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Test

von  Mithrandhir
07.04.2008
Perry Rhodan
Getestet auf Windows, Sprache Deutsch
88%

Mit Perry Rhodan bewegt sich Entwickler Braingame deutlich von der bisherigen Produktlinie weg, stellte dieser im Schwerpunkt bisher Edutainment-Software wie Englisch Buddy oder Geograficus her. Gleichzeitig wurden thematisch ebenfalls neue Wege beschritten, denn der Stoff für das Abenteuer wird nicht aus dem reichhaltigen Vorrat an bereits erzählten Geschichten gewoben. Zwar stünden seit 1961 nunmehr 2400 Perry-Rhodan-Ausgaben zur Auswahl, man entschied jedoch, dass etwas Neues Grundlage des Spiels werden sollte.

Aus diesem Grunde holte man sich Hilfe in Form von Robert Feldhoff, ein Perry-Autor, der auf über 100 Hefte zurückblicken kann und daher weiß, wie ein Abenteuer mit dem Unsterblichen geschrieben wird.

Doch nicht nur die Geschichte soll überzeugen; laut Braingame soll das Adventure grafisch wie atmosphärisch in Erstaunen versetzen können. Es ist also spannend, ob sich diese Ansprüche in Perry Rhodan wieder finden oder einiges davon doch Science-Fiction bleibt…

Mächte der Vergangenheit

Wir schreiben das Jahr 1346 nach Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Perry Rhodan, seines Zeichens Resident des Solaren Imperiums, befindet sich in der Solaren Residenz, dem Wahrzeichen von Terrania und Hauptsitz der Regierung, als mehrere Ereignisse zugleich ihren Lauf und dem Protagonisten den Atem nehmen. Zum einen erzittert die Stadt unter Bombenangriffen unbekannter Angreifer; Sicherheitsbedienstete schwärmen aus, Alarmsirenen erklingen. Gleichzeitig scheint Perry wie in einem goldenen Käfig eingesperrt zu sein, da sich plötzlich Zugänge verschließen und positronische Systeme verweigern - alles ist blockiert, und niemand kann oder will ihm helfen, herauszufinden, was passiert ist.

Zu allem Überfluss ist Mondra Diamond, Mutter seines Sohnes Delorian, scheinbar wie vom Erdboden verschluckt, obwohl sie eigentlich mit der Ausstellung über die alte Rasse der Illohim beschäftigt war. Wurde sie etwa entführt? Und wieso mischt sich auch noch der arkonidische Geheimdienst Tu-Ra-Cell ein? Je weiter Perry sich um Aufklärung bemüht, desto tiefer stolpert er in eine Verschwörung hinein, die scheinbar auch seine Freunde mit einschließt. Wem kann der Unsterbliche jetzt noch vertrauen?

Ein Blick in die Zukunft

Grafisch präsentiert sich Perry Rhodan in modernstem Gewand und zeigt anschaulich, wie gut ein Adventure aussehen kann. Dies gelingt vor allem, wenn eine 3D-Engine verwendet wird, um ein 2D-Adventure zu gestalten. Mit hochaufgelösten Texturen, dynamischen Schatten und exzellenter Beleuchtung erstrahlt das Spiel in einer wahren Grafikpracht. Die voreingestellte Auflösung von 1280x1024 Pixel ist allerdings statisch - hier sind keine Einstellungsmöglichkeiten gegeben. Aufgrund der atemberaubenden Aussichten, die der Protagonist zum Teil hat, wären Breitbildformate und Zwischenauflösungen sehr wünschenswert gewesen. Ebenso vorgegeben ist die Gamma-Einstellung des Spiels; je nach Anpassungsmöglichkeit des Monitors könnte es in späteren Bereichen wie der Mine mitunter recht dunkel werden.

Perry selbst bewegt sich dreidimensional in Point-and-Click-Manier vor einer 2D-Kulisse, deren Hintergründe zum Teil handgezeichnet wurden und gut den Charme der Hefte wiedergeben. Die vom Entwickler versprochene „Bewegtheit des Spiels ohne Standbilder“ lässt sich direkt bei den ersten Schritten im Spiel überprüfen; es wimmelt geradezu von Raumschiffen, surrenden Robotern und vorbeiziehenden Rauchschwaden. Es sind tatsächlich nahezu keine statischen Ansichten vorhanden, obwohl in späteren Abschnitten des Spiels der ein oder andere Durchgangsraum oder –Tunnel auftritt, der keine Bewegung erkennen lässt. Die Belebtheit der Grafik wird vor allem von zahlreichen Figuren erreicht, die sich überall tummeln und umherspazieren. Perry bewegt sich flüssig zwischen diesen Personen; an manchen Stellen eines Raumes schwenkt die Kamera die Ansicht. Dies geschieht äußerst passend und hat zu keiner Zeit ein wesentliches Element im Spiel verdeckt oder durch Drehung unerreichbar gemacht.

Klänge aus der Gegenwart

Auch akustisch macht Perry Rhodan eine gute Figur. Anspruchsvoll vertont, klingen die Stimmen sowohl zum Charakter als auch zur Sprechsituation passend. Hierbei sind auch die nichtmenschlichen Rassen wie zum Beispiel die Blues mit Liebe zum Detail umgesetzt worden, und Sprechrhythmus und Intonation überzeugen auf ganzer Linie. Ebenso stimmig ist die Klanguntermalung im Hintergrund: Ob ein stapfender Roboter, ein britzelnder Energieschirm oder zufällig erklingende singende Kristalle – die Kulisse wirkt stimmig.

Bei der Spielmusik reißt Perry Rhodan allerdings keine Bäume aus und hält diese dezent im Hintergrund. Zumeist ist ein dumpfer, sphärisch klingender Grundton zu hören, der je nach Location variiert und der Spielsituation auf angenehme Weise eine leicht unheimliche Note hinzufügt. Häufig erklingt ein leiser, choraler Frauengesang dazu. Zuweilen, wenn Perry bestimmte Ereignisse auslöst, wechselt die Musik von diesen Ambient-Tönen zu etwas Flotterem, bis die Situation endet.

Denken nach alter galaktischer Zeitrechnung

Perry Rhodan bietet auf seinem Abenteuer einen recht klassischen Mix aus Informations-, Inventar- und Kombinationsrätseln. Die meisten Hindernisse sind mit einem gezielten Ausfragen der Personen, einem anschließenden „Besorgen“ eines bestimmten Gegenstandes und gegebenenfalls dessen Manipulation im Inventar zu bewältigen. Hierbei ist interessant, dass bestimmte Schlüsselideen oder Gedanken Perrys als Inventargegenstand eingetragen werden. Ein defektes Steuerungsterminal taucht daher als Symbol neben anderen Dingen auf, und kann zum Beispiel aus dem Inventar auf einen Wartungstechniker „gezogen“ werden, der genau zu diesem Thema dann etwas sagen kann. Somit kann es ebenfalls zum Rätsel gehören, einen Kerngedanken wie „Ich brauche etwas Giftiges“ mit einer Person zu benutzen, die aussagen kann, wie man sich etwas dieser Art mischen kann. Somit modifiziert man sich den Gedankengegenstand.

Sollte jedoch noch kein Gedanke im Inventar sein, kann man auch nicht darüber reden; dieser (Gesprächs-)Gegenstand fehlt dann einfach.

Die Gespräche sind jedoch recht linear; eine Antwort-Auswahl gibt es nicht. Haben wir ein Gesprächsthema angeschnitten, läuft der Dialog an sich automatisch ab, kann aber neue Themen generieren, die man als Gegenstand erneut auf den Gegenüber zieht. Perry sind häufig mehrere Wege möglich, eine Information zu erhalten: Ein Techniker kann ebenso hilfreiche Aussagen zu einem Objekt machen wie es eine Computerpositronik tun kann, auf die Perry Zugriff hat.

Bei der Aufklärung der Ereignisse muss der Resident recht viele Rätsel-Hürden nehmen; richtige Kopfnüsse stehen ihm dabei jedoch fast nie im Weg. Die Dichte und die Varianz der gestellten Aufgaben sind anregend und sorgt dafür, dass bei der Erkundung der Umgebung keine Langeweile oder Wiederholung auftritt.

Alle Aufgaben folgen einer transparenten Logik und sind mit den gegebenen Informationen klar lösbar. Zudem verfügt der Resident über ein elektronisches Armband, welches in groben Zügen aufführt, was getan werden sollte. Hierbei werden jedoch Reihenfolge und Details nicht vorgegeben; lediglich grobe Angaben wie „Wenn ich weiterkommen will, muss ich diese Transmitter deaktivieren“ werden gemacht.

Es gibt aber auch vereinzelt mal ein anspruchsvolleres Rätsel zu lösen; dieses definiert sich jedoch eigentlich nur dadurch, dass man zur Lösung etwas tun muss, das eher unwahrscheinlich oder schwer erschließbar ist. Als Beispiel sei hier der Roboter genannt, der einen ganzen Raum (also Ladescreen) Anlauf braucht, damit die richtige Endgeschwindigkeit zum Aufknacken einer Energie-Vitrine erreicht wird, in welche dieser rennen muss. Das hinterlässt ein leises Gefühl, dass hier nachträglich eine schlecht erschließbare Erschwernis eingebaut wurde.

Alles in allem sind die Rätsel grundsätzlich fair und verständlich gehalten; gleichzeitig wirken sie mit zahlreichen Elementen und Begriffen aus dem Perryversum nicht überladen und sind also auch für Nicht-Fans ohne weiteres lösbar. Außerdem: Perry ist nicht nur in der Literatur der "Unsterbliche"; er ist auch im Spiel unsterblich.

Komfort nach neuer galaktischer Zeitrechnung

Eher klassisch gehalten, steuert sich der Unsterbliche mittels Point-and-Click durch die Areale, wobei eine entsprechende symbolische Veränderung des Mauszeigers eine Interaktion, eine Sammelfunktion oder einen Levelausgang aufzeigt. Die Bewegung des Charakters gestaltet sich ähnlich komfortabel: Ein doppelter Linksklick lässt Perry nicht nur gehen, sondern direkt sprinten, und ein Rechtsklick auf einen Levelausgang wechselt sofort die Location.

War es in Adventures, die über weit verzweigte Level verfügten, manchmal verwirrend, wo den genau ein Ausgang noch mal hinführt, so bietet Perry Rhodan ein wirklich komfortables wie auch grafisch überzeugendes Bonbon:

Berührt man mit der Maus einen bereits bekannten Levelausgang, so erscheint eine Art verkleinertes Vorschaubild (Thumbnail) des zu erwartenden Raumes. Dieser zoomt sich futuristisch ins Bild und lässt trotz der minimierten Darstellung keinen Zweifel offen, wo es hingeht.

Sollte der dahinterliegende Raum nicht besucht worden oder bekannt sein, so zeigt die Vorschau lediglich ein schwarzes Bild. Passend zum Thema des Spiels lässt sich per Tastendruck ein Scanner aktivieren, der den gesamten Bildschirm einmal von oben nach unten nach HotSpots scannt. Die interaktiven Stellen blinken dann kurz auf und helfen, sich nicht in der detaillierten Grafik zu verlieren. Die Bedienung des Inventars ist recht intuitiv gehalten; jeglicher Gegenstand (also auch Gesprächselemente) werden einfach per gedrückter Maustaste ins Bild gezogen, um sie anzuwenden.

Die Speicherfunktion ist angemessen und liefert mit Vorschaubild und Uhrzeit eine leicht zugängliche Verwaltung der eigenen Speicherstände, die man jederzeit anfertigen kann.

Gefühlte Zukunft

Perry Rhodan überzeugt in Bezug auf die Stimmung und die Science-Fiction-Atmosphäre auf ganzer Linie. Geleitet von einer mysteriösen Grundstory ist man als Spieler zunächst Spielball zwischen verschiedenen zwielichtigen Fraktionen und befindet sich recht schnell in einer waschechten Krimi-Geschichte. Eingebettet wird das ganze in die futuristische Kühle einer ausbalancierten technisierten Welt, die ähnlich wie in The Moment of Silence auch isolierend und bedrohlich wirken kann; vor allem, wenn die Optik und die Stimmung im späteren Verlauf durchaus an Metropolis oder Blade Runner erinnert.

Getrieben von dem Wunsch, Licht in die ganze Angelegenheit zu bringen, stolpert man so in ein Abenteuer galaktischen Ausmaßes hinein: Es gilt also, wieder einmal die Welt oder vielmehr das Solare Imperium zu retten. Ebenso gut eingefangen ist die leichte, unterschwellige Selbstironie, die Perry Rhodan gelegentlich an die Oberfläche treten lässt. So scheitert der Held beinahe an Dingen wie dem Bestellen eines Getränkes, da der Service-Roboter nahezu alle bestellbaren Dinge aufzählt – von Alpha Centauri über Blubberlutsch bis Drahliik.

Auch die sprechenden Psi-Würmer, die in einem Blues-Burger drinstecken und versuchen, mit Argumenten wie „Wir schmecken doch ganz schlecht“ zu überleben, ringen ein Schmunzeln ab. Hier wurden zahlreiche Aspekte der Hefte mit eingebracht.

Zusammenfassend darf man getrost sagen: Science-Fiction Marke Perry Rhodan mit all seinen Facetten. Besonders wichtig ist natürlich auch die Einarbeitung und Beachtung der Idiomatik und der Beschaffenheit des Perryversums, um die Authentizität der Figur Perry Rhodan zu gewährleisten. In diesem Bereich ist das Spiel über jeden Zweifel erhaben und liefert mannigfaltiges Kontextwissen, seien es bestimmte Personen, Orte oder Spezialbegriffe.

Ein gleichzeitiges Zugeständnis an diejenigen Spieler, die wenig oder gar kein Vorwissen mitbringen, wurde ebenfalls gemacht: Die Dichte und Tiefe der Perry-spezifischen Elemente wurde nicht übertrieben – zudem werden viele Dinge in Form von Holo-Tafeln oder Infoscreens näher erläutert. Solches Spezialwissen ist jedoch zu keinem Zeitpunkt spiel- oder rätselentscheidend, gut eingebettet und hilft, sich in der schönen neuen Welt zurechtzufinden.

Fazit

Perry Rhodan hat alles, was ein gutes Science-Fiction-Abenteuer benötigt: Modernste Grafik, glaubwürdige Vertonung, eine rätselhafte, in der Zukunft angesiedelte Geschichte und ein Held mit Profil. Braingame schafft es auf bemerkenswerte Weise, die ganzen Elemente zu einem spannenden Adventure zu formen, und alle oben genannten Aspekte gleichwertig einzubauen, so dass in allen Bereichen professioneller Anspruch erkennbar ist.

Für diejenigen, denen die Rätsel nicht schwer genug sein können, werden die Lösungen jedoch zu transparent oder offensichtlich sein. Hier ist klar erkennbar, dass der Schwierigkeitsgrad sowohl zugunsten der Erzähldynamik, aber auch der sehr breiten Zielgruppe wegen auf ein normales Maß im Bereich Einsteiger bis Fortgeschritten gesetzt wurde. Neulinge im Perryversum können also ohne Vorbehalte oder Sorge über thematische Hürden bedenkenlos zugreifen; für eingefleischte Rhodanianer ist dieses Spiel ohnehin ein Muss.

Kommentar des Verfassers

Kommentare

detail

Großartig, was Entwickler und Autor da geschaffen haben! Perry Rhodan fesselte mich vom ersten Moment an - nur allzu gerne bin ich die futuristische Welt abgetaucht, die mich manches Mal einfach nur stehenbleiben und darüber staunen ließ, wie beeindruckend schön die Zukunft sein kann. Da erhofft man sich eine Zelldusche, um diese Zeit irgendwann erleben zü können...
Dieses Spiel erweist sich der größten SF-Serie mehr als würdig - klare Empfehlung: Anschauen!

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Pro
Contra
  • Exzellente Grafik
  • Perfekt eingearbeitetes Fachwissen zum Perryversum
  • Professionelle Vertonung
  • Stimmige SF-Atmosphäre
  • Spannende Story
  • Keine Dialogsteuerung
  • Statische Auflösung