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Global Conflict: Palestine

Über den Tellerrand



Kriegerische Auseinandersetzungen waren im Bereich der Computerspiele bisher meist den Genres Ego-Shooter oder Echtzeitstrategiespiel vorbehalten, und fast ausschließlich lag dabei der Fokus auf der Gewaltanwendung. Der Spieler schlüpft entweder in die Rolle eines einfachen Soldaten (Ego-Shooter) oder schickt als General ganze Armeen (Echtzeitstrategiespiele) gegen den Gegner in Stellung. Dass es auch anders geht will die dänische Spieleschmiede Serious Games Interactive zeigen, die sich mit Global Conflict: Palestine (GC:P) den israelisch-arabischen Konflikt im Nahen Osten vornimmt, dabei aber Akzente erzieherischer Natur setzen möchte. Das Ergebnis lässt sich zwar erst im Frühjahr 2007 als fertiges Spiel bestaunen, aber die bisher bekannten Informationen klingen nicht nur vielversprechend, sie rechtfertigen auch einen Blick über den Tellerrand.

Als Kriegsberichterstatter im Nahen Osten

Der Spieler übernimmt in GC:P die Rolle eines freiberuflichen ausländischen Reporters in Israel, dessen Aufgabe es ist, mit seinen Artikeln und Berichten ein möglichst ausgeglichenes Bild der Situation vor Ort zu zeichnen. Hierfür kann er mit beiden Seiten interagieren, um Informationen zu sammeln und Neuigkeiten zu erfahren. Im Laufe des Spiels soll sich so die ganze Komplexität des Konflikts eröffnen und dem Spieler einen besseren Einblick in die schwierige Situation der Menschen vor Ort vermitteln.
Die Aufgaben des Reporters sind dabei in sechs Missionen aufgegliedert, und zu Beginn einer jeden muss er sich entscheiden, ob er einen pro-israelischen, pro-palästinensischen oder einen ausgewogenen Artikel schreiben will, was Auswirkungen auf den Verlauf der Mission haben wird. Interessant hört sich dabei vor allem das Dialogsystem an: Um einen Artikel schreiben zu können, muss der Spieler Zitate von seinen Gesprächspartnern (die von jüdischen Siedlern bis hin zu Hamas-Aktivisten reichen) verwenden. Während einer Unterhaltung landet die gewünschte Aussage per Knopfdruck im Notizbuch. Dieses nimmt aber nur fünf solcher Zitate gleichzeitig auf, der Spieler muss sich also entscheiden, welche Stellungnahmen ihm am wichtigsten erscheinen. Obendrein darf er nicht vergessen, dass das Zitat auch zur Ausrichtung seiner zu Beginn der Mission festgelegten Art der Berichterstattung passt. Zwar soll es keine Puzzles im herkömmlichen Sinn geben, die grauen Zellen dürften bei der Zusammenstellung des richtigen Berichts aber genügend angesprochen werden.

Rollenspiel oder Adventure oder beides?

Das Spiel lässt sich also nur schwer in die herkömmlichen Genregattungen einordnen, Simon Egenfeldt-Nielsen von Serious Games Interactive bezeichnet es als eine Mischung aus Rollen- und Adventurespiel. Die Dialoglastigkeit des Spiels ist für Adventurespieler natürlich kein Neuland, der Aufbau der Spielwelt lässt aber eher auf ein Rollenspiel schließen, worauf auch die komplett in 3D-gestaltete Umgebung hinweist. GC:P soll sich sowohl an junge Erwachsene wie auch an Jugendliche über 13 wenden und will mit seinem erzieherischen Anspruch auch in die Klassenzimmer gelangen. Hierfür wird auch eine deutsche Lokalisierung angestrebt, Details sind aber noch keine bekannt.
Wenn die Entwickler ihre hochgesteckten Ziele halten können und es ihnen gelingt, den hochkomplexen Nahost-Konflikt einigermaßen objektiv (aber was ist schon objektiv?) darzustellen, steht Anfang 2007 ein interessantes, alternatives Computerspiel-Konzept bereit, bei dem auch eingesessene Adventure-Fans mal den einen oder anderen Blick über den Tellerrand riskieren sollten.

Michael 'Feuer' Feuerstein



Interview mit Simon Egenfeldt-Nielsen, Chefdesigner von Serious Games Interactive

Michael Feuerstein, Adventure-Treff: Worum geht es in Global Conflict: Palestine?
Simon Egenfeldt-Nielsen, Serious Games Interactive: Der Spieler schlüpft in die Rolle eines freiberuflichen Reporters, der gerade in Israel angekommen ist und über den Konflikt berichten muss. In jeder Mission musst du einen Artikel für deine Zeitung schreiben. Dein Informationen erhältst du über Gespräche mit den Beteiligten vor Ort, dabei musst du ein Vertrauensverhältnis mit deinen Informanten aufbauen. Zu Beginn einer Mission musst du noch wählen, was für einen Bericht du schreiben willst - einen pro-israelischen, pro-palästinensischen oder einen ausgewogenen? Diese Festlegung hat auch Auswirkungen auf deine Gesprächspartner und deren Informationen. Am Ende der Mission schreibst du deinen Artikel und wirst - vielleicht - ein berühmter Journalist.

MF: Wie und warum seid ihr auf die Idee gekommen, so ein Spiel zu machen?
SE-N: Wir wollten ursprünglich ein etwas anderes Spiel entwickeln, es stellte sich aber schnell heraus, dass viele von uns unbedingt ein Spiel über den israelisch-palästinensischen Konflikt machen wollten, und zwar ein interessantes und intellektuell anspruchsvolles, das vielleicht sogar einen Unterschied in der Welt machen könnte. Und was kann man mehr erwarten, wenn man ein Spiel entwickelt?

Woran arbeitet ihr momentan?
Zurzeit arbeiten wir an der vierten Mission des Spiels und wir hoffen, fünf der sechs Missionen bis Weihnachten zu vollenden. Danach geht es ans Testen und an die Feinjustierung.

Zu welchem Genre würde GC:P am ehesten passen?
Ich würde sagen am ehesten zwischen Adventure und Rollenspiel. Aber es soll auch für Leute interessant sein, die nicht unbedingt viel Erfahrung mit diesen beiden Genres oder Computerspielen im Allgemeinen haben. Es konzentriert sich mehr auf verzweigte Geschichten und weniger auf Puzzles.

Es wird also keine wirklichen Rätsel zu lösen geben?
Na ja, der Spieler muss passende Zitate und Aussagen während seinen Interviews und Gesprächen finden, um daraus seinen Bericht basteln zu können. Dabei wird es wohl nötig sein, viel zu probieren und unterschiedlich zu kombinieren, bis man zum gewünschten Ergebnis kommt.

Wie funktionieren die Dialoge im Detail?
Eigentlich ist es ein ganz einfacher, verzweigter Ablauf - mit ein paar Besonderheiten. Zum einen muss der Spieler mit seinen Fragen und Antworten Rücksicht auf sein Verhältnis mit seinen Gesprächspartner nehmen, um gewünschte Informationen und Zitate zu bekommen - auch und vor allem im Hinblick auf die späteren Missionen. Man sollte sich also genau überlegen, wie man mit einem israelischen Soldaten oder einem Mitglied der Hamas spricht, um an die gewünschten Informationen zu gelangen.
Eine letzte Besonderheit ist, dass du genau wissen musst, wenn dein Gesprächspartner etwas wirklich Wichtiges von sich gibt, das entscheidend für deinen Artikel ist. Wenn das geschieht, drückst du die "Zitattaste", und das eben gesagte wird in deinem Notizblock niedergeschrieben. Der Trick dabei ist, dass das Notizbuch nur fünf Zitate gleichzeitig aufnehmen kann - du musst also genau überlegen, welches Zitat du aufnehmen möchtest. Am Ende einer Mission kann der Spieler die Notizen in seiner Reportage verwenden. Die Wichtigkeit eines Zitates besteht dabei aus dessen Neuigkeitswert und Ausrichtung. Bezeichnet ein Gesprächpartner Israel als Besatzer und Aggressor, ist dies zum Beispiel ein Zitat mit pro-palästinensischer Ausrichtung. Deine Berichte werden schließlich auch Auswirkungen auf die Umwelt und deine Gesprächspartner in den folgenden Mission haben, es kann also schwieriger oder leichter werden, Dinge in Erfahrung zu bringen, je nachdem, ob dir deine Informanten noch trauen oder nicht.

Kann man "gewinnen" oder "verlieren"?
Man kann nicht wirklich verlieren, aber du kommst eventuell nicht mehr weiter, wenn du nur schlechte Artikel schreibst und niemand mehr mit dir reden will. Mit jedem guten Artikel, den du veröffentlichst, steigt deine Bekanntheit und Reputation als Journalist.

Für wen ist das Spiel in erster Linie?
Grundsätzlich haben wir zwei Zielgruppen. Die erste betrifft den Bildungssektor, wobei wir uns auf die Altersgruppe ab 13 konzentrieren. Hierfür wollen wir ein ausführliches Paket anbieten, das auch in die wichtigsten Sprachen übersetzt werden soll (auch ins Deutsche). Daneben wollen wir das Spiel aber auch auf dem privaten Spielemarkt anbieten, für Leute die sich mit alternativen Spielen und Medien beschäftigen.

Die Grafiken sehen aus als kämen sie aus einem Ego-Shooter - Zufall? Welche Engine benutzt ihr?
Nun, wir wollen natürlich interessant sein für Jugendliche, da hat die Grafik natürlich eine hohe Priorität. Das ist heute auch einfach eine Voraussetzung für viele Vertriebe, die wir momentan noch versuchen von den Vorzügen dieser Herangehensweise an Computerspiele als Erziehungsmittel zu überzeugen. Wir benutzen eine sehr aktuelle 3D-Spiele-Engine namens UNITY, die von unserem Mitbesitzern OverTheEdge entwickelt wurde.

Hast du die Nase voll von Gewalt in Computerspielen?
Nicht wirklich - für mich sind solche Spiele einfach zu abgedroschen und alltäglich. Ego-Shooter und Actionspiele haben mich einfach nie sonderlich interessiert - im Team spielen wir hauptsächlich Strategiespiele, bei denen es mitunter ja auch sehr gewalttätig zugehen kann. Es ging uns, glaube ich, mehr um die Neugier, ob wir eine andere Form der Interaktion schaffen können um Inhalte zu vermitteln.

Wie waren die Reaktionen auf das Spiel bisher?
Sehr positiv. Die Leute sind von unserem Konzept begeistert. Manche denken sogar, dieses Spiel könne die Bildung an sich revolutionieren. Ich bin da etwas vorsichtiger, Spiele sollten in Verbindung mit bereits existierenden Techniken verwendet werden. Allgemein kann man sagen, dass Erzieher besonders angetan sind, der private Sektor hingegen ist immer noch etwas unsicher. Wir versuchen ja auch Leute anzusprechen, die sich nicht unbedingt als Spieler bezeichnen würden. Wir haben zwar ein paar Angebote aus der Industrie erhalten, aber die waren uns noch nicht ambitioniert genug. Wir suchen also noch nach Partnern.

Sind auch schon Regierungen auf euch zugekommen?
Nicht wirklich, aber wir haben zu Beginn eine Unterstützung von der dänischen Regierung erhalten, für die wir sehr dankbar sind - ohne diesem Zuschuss wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen.

Ist es überhaupt möglich, "neutral" oder "objektiv" zu sein in einem Konflikt wie der im Nahen Osten? Von wo bezieht ihr eure Hintergrundinformationen?
Wir haben uns viel Mühe gegeben, den Konflikt umfassend und möglichst objektiv zu präsentieren. Dafür arbeiteten wir zeitweise mit bis zu zehn Experten zusammen. Wir bekommen unsere Informationen aber aus einer Reihe von Quellen: Neben den Experten verlassen wir uns vor allem auf Zeitungen, Dokumentationen, Menschen und Organisationen vor Ort, Interviews, Bücher und natürlich auch primäre Quellen.

Gibt es momentan einen "globalen Konflikt"? Der Titel eures Spiels lässt darauf schließen?
Nun ja, der Titel bezieht sich auf den Umstand, dass es viele Konflikte gibt auf der Welt und dass es ein Fehler wäre, diesen nur lokale Bedeutung zuzuschreiben. Der Israelisch-Palästinensische Konflikt hat weit reichende Konsequenzen für die Weltordnung. Ein anderes Beispiel dafür wären die Balkan-Kriege. Die Namensgebung bezieht sich auch darauf, dass jeder Konflikt Themen oder Ursachen haben kann, die von Bedeutung für die ganze Welt sind - Menschenrechte, Grenzstreitigkeiten etc.

Wird es Fortsetzungen geben?
Das hoffen wir definitiv, aber es hängt natürlich davon ab, ob es sich wirtschaftlich lohnt. Wir haben uns aber noch nicht entschieden, welche anderen Konflikte wir bearbeiten wollen.

Wir danken für das Gespräch!


 

 
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