Der Fall John Yesterday
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Zu Besuch bei Translocacell

Die Sprachaufnahmen zu Overclocked



Fast drei Jahre ist es her, als mit The Moment of Silence das letzte große PC-Adventure des deutschen Entwicklers House of Tales in den Handel kam, jetzt nähert sich der Psycho-Thriller Overclocked der Fertigstellung. Die Entwickler haben uns dazu eingeladen, bei den Sprachaufnahmen mit Hauptdarsteller Stephan Schwartz dabei zu sein. Das haben wir uns nicht entgehen lassen und sind zum Lokalisations-Dienstleister Translocacell nach Düsseldorf gefahren.

Transloca... was?

Translocacell wurde 1997 unter dem Namen Voice Art von Martin Ruiz Torreblanca gegründet, der schon zuvor Erfahrung mit Sprachaufnahmen für Computerspiele gesammelt hatte. Als Cheftechniker begleitete er in den 90ern im Auftrag von Softgold die Aufnahmen zu Titeln wie Sam & Max, Monkey Island 3 und Grim Fandango. So war der gebürtige Südamerikaner mitverantwortlich für den spanischen Akzent von Manny Calavera.
Ursprünglich als reines Tonstudio gedacht, wurde schnell klar, dass man zusätzliche Dienstleistungen anbieten musste, um sich am Markt behaupten zu können. Deshalb ging das auf Videospiele spezialisierte Studio immer wieder auf die Bedürfnisse der Publisher ein. Ein Übersetzer sorgte gleich für die Übersetzung der Texte, Lektoren für die Korrektur derselben, man kümmerte sich um die Verpackung und auch eine Foto-Abteilung wurde ins Haus geholt.
Bald fing die Firma an, nicht nur die deutsche Sprachausgabe zu produzieren, sondern auch englische, italienische, französische und spanische. Auch exotische Extrawünsche werden inzwischen bedient - seien es skandinavische Sprachen, spezielle Akzente oder Koreanisch. Für das Aufbaustrategiespiel Die Römer produzierte man sogar eine lateinische Version inklusive Sprachausgabe.
Um die Vielzahl an Sprachen bewältigen zu können, kooperiert Translocacell mit Tonstudios überall auf der Welt. Dann können beispielsweise Aufnahmen in Amerika stattfinden, während der Regisseur in Düsseldorf sitzt und per Skype zugeschaltet wird. So kann man sicherstellen, dass in jedem Fall Muttersprachler zum Einsatz kommen, die die gesprochene Sprache hundertprozentig beherrschen. Gelegentlich sind Aufnahmen in anderen Territorien aber auch so teuer, dass man Sprecher kurzerhand einfliegt.
Inzwischen arbeitet Translocacell auch mit Dynamedion zusammen, die für einen großen Teil der deutschen Spiele die Musik produzieren. Gerade bei Zwischensequenzen kann es wichtig sein, dass Sprachaufnahmen und Musikuntermalung gut aufeinander abgestimmt sind.
Adventurefans dürften bereits von Translocacell vertonte Spiele in der Hand gehabt haben. Nach House of Tales' The Moment of Silence machten auch bhv-Titel wie Gooka und Bone Gold in Düsseldorf Station. Ankh und die Anaconda-Titel Undercover und Belief & Betrayal werden bei Translocacell für den englischsprachigen Markt vertont.

Martin Ruiz Torreblanca im Studio.

Vorspiel

Wir haben uns dafür interessiert, wie sich eine Produktion der Marke Overclocked aus der Sicht eines solchen Studios darstellt. Beantwortet hat unsere Fragen Geschäftsführer Martin Ruiz Torreblanca. Der hat das erste Mal von dem House-of-Tales-Adventure auf der Games Convention 2005 gehört, als die Öffentlichkeit außer ein paar wenig aussagekräftigen Bannern noch nichts davon gesehen hatte. Nach der Zusammenarbeit bei The Moment of Silence war Translocacell die natürliche Wahl, als es um die Sprachaufnahmen ging.
Konkret wurde es ein Jahr später, zur Zeit der Games Convention 2006. Da erreichten die ersten Datenbankexporte das Studio, nach und nach kamen Charakterbeschreibungen dazu, anfangs grobe Skizzen, später ganze Vitae. Als dann Anfang 2007 das Casting stattfand, war bereits genau definiert, welche Charaktere im Spiel vorkommen, wie diese aussehen, welche Persönlichkeit und welche Hintergrundgeschichte sie haben. Zusammen mit Designer Martin Ganteföhr sind dann insgesamt 17 Sprecher ausgewählt worden.

Die Besetzungscouch

Für den Protagonisten wünschte man sich eine prominente Stimme. Grund war hier nicht das mangelnde Vertrauen in die Professionalität weniger namhafter Sprecher, vielmehr spielen hier auch PR-Gesichtspunkte eine Rolle. Mit "der Stimme von" lässt sich ein Spiel eben auch besonders öffentlichkeitswirksam bewerben. Schließlich fiel die Wahl auf Stephan Schwartz, mit dem Martin Ganteföhr schon erfolgreich beim Geheimnis der Druiden zusammengearbeitet hat. Schwartz ist im Kino regelmäßig als Andy Garcia zu hören, bis 1996 auch als Tom Cruise, und arbeitet regelmäßig als Sprecher für's Fernsehen.
Für die Nebenrollen hat Translocacell wieder Teile der Moment-of-Silence-Besetzung reaktiviert, darunter auch Norman Matt, der vielen sicher noch als Guybrush Threepwood im Gehör ist. Auch neue Sprecher sind natürlich dabei. Insgesamt umfasst Overclocked weniger Rollen als die früheren Spiele des Entwicklers, was sich auch in einem insgesamt geringeren Textumfang niederschlägt: Während für The Moment of Silence noch um die 8000 Takes aufzunehmen waren, sah der Budget-Plan für das neue Spiel eine Obergrenze von 5000 Zeilen vor. Die hat Martin Ganteföhr mit etwa 4920 Zeilen auch weitgehend ausgeschöpft.
Wird mal vergessen, eine Rolle zu besetzen, muss der Meister selbst ans Werk. Schon bei den Druiden und Moment of Silence war auch Ganteföhr selbst in Nebenrollen zu hören, eventuell muss er auch bei seinem jüngsten Spross wieder seine Stimme in den Ring werfen.

Martin Ganteföhr im Stress.

Die Büros von Translocacell. Gemeinsames Frühstück. Man achte auf die Uhr.

Ein Studiotag beginnt

Als wir im Studio ankamen, waren trotz kleiner Verspätung noch weder Sprecher noch Entwickler anwesend - wir hatten also noch nichts verpasst. Auf der Tagesordnung standen Stephan Schwartz, der den ersten von zwei Aufnahmetagen zu bestreiten hatte, sowie ein weiterer Schauspieler für eine Nebenrolle, der aber seinen Termin verschieben musste.
Nachdem sich Stephan Schwartz und Martin Ganteföhr eingefunden hatten, konnte die Einweisung beginnen. Der Sprecher wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts über seine Rolle, sodass er zunächst ausführlich erklärt bekam, wer der Psychiater David McNamara ist, wie er sich verhält, was er im Spiel tut und was es mit seiner Ehekrise auf sich hat. Schwartz hatte kurz zuvor eine neue Staffel der Serie Die Methode Hill synchronisiert, daher war ihm die Rolle des Psychiaters sofort vertraut.
Zu der Einweisung gehörten auch technische Details, die aber schnell geklärt waren. Jeden Take nach dem Piepton sprechen, eine Zeitbeschränkung gibt es in den meisten Fällen nicht, Lippensynchronität wird ebenfalls nicht verlangt. Hier gibt es auch andere Modelle. Schwieriger wird es beispielsweise, wenn für jeden Satz die Länge vorgegeben ist. Dann muss schon der Übersetzer darauf achten, dass die Sätze etwa so lang sind wie im Original. Wenn Zwischensequenzen vertont werden, werden die Filme vorher in einzelne Takes aufgeteilt, sodass man die Sätze im Script sofort anspringen kann. Gelegentlich, zum Beispiel bei einem Reporterduo in Sportspielen, nimmt man auch mit mehreren Sprechern gleichzeitig auf. Häufiger wird aber wie bei Overclocked "geixt" - also Rollen getrennt voneinander aufgenommen und dann im Spiel zusammengefügt. So entstehen auch keine Wartezeiten für die Sprecher.
Nach einem kurzen Smalltalk über die Spieleindustrie bekam Schwartz die ersten hundert Scriptseiten in die Hand gedrückt und die versammelte Mannschaft bewegte sich von den Pausen- in Richtung Studio-Räume. Alle 246 Dialogseiten wollte man dem Sprecher nicht auf einmal zumuten.

Martin Ganteföhr erläutert dem Sprecher das Spiel und die Vorgehensweise bei den Aufnahmen.

Uuuund... Action!

Für Stephan Schwartz stand eine kleine Sprecherkabine zur Verfügung, die sich wegen der Schallisolation und der fehlenden Klimaanlage schnell auf tropische Temperaturen aufhitzt. Eine Klimaanlage würde ein störendes Rauschen verursachen, was man während der Aufnahme nicht gebrauchen kann. Zusätzlich zum Notenständer, auf dem die Ausdrucke mit den Texten Platz fanden, stand ein Monitor bereit, auf dem jeweils noch mal der aktuelle Satz zu sehen war.
Während Schwartz die ersten Seiten durchlas, um einen Überblick über den Text zu bekommen, pegelte der Tontechniker schon mal das Mikrofon ein. Daneben nahm Martin Ganteföhr auf dem Regiestuhl Platz, von wo aus er zunächst den Sprecher darüber aufklärte, dass er mit "offenem Talkback" aufnehmen möchte. Schwartz konnte also ständig über seine Kopfhörer mitverfolgen, was im Regieraum gesagt wurde - nicht nur, wenn der Regisseur auf den entsprechenden Knopf drückt, wie sonst üblich.
Nachdem sich alle eingerichtet hatten, konnten die Aufnahmen beginnen: Beep. "Ich schätze, das müsste ich Mr. Flynn mitteilen." Erster Einwurf von Martin Ganteföhr, dem die Betonung noch nicht passt: "Es ist ihm unangenehm. Er hat was kaputtgemacht." Nächster Versuch: Beep. "Ich schätze, das müsste ich Mr. Flynn mitteilen." Jetzt sitzt die Betonung, es kann weitergehen. Beep. "Es wäre etwas peinlich, wenn er es vom Roomservice erfahren müsste."
So geht es weiter. Vor neuen Szenen erläutert Ganteföhr kurz die Situation: "Das ist jetzt ein Telefongespräch mit seiner Frau. Er will Schönwetter machen, sie ist abweisend." Damit kann sich Stephan Schwartz in die Situation hineinversetzen, sodass viele Sätze direkt beim ersten Versuch sitzen. Trotzdem müssen immer wieder Fragen geklärt werden: Werden Namen wie Frank oder David deutsch oder englisch ausgesprochen? Und wie ist es mit "Hospital"?
Besonders schwierig sind die extrem kurzen Sätze. Hier ist es noch wichtiger als sonst, dass der Kontext bekannt ist: Beep. "Warte." Ganteföhr will es "verzweifelter", mit etwas mehr "bitte" drin. Beep. "Warte." Jetzt passt es. Auch Zungenbrecher wie "posttraumatisches Stresssyndrom" sitzen nicht immer beim ersten Mal. Immer wieder werden auch Änderungen im Text gemacht: Findet jemand einen Rechtschreibfehler oder es fehlt ein Wort, was spätestens der Sprecher beim Sprechen merkt, korrigiert Martin Ganteföhr das in seiner Arbeitsversion der Texte. Größere Änderungen am Text gibt es zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr.

Stephan Schwartz lauscht der Beschreibung seines Overclocked-Charakters.

Im Gespräch: Stephan Schwartz

Im Gespräch mit Stephan Schwartz erfuhren wir, dass Aufnahmen wie die für Overclocked deutlich einfacher sind als Synchronarbeit für's Fernsehen. Dadurch, dass man alleine im Studio steht, entfällt das Zusammenspiel mit anderen Sprechern. Außerdem sorgt die Spielengine für die korrekten Lippenbewegungen, sodass man eine viel größere Freiheit im Sprechen hat. Für die Texte hat Schwartz viel Lob übrig: Es mache Spaß, so gute Texte wie die von Overclocked zu sprechen, da habe er auch schon ganz anderes erlebt. Auch mit der Regiearbeit von Martin Ganteföhr zeigte er sich sehr zufrieden: "Sehr konkret, sehr auf den Punkt."
Gerade in der Spielebranche habe in den 90ern noch viel an Professionalität gefehlt, sowohl was die Übersetzungen angeht, als auch bei der Arbeit im Studio selbst. Bei seinem ersten Spiel, "irgendwas mit Titanic", sei alles noch sehr viel unprofessioneller abgelaufen.
Insgesamt ist bei Stephan Schwartz der Anteil der Videospiele an seiner Arbeit sehr gering, in der Regel arbeitet er als Synchron- und Off-Sprecher für Film und Fernsehen. Gewaltverherrlichende Spiele möchte er grundsätzlich nicht unterstützen. Das heißt aber nicht, dass er nur Aufträge annimmt, hinter denen er inhaltlich voll stehen kann - schließlich habe auch er eine Familie zu ernähren. Nur Extreme versucht er auszugrenzen.

Nachspiel

Würden alle Aufnahmen konzentriert stattfinden, wäre Overclocked wohl in einer Woche im Kasten. Wegen der Abstimmung von Terminen - Stephan Schwartz hatte beispielsweise nur an zwei bestimmten Tagen Zeit - verteilt sich die Arbeit aber über zwei Wochen.
Laut Martin Ruiz Torreblanca machen die Aufnahmen selbst nur etwa ein Drittel der Arbeit aus. Der Rest besteht aus Schnitt und Mastering, das zum Teil schon parallel zu den Aufnahmen extern durchgeführt wird. Es reicht längst nicht aus, das Material einfach in die einzelnen Takes aufzuteilen. Vielmehr muss Ungewolltes wie Seufzer und Zäsuren herausgeschnitten werden. Auch ausgebildete Schauspieler können ungewollte Nebengeräusche nicht ganz vermeiden, und ein Schmatzer würde bei der Nachbearbeitung zu einem Klick-Geräusch werden, das gerade dann, wenn man das Spiel mit Kopfhörer spielt, unangenehm auffällt.
Auch zusätzliche Filter und Effekte werden gelegentlich bei der Nachbearbeitung eingebaut, zum Beispiel wenn jemand durch ein Telefon oder eine Gasmaske spricht und die Spielengine nicht selbst die Sprachausgabe verfremden kann. Telefonrauschen entfällt bei Overclocked allerdings, da das Spiel solche Szenen per Splitscreen darstellt, was das Verrauschen des Gesprächspartners überflüssig macht,
Am Ende werden die fertig gemasterten Dateien noch mal einer Schlusskontrolle unterzogen: So prüft ein automatisches Tool, ob es Anomalien in den Dateinamen gibt. Wenn alles in Ordnung ist und auch die Anzahl der Files stimmt, liefert Translocacell das Paket schließlich an den Kunden aus. Einer frühzeitigen Auslieferung von Teilen der Aufnahmen wird nur unter der Bedingung zugestimmt, dass man dem Kunden später nicht den fehlenden Rest, sondern noch mal das gesamte Paket schickt. Schließlich will man vermeiden, dass die eine Hälfte der Takes eine andere Lautstärke wie die andere Hälfte hat oder sonst irgendwie abweicht.

Die Arbeit im Studio.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Kostproben der Sprachaufnahmen gibt es bereits auf der Overclocked-Homepage zu hören. Wie die sich ins Spiel einfügen, erfahren wir mit der Veröffentlichung des Spiels, die aktuell für den 12. Oktober geplant ist. Bis dahin sind noch die letzten Arbeiten am Spiel zu erledigen: So hat House of Tales sieben eigene Tester in petto, die Overclocked auf Herz und Nieren testen, dazu kommt die Q&A-Abteilung von dtp. Durch seine spezielle Struktur ist der Titel schwer zu testen und das Scripting fehleranfällig - Martin Ganteföhr ist aber optimistisch, dass man davon bis zum Release nichts mehr merkt.
Der Designer will übrigens auf der Games Convention schon sein neues Projekt vorstellen. Was das sein wird? "Noch'n Spiel, wieder ein sehr anderes." Mehr war noch nicht aus Ganteföhr herauszubekommen. Schon bald dürfte sich das aber ändern...

Jan 'DasJan' Schneider
Fotos: Translocacell


 

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