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Technicus - 10 hours left

Test

von  Jan "DasJan" Schneider
05.02.2005
Technicus - 10 hours left
Getestet auf Windows, Sprache Deutsch

Länger war es ruhig um die Edutainment-Reihe von Heureka Klett, die sich insbesondere mit Adventures wie Physicus, Chemicus oder Historion einen guten Ruf im Lernspiel-Sektor erarbeitet hat. Von den Entwicklern der Chemicus-Reihe und Informaticus ist jetzt ein neuer Titel auf den Markt gekommen, der nicht mehr so konservativ daherkommt wie die (großteils) klassischen Ego-Adventures, sondern ein neues Spielkonzept ausprobiert. Im Wesentlichen verbirgt sich dahinter nach wie vor ein Adventure...

Marqêz de Sade

Die Geschichte hinter „10 hours left“ ist schnell erzählt: Der schwerreiche Marquêz do Sol hat eine alte Festung im Meer zu einem einzigen großen Spiel umfunktioniert. Er lädt sich dorthin bekannte Meisterdiebe ein, so auch die schöne Ganovin, in deren Rolle der Spieler schlüpft, und gibt ihnen 10 Stunden Zeit, so viel Inselinventar wie möglich einzustecken – insbesondere eine Hundertschaft von verschiedenen Ringen, die der Marqêz auf der Insel versteckt hat. Eine Vielzahl von Fallen machen allerdings dabei den Raubzug zu einem gefährlichen Vergnügen und wer nach 10 Stunden nicht den Fährmann gerufen und die Insel verlassen hat, sollte nicht erwarten, das Festland jemals wiederzusehen.

Der Widerspenstigen Zähmung

Die ersten Spielminuten verlangen dem gediegenen Adventure-Veteranen einiges an Flexibilität ab. Die umständliche Tastatursteuerung bremst die Meisterdiebin etwas aus und auch die Lebensanzeige in der Bildschirmecke irritiert das Puristenherz. Laufen kann man zwar, was bei einigen Wegen im Spiel auch bitter nötig ist, aber nach ein paar Sekunden muss sich die Spielfigur wieder kurz erholen.

Die nächste Überraschung ereilt den Spieler bei dem Versuch, den Spielstand abzuspeichern. Das geht nämlich zu Beginn des Spiels gar nicht. Erst später, wenn man eine spezielle Ringsorte gefunden hat, ist dies möglich - aber auch dann kostet jeder Speichervorgang einen Ring. Beliebiges Speichern und Laden ist also nicht möglich. Diese Maßnahme wirkt besonders drakonisch angesichts der Tatsache, dass die Spielwelt gespickt ist mit Fallen. Beim Öffnen einiger Kisten bekommt der Spieler einen Stromstoß oder ihm weht eine Flammenwand endgegen. An anderen Stellen ist gutes Timing gefragt, um nicht von Stacheln aus dem Boden erwischt zu werden. Heilung versprechen wiederum andere Ringe, die überall in der Spielwelt zu finden sind.

Nur noch 10 Stunden – Das Konzept

All das gehört zu dem etwas anderen Konzept des Spiels. Ziel ist es nicht, die Welt zu retten oder einen bösen Geisterpiraten zu besiegen, sondern möglichst viele Reichtümer in den namesgebenden 10 Stunden, die dem Spieler tatsächlich in Echtzeit zur Verfügung stehen, einzusammeln und vor Ablauf der Zeit die Insel zu verlassen. Am Schluss wird der Wert der Diebesbeute und die Restzeit über das Internet an eine Highscore-Liste übermittelt, wo man seine Leistung dann mit anderen Spielern vergleichen kann. Da Schätze und Fallen im Spiel zufällig verteilt sind, hat diese allerdings nur eingeschränkte Aussagekraft.

Wer auf Zeitlimits pfeift, kann auch den Abenteurermodus einschalten. Hier kann sich der Spieler gemütlich zurücklehnen, muss jedoch damit leben, sich am Schluss nicht in die Highscore eintragen zu können. Damit man in diesem Modus nicht ziellos durch die Gegend läuft gibt es neben all den Ringen auch einen Hauptschatz zu finden. Wer diesen findet, hat so viele Rätsel überwunden (und so viel über Technik gelernt), dass er sich getrost „Meisterdieb“ nennen kann.

Des Pudels Kern

Auf dem Weg zu den unzähligen Schatztruhen versperren natürlich auch Rätsel den Weg und trotz aller unüblichen Spielelemente bilden diese den Kern von Technicus. Die Aufgaben basieren dabei zumeist auf techischen Zusammenhängen: Da will ein Wachposten wissen, wie viel 500 Nanometer in Millimetern sind, ein anderer erwartet Kenntnisse über die Funktionsweise von Ottomotoren und eine Tür lässt sich nur öffnen, wenn man weiß, wann Christiaan Huygens geboren wurde. Es gilt, Rohrpostanlagen wieder flott zu machen, Leistungswerte in Stromkreisen auszurechnen, Pumpen zu reparieren oder Glühbirnen zu bauen.

Dabei sammelt sich auch ein immer größeres Inventar an, das aus Werkzeug (Sägen, Zangen...), verschiedenen Stangen, Holzdeckeln, Weinballons, Zellophanfolie und vielem mehr besteht. Damit ist es dann möglich, sich durch die Spielwelt zu basteln und den Weg zu immer mehr Kisten und damit immer mehr Ringen zu finden. Einige Rätsel sind dabei reiner Selbstzweck, andere dagegen fügen sich glaubhaft in die Spielwelt ein.

Schock deine Eltern – Lies ein Buch

Natürlich wird vom Spieler nicht erwartet, dass er all die Zusammenhänge kennt, die Technicus auf spielerische Weise abfragt. Dazu sind auf der Insel überall Bücher versteckt, die die Themen des Spiels aufgreifen und erklären. Nach und nach findet man diese und kann so die Probleme verstehen und lösen. Oft geben auch die Ritter, die überall zu finden sind, wertvolle Tipps, manchmal aber nur gegen Bezahlung.

Die einzelnen Bücher reichen von sehr allgemeinen Themen (Physikalische Einheiten, Hebelgesetze, Stromkreise) bis zu speziellen technischen Entwicklungen (Die Glühbirne, Der Ottomotor...). Dabei gibt es auch interaktive Elemente in den Büchern, die zum Experimentieren einladen. Positiv ist auch, dass man sich durch das Zeitlimit nicht unter Druck gesetzt fühlen muss, denn während der Lektüre wird die Zeit fairerweise angehalten.

Die Qualität dieses Lernteils ist sehr erfreulich: Verständlich wird an die Themen herangeführt, viele Bilder und die Möglichkeit zur Interaktion erleichtern das Verständnis, historische Hintergründe werten die Informationen auf. Vom ambitionierten Mittelstufenschüler bis zum technikinteressierten Erwachsenen, der seine Kenntnisse auffrischen will, wird hier jeder bedient. Nur der Umfang des Lernteils hätte größer ausfallen können. Oft würde man gerne weiterlesen, wo die Bücher im Spiel schon aufhören.

Starre Präsentation

Grafisch bietet Technicus erfreulichen Detailreichtum auf 1024x768 Pixeln, auch wenn einige Wald-und-Wiesen-Abschnitte nicht sehr vielseitig wirken. Schwerer wiegt da aber die weitgehende Abwesenheit von Animationen. Die laufende Protagonisten, die ihre eindeutig auf männliche Spieler optimierten Pobacken über die Insel trägt, ist häufig das einzige bewegte Element auf dem Bildschirm. Gerade das Wasser wirkt ohne Wellenbewegung sehr statisch und auch die fackeln an der Wand könnten ein Flackern vertragen. Immerhin in den Nahaufnahmen sind fließendes Wasser und umspringende Schalter animiert.

Die Musik bleibt leider erwas schwach. Zwar passt sie zum Setting und nervt nicht, aber insgesamt zeigt sie wenig Charakter. Deutlich gelungener sind das die deutschen Stimmen, die allesamt von Profis eingesprochen wurden, z.B. dem deutschen Sprecher von Captain Jean-Luc Picard.

Fazit

Insgesamt ist Technicus ein mutiges Experiment, das versucht, eigene Wege zu gehen, anstatt sich an bestehenden Konzepten festzuhalten. Wer sich darauf einlässt, kann durchaus Spaß damit haben und gerade dann, wenn die Zeit auszugehen droht, kann es sehr spannend sein, die letzten Rätsel zu lösen und dabei noch so viele Ringe wie möglich einzustecken. Der Lernteil ist dabei sehr gut, aber leider etwas knapp geworden. Wer Technicus mehrfach spielt (was hier durchaus sinnvoll ist) oder sich im Abenteurermodus Zeit lässt, kann trotz der kleinen Spielwelt auch 20 Stunden Freude an Technicus haben. Wer eher in klassischen Bahnen denkt und nach höherem strebt, als nur Ringe einzusammeln, sollte sich nach anderen Titeln umsehen. Außerdem ist natürlich Spaß und Interesse an technischen Themen und Physik eine Voraussetzung, die man erfüllen sollte.

Kommentare des Verfassers

detail

Für mich war Technicus ein angenehmer Zeitvertreib und eine willkommene Gelegenheit, ein paar Physik-Schulkenntnisse wieder aufzufrischen und endlich zu verstehen, wie ein Ottomotor genau funktioniert. Technisch glänzt das Spiel vielleicht nicht gerade, aber die Rätsel und die Jagd auf die nächste Schatztruhe haben mich trotzdem bis zum Schluss motiviert.

 

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Leser- Wertung

0 ( 0 )
Pro
Contra
  • Guter Lernteil
  • Frische Ideen
  • Spaßige Rätsel
  • Sprachausgabe
  • Wenig Animationen
  • Einschränkung beim Speichern
  • Lernteil etwas klein