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Motion Capturing
Hinter den Kulissen von Geheimakte Tunguska
Geheimakte Tunguska wurde auf der diesjährigen Games Convention zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt und soll im 2. Quartal 2006 bereits fertig werden. Zusammen mit den deutschen Entwicklern von Animation Arts und Fusionsphere Systems sowie Publisher Koch Media haben wir im August ein Gewinnspiel veranstaltet, bei dem es eine Gastrolle im Spiel zu gewinnen gab und dieser Gewinn wurde jetzt eingelöst. Wir sind zusammen mit Sandrin Choinatzki, auf die unser Los gefallen war, nach Frankfurt zur Firma metricminds gefahren, wo der ungewöhnliche Gewinn umgesetzt wurde.
Bei metricminds hat man sich auf das so genannte Motion Capturing spezialisiert. Dabei werden die Bewegungen eines Schauspielers digitalisiert, um diese dann zum Beispiel für die Akteure in einem Spiel verwenden zu können. Das ist zwar aufwändiger, als die Animationen direkt im Rechner zu erstellen, das Ergebnis wirkt dafür umso natürlicher. Metricminds ist dabei nicht auf Videospiele beschränkt: auch für den jüngsten Bully-Film "Periode 1: (T)Raumschiff Surprise" oder ein Musikvideo von DJ Bobo haben die Experten ihr Know-how beigesteuert.
Vorbereitungen
Die Vorbereitungen der Motion-Capturing-Aufnahmen für Geheimakte Tunguska beginnen aber nicht in Frankfurt, sondern bei Animation Arts. Zunächst werden dort vorläufige Versionen von allen Animationen mit dem Keyframe-Verfahren erstellt und probeweise in das Mystery-Adventure eingebaut. Dabei werden wichtige Animationsphasen von Hand im Computer modelliert (die "Keyframes") und alle dazwischen liegenden Animationsphasen darauf basierend automatisch berechnet. Diese Technik führt allerdings gerade bei komplexeren menschlichen Bewegungen zu unnatürlich wirkenden Abläufen.
Deswegen wird im Anschluss eine Liste von Animationen erstellt, die nachträglich per Motion Capturing aufgenommen werden sollen, um realistischere Ergebnisse zu erzielen. Dazu wird genau beschrieben, welcher Charakter welche Bewegungsabläufe auszuführen hat. Ist diese Liste für einen Teil des Spiels fertig, kann die konkrete Planung für einen Drehtag beginnen. Dazu lädt metricminds Darsteller ein, die die Anforderungen erfüllen, welche die Rollen erfordern. Metricminds hat zu diesem Zweck eine Kartei mit Schauspielern, Sportlern, Tänzern und vielen anderen potenziellen Darstellern aufgebaut, auf die jederzeit zugegriffen werden kann - genau wie beispielsweise ein Tonstudio eine Sprecherkartei pflegt.
An dem Tag, an dem wir bei den Aufnahmen zuschauen durften, war zum Beispiel Marco Böß vor Ort, der normalerweise Schauspieler am Staatstheater Mainz ist, an diesem Tag aber in die Rolle von Max schlüpfte, einem Hauptcharakter aus Geheimakte Tunguska. Daneben war an diesem Tag natürlich auch Sandrin Choinatzki als Darstellerin eingeplant, die an ihrer plötzlichen Kurzkarriere als Motion-Capturing-Modell sichtlich Spaß hatte - auch wenn die Studentin, die sie verkörpern wird, nur eine kleine Nebenrolle ist.
 Die Marker wurden vom System erkannt.
Drehtag
Am Drehtag treffen sich alle beteiligten in einer umfunktionierten Lagerhalle in Frankfurt, die metricminds mit allerlei High-Tech ausgestattet hat. In der Mitte der Halle befindet sich eine freie Fläche mit verschiedenen Markierungen auf dem Fußboden. Das ist die "Bühne" von metricminds, wo die eigentlichen Aufnahmen stattfinden. An einer Längsseite der Halle befindet sich eine erhöhte Tribüne, auf der die technische Leitung und der Regisseur das Geschehen überwachen und die Aufnahmen organisieren. Zwei Ecken der Halle sind für weitere PC-Arbeitsplätze reserviert; dort werden die aufgezeichneten Animationen nachbearbeitet und für die Auslieferung vorbereitet. Darüber hinaus sind überall Requisiten wie Stühle, Tische oder Treppen deponiert, die sofort zur Verfügung stehen, wenn sie gebraucht werden. Exotischere Requisiten werden je nach Bedarf selbst angefertigt.
Bei den Aufnahmen selbst übernimmt einer der Entwickler die Rolle des Regisseurs. Im Fall von Geheimakte Tunguska ist das Marco Zeugner von Animation Arts, der genau mit den Situationen vertraut ist und den Darstellern erklären kann, welche Bewegungen auszuführen sind: "Du nimmst einen Teller entgegen", "Du öffnest ein Fenster", "Bitte noch mal, ich hatte vergessen zu sagen, dass dein Charakter 80 Jahre alt ist." Mit im Gepäck hat er nicht nur die Liste der abzuarbeitenden Szenen, sondern auch eine Reihe von Screenshots, die den anderen Anwesenden die Umgebungen verdeutlichen, sodass z.B. Requisiten an die richtige Stelle gestellt werden können oder der Darsteller ein Gefühl für die Szene bekommt.
 Marco Zeugner erklärt, der Regisseur, dem die Frauen vertrauen.
Licht aus, Spot an
Ist dies alles geklärt, kann die Aufnahme beginnen: der Darsteller muss dazu einen schwarzen, möglichst hautengen Einteiler tragen, an dem Pingpongball-ähnliche weiße Kugeln, so genannte "Marker", befestigt sind. Am Anfang der Aufnahme begibt er sich in die "T-Pose", d.h. er stellt sich gerade hin und streckt die Arme von sich. Dann führt er die vorher besprochenen Bewegungen aus, um anschließend wieder die T-Pose einzunehmen, die als Referenzposition dient und die nachträgliche Zuordnung der Marker erleichtert.
Während der Aufnahme wird der Darsteller von 18 speziellen Kameras aufgenommen, die in einem Rechteck unter der Decke angeordnet sind und jeweils 120 mal in der Sekunde ein 1000 x 1000 Pixel großes Bild aufnehmen. In diesen Aufnahmen werden im Anschluss automatisiert die Marker am Anzug des Darstellers erkannt und zusammen mit Informationen über die Positionen der Kameras deren dreidimensionale Koordinaten errechnet. Zwar wird dieser rechenintensive Schritt im Wesentlichen automatisch erledigt, doch ist damit noch längst nicht alle Arbeit erledigt...
 Die Regie-Tribüne.
 Kritische Begutachtung vom Regie-Stuhl.
Nacharbeit
Die Animationen sind nach der Aufnahme noch lange nicht in einem auslieferungsfähigen Zustand: einige Punkte zittern auf Grund von Ungenauigkeiten und manchmal fällt auch ein Marker vom Darsteller ab, was noch kein Grund ist, die Aufnahme abzubrechen. Mehrere Arbeitsschritte sind deshalb noch vonnöten, bis aus den Aufnahmen brauchbare Animationen werden. Zunächst wird dazu etwas Ordnung in die lose Punktsammlung gebracht: Beim "Labeln" benennt man die Punkte zunächst einmal, damit man weiß, welcher zum linken Ellenbogen und welcher zum rechten Zeigefinger gehört.
Anschließend werden Beziehungen zwischen einzelnen Markern definiert. So können zum Beispiel die Marker auf dem Rücken ihre relative Position zueinander nie ändern und auch die Länge des Oberschenkels ist fix. Mit solchen Informationen, mit denen man den Computer manuell füttern muss, kann ein großer Teil des erwähnten Zitterns kompensiert werden und auch während der Bewegung verloren gegangene Marker können unter Umständen so ergänzt werden.
Schließlich kommen die Animationen zum "Cleanen". Hier werden letzte Unebenheiten in der Bewegung von Hand ausgebügelt. In einem Fenster kann der zuständige metricminds-Mann dabei den aktuellen Bewegungsablauf sehen, in einem anderen die drei Raumkoordinaten eines ausgewählten Markers im Blick behalten. Dort kann er ungewolltes Verhalten dann manuell oder automatisch korrigieren. Zuletzt werden beim "Offsetten" die Dimensionen des realen Schauspielers an die seines digitalen Alter Ego angepasst. Ausgeliefert wird die fertige Animation dann in einem gängigen Format wie z.B. dem von 3D Studio Max oder dem Maya-Format.
 Beim Cleanen werden letzte Wackler beseitigt.
Shooting zum Schluss
Eine Besonderheit gab es noch bei unserer Gewinnerin Sandrin, die ja nicht nur ihre Bewegungen für das Spiel hergeben durfte, sondern auch optisch den Weg in die Welt von Geheimakte Tunguska finden sollte. Deshalb gab es im Büroraum von metricminds noch ein kleines Fotoshooting, in dem Projektleiter Marco Zeugner die Hannoveranerin von allen Seiten auf seiner Digitalkamera verewigte. So kann sie später als Textur über die Polygon-Figur gezogen werden, in deren Rolle sie auch motorisch schlüpft.
Insgesamt vier Drehtage plant Animation Arts für die Motion-Capturing-Aufnahmen für Geheimakte Tunguska ein, eventuelle Nachdrehs nicht mitgerechnet. An jedem davon sollen 30-40 Shots aufgenommen werden. Das Ergebnis wird dann jeder ab dem 2. Quartal 2006 überprüfen können, wenn das Spiel unter dem Label Deep Silver in die deutschen Läden kommt.
 Marco (Animation Arts), Susanna (Koch Media), Oliver und Sandrin (Gastrollen-Gewinnerin) und DasJan (v.l.n.r.).
 Sandrin Choinatzki digital und real.
Bedanken möchten wir uns bei metricminds, Animation Arts sowie Koch Media für die Möglichkeit, bei den Aufnahmen in Frankfurt zuschauen zu dürfen.
Jan 'DasJan' Schneider
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