. Dabei redet er mit Verdächtigen und Zeugen, löst Rätsel und arbeitet sich durch einfache Schleicheinlagen, die eingebaut wurden, um Spieler stärker emotional zu involvieren.

Wir konnten kurz mit Studiogründerin Alex Korabelnikova reden, die erzählt, wie sie in Russland lebend das dystopische Setting entwickelte, als sie über das System um sie herum sinniert hat und zu der entwaffnenden Schlussfolgerung kam, dass gegen es zu kämpfen für den Einzelnen auswirkungslos bleibt. Und somit ziehen sich Themen wie Macht, Machtmissbrauch, systemische Diskriminierung und Sterblichkeit durch das heiß erwartete Spiel, das mit seiner fantastisch gepixelten und animierten Optik den Blick auf sich zieht.

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a•part•ment

a•part•ment

Eines der experimentellsten und konzeptuellsten Titel auf der diesjährigen AdventureX ist a•part•ment. Protagonist ist Nick Connor, der gerade von seiner langjährigen Partnerin verlassen wurde und dessen Apartment, das voll von Erinnerungsstücken an die gemeinsame Zeit ist. Die ergründet man Stück für Stück in First-Person-Echtzeit-3D, wobei man sich auch mit dem Hintergrund der ansonsten fremden Nachbarn befasst: ein Mädchen, dessen Eltern sich haben scheiden lassen, ein Mann, der unter seiner Einsamkeit leidet, und so weiter. Erzählt in poetischen, metaphorischen Abschnitten mit mehr oder weniger abstraktem Gameplay, ist a•part•ment ein betont unfröhliches Erlebnis. Anfang 2020 soll es erscheinen.

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Magical Diary: Wolf Hall

Magical Diary: Wolf Hall

Visual Novel, Dating Sim und Dungeon Crawler - all das ist Magical Diary: Wolf Hall. Darin spielen wir den Sohn einer angesehenen europäischen Magierfamilie, der nach Amerika zieht und undercover als scheinbar ganz normaler Teenager in einer Magierschule sein Handwerk lernt, ohne dass sein Umfeld von seinem noblen Hintergrund erfährt. Im Schulalltag, der im Gerüst eines Visual Novels erzählt wird, können wir mit anderen Schülern anbandeln, aber auch die gelernten Zaubersprüche am Wochenende in Dungeon-Crawler-Einlagen einsetzen. Beide Aspekte sind weitgehend optional und können je nach Verhalten mehr oder weniger verfolgt werden. Mit über 300,000 Worten hat der Titel einen riesigen Textkorpus und dürfte Fans des Genres viele Stunden beschäftigen. Beta-Versionen sind bereits verfügbar, fertig werden soll Magical Diary: Wolf Hall, das bereits der zweite Teil einer Serie ist, noch dieses Jahr.

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30 Birds

30 Birds

Das vom belgischen Studio ram ram entwickelte 30 Birds bezieht seine Inspiration sowohl visuell als auch mythologisch von persischer Miniaturmalerei: Daher ist die farbenfroh gezeichnete 2D-Welt, die optisch auch an die Buntglasfenster in westlichen Kirchen erinnert, auf die 3D-Oberflächen von kosmischen Laternen projiziert, die frei schwebend in der Spielwelt hängen. Die wurden der Sage nach von der Vogelgöttin Simurgh dort aufgehängt, die wir in der Rolle des furchtlosen Mädchen Zig nun aus ihrem ewigen Schlaf befreien müssen. Dazu gilt es, in der Welt einigen Vögeln zur Freiheit zu verhelfen. Klassische Inventarrätsel gibt es dabei zwar nicht zu lösen, dafür aber exploritative, abstrakte Aufgaben, bei denen man durch Experimentieren mit dem Controller herausbekommen muss, wie bestimmte Formen manipuliert werden können.

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Plot of the Druid

Plot of the Druid

Abseits der offiziellen Aussteller konnten wir uns auch den aktuellen Fortschritt von Plot of the Druids des israelischen Indies Adventure4Life anschauen. In dem klassischen Point-and-Click-Spiel geht es um Druiden-Lehrling Jase, der bei einigen Missetaten erwischt wurde und vom Rat der Akademie nun suspendiert werden soll. Das gilt es im ersten Kapitel zu verhindern, denn nur mit einer abgeschlossenen Ausbildung kann Jase sich auf die gefährliche Reise zu einem wichtigen Turnier machen, dass er unbedingt gewinnen muss.

Auf den ersten Blick erinnert Plot of the Druid an eine hochauflösende Fortsetzung zu King’s Quest oder Legend of Kyrandia, zusätzlich hat man aber auch jede Menge Anspielungen an andere LucasArts-Titel und andere Klassiker eingebaut. Auch beim Humor hat sich der Entwickler von diesen Vorbildern inspirieren lassen.

Ein wesentlicher Teil der Point-and-Click-Rätsel ist die Fähigkeit des jungen Druiden, sich in ein Stinktier zu verwandeln. Dann darf man beispielsweise auf Bäume klettern, Mief versprühen und durch kleine Löcher schlüpfen, muss aber auf das Verwenden von Inventargegenständen oder das Besuchen belebter Orte verzichten. Zwei Schwierigkeitsgrade, volle Sprachausgabe und deutsche Lokalisation sind bereits jetzt eingeplant, obwohl erst ein Kapitel von vier fertig ist und die Finanzierung noch von einer demnächst startenden Crowdfunding-Kampagne oder einem Publisher ex machina abhängt. Zum geplanten Kickstarter wird es dann auch eine spielbare Demo geben.

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Und mehr...

Crowns and Pawns

Andere Spiele, die auf der AdventureX präsentiert wurden, konnten wir bereits auf der gamescom im August antesten. Der von Titeln wie Indiana Jones oder Geheimakte inspirierte Point-and-Click-Titel Crowns and Pawns: Kingdom of Deceit war auch in London vor Ort, und das nun von Application Systems Heidelberg präsentierte, extrem langsame und ungewöhnliche The Longing, wurde ebenfalls gezeigt. Für mehr Informationen über diese Spiele empfehlen wir einen Blick in unsere gamescom-Berichterstattung.

Weiterführender Artikel von der gamescom 2019


Jan 'DasJan' Schneider