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The Exchange Student: Episode 1 - First Day in Sweden
Austauschstudent in Schweden
Normalerweise darf man als Adventure-Spieler stets - wie der Name schon sagt - große Abenteuer erleben, gefährliche Situationen durchstehen, die Welt retten oder zumindest die große Liebe - auf jeden Fall Dinge, die der Durchschnittsbürger im normalen Leben so wohl nicht erleben würde. Groß in Mode sind dabei zurzeit vor allem Geschichten um das Thema kirchliche Verschwörungen, die sich nicht nur um den halben Globus verteilen, sondern vorzugsweise noch über zwei Millennien erstrecken. Wem das alles ein bisschen zu viel geworden ist und zur Abwechslung lieber mal wieder kleine Brötchen backen möchte (nach englischer Art - derzeit gibt es keine übersetzte deutsche Version), sollte einen Blick auf "The Exchange Student" (TES) von Pan Metron Ariston (unter Federführung von Dimitris Manos) riskieren, einem weiteren Vertreter des neuen Subgenres "Online-Episoden-Adventure".
Der Spieler begibt sich dabei in die Rolle von Emilio Carboni, ein italienischer Student und Möchtegern-Casanova aus Florenz, dem trotz seiner 22 Jahre noch kein Erfolg beim anderen Geschlecht vergönnt war. Da dies natürlich ein untragbarer Zustand ist, nimmt er gerne die Empfehlung seines Freundes Vicenco wahr, für ein Semester als Erasmus-Student nach Schweden zu fahren, um die dortigen lokalen Schönheiten zu beglücken. Die erste Episode "First Day in Sweden" behandelt dabei die Abreise aus Florenz, die Verabschiedung von Emilios Eltern und die Ankunft im Studentenwohnheim in Schweden, mit gekonnt inszeniertem Verweis auf die zweite Episode.
 
Kultiger Grafikstil. (Mehr Bilder in der Galerie)
Zurück zu den goldenen Jahren
Für die grafische Gestaltung von TES zeigt sich niemand geringeres als Will Eaken verantwortlich, der bereits bei LucasArts-Klassikern wie Indiana Jones and the Fate of Atlantis oder The Dig mitgewirkt hat. Die Comic-Grafik erinnert deshalb auch stark an die goldenen Adventure-Zeiten in den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. In Sachen Darstellung und Perspektive wirkt dabei sogar ein Spiel wie Day of the Tentacle im Vergleich zu TES wie eine Doktorarbeit über Geometrie. Proportionen und sonstige lästige Einschränkungen wurden allesamt über Bord geworfen, herausgekommen ist dabei ein charmant absurder und einfacher Comicstil, wo ein Autolenkrad schon mal den halben Bildschirm einnimmt. Etwas gewöhnungsbedürftig sind dabei die starken, absichtlich fehlplazierten Umrandungen sämtlicher Charaktere und Gegenstände.
Animationen sucht man in den Hintergründen leider vergeblich, lediglich die (wenigen) Charaktere bewegen sich ab und zu. Insgesamt ist die Grafik jedoch gelungen, anstatt krampfhaft zu versuchen ein Vollpreisspiel nachzuahmen hat man sich lieber darauf konzentriert, einen ganz eigenen Grafikstil zu entwickeln, der hervorragend zu den witzigen Abenteuern von Emillio passt.
"I'me gonna make you-eh an offer you can't-eh refuse-eh!"
Jegliches nationale Klischee wird bei TES erbarmungslos und frontal durch den Kakao gezogen, was eventuell nicht jedermanns Sache ist. So geht beispielsweise beim Gespräch mit spanischen Studenten die Hälfte der Zeit fürs Nachschlagen im Wörterbuch drauf, sämtliche italienische Sprecher kommen komplett ohne den Buchstaben "H" aus, und schwedische Vorstellungen von Regeln und Ordnung sind noch nicht bis nach Südeuropa durchgedrungen. Da ich selber gerade ein Jahr als Erasmus-Student im Ausland verbracht habe, waren mir diese "Besonderheiten" nicht fremd, aber sie in so einer satirisch überzeichneten Art und Weise zu erleben war schon sehr unterhaltsam. Manchmal geht es aber sehr knapp an die Grenze des guten Geschmacks, freut sich Emilio doch darüber, in Schweden nun endlich nicht mehr jeden Tag duschen zu müssen...
So 'ot!
Dank der hervorragenden Sprecher braucht sich TES in diesem Bereich nicht vor Vollpreisspielen zu verstecken, vor allem die übertriebene Betonung von nationalen Akzenten macht es zu einem Genuss, Emilio jeden Gegenstand betrachten und kommentieren zu lassen. Leider gibt es kein Multiple-Chocie-Verfahren bei den Dialogen, die selbständig ablaufen. Die gelegentliche Hintergrundmusik hält sich vom Umfang her in Grenzen und plätschert meistens vor sich hin, ohne jemals aufdringlich oder nervend zu sein. In Erinnerung wird sie aber wohl auch nicht bleiben.
Wie die Piraten
In Sachen Steuerung haben sich die Entwickler an The Curse of Monkey Island orientiert, bei gedrückter Maustaste über einem Gegenstand oder einer Person kann also die gewünschte Aktion ausgewählt werden. Das Inventar befindet sich am oberen Bildschirmrand und wird nur bei Bedarf eingeblendet. Leider sind die einzelnen Hotspots nicht mit Texten belegt, was es mitunter schwierig macht, einzelne davon auseinander zu halten, wenn sie nahe beieinander liegen.
Wie lege ich mich richtig schlafen?
Die Rätsel sind spärlich gestreut und unterfordern wohl auch Genre-Einsteiger. Meistens gilt es ganz alltägliche Dinge zu tun, sei es sich die Zähne zu putzen, die Schuhe anzuziehen oder das Licht auszuschalten. Die beigefügte Hilfe-Funktion trägt ihr übriges dazu bei, Nachdenkphasen erst gar nicht aufkommen zu lassen. So hat man viel zu schnell bereits das Ende der ersten Episode erreicht - erfahrene Spieler wohl schon nach nicht einmal einer Stunde, im Gegensatz zur Behauptung auf der offiziellen Webseite, die Spieldauer beliefe sich auf 2-4 Stunden. Für die geplanten drei weiteren Episoden wird eine leicht erweiterte Spielzeit von 3-5 Stunden anvisiert, die Entwickler reagieren also lobenswerterweise sehr schnell auf Kritikpunkte der Spieler (ein unbestreitbarer Vorteil des Episoden-Formats).
Preis-Leistungs-Verhältnis:
TES wird - wie bereits Bone oder Sam & Max - als Episoden-Adventure über das Internet vertrieben, andere Verkaufsformen oder Lokalisierungen sind momentan nicht geplant, werden aber für die Zukunft nicht ausgeschlossen. Der Preis pro Episode ist dabei auf 10 Euro festgelegt, und zur Abwechslung wurden auch mal nicht die Besitzer von Macintosh-Computern vergessen, was doch erwähnt werden sollte. Das Preis-Leistungsverhältnis lässt aber leider zu wünschen übrig. Die Spieldauer hätte mindestens doppelt so lang sein müssen, um den Preis zu rechtfertigen. Vor allem im Vergleich zu Sam & Max - Culture Shock von Telltale Games kommt TES schlecht weg, 10 Euro für eine Spielzeit von 1-2 Stunden sind zu hoch gegriffen, auch wenn das Spiel nur den Anspruch eines "Spiels für Zwischendurch" erhebt.
Fazit
Viel zu kurz! The Exchange Student hat ein interessantes, weil unverbrauchtes Thema und kann durch einen eigenen, liebevollen Grafikstil, glaubwürdige Sprecher und viel länderspezifischem Humor aufwarten. Leider sind die Rätsel viel zu einfach (und leider auch nicht sonderlich unterhaltsam) und damit die Spieldauer eindeutig zu kurz. Freunde von abgedrehten Comic-Adventures im Stile von Day of the Tentacle, die keine chronische Abneigungen gegen das Episodenformat haben, sollten aber trotzdem einen Blick auf die Demo riskieren, angehende Erasmus-Studenten zwecks Orientierung ebenso. Das Spiel sowie die Demo können auf der offiziellen Homepage bezogen werden.
Episode 1: First Day in Sweden
Preis/Leistung: 6/10
Michael 'Feuer' Feuerstein
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