Spiel mir das Lied vom Tod
oder: Wie vernichte ich ein Spiel in 2313 Tagen
Die goldenen Tage
Anno 1995 - Eine auf Adventures spezialisierte Spieleschmiede namens LucasArts, die sich auch heute noch
durch den Vertrieb von Videospielen mit Star Wars-Lizenz über Wasser hält, veröffentlicht ihr neuestes
Werk
"Full Throttle" (zu deutsch "Vollgas"). Schnell avanciert der ausgesprochen gute und vor Witz
sprühende spielbare Roadmovie zum Kultspiel nicht nur unter Bikern. Der raue und gleichsam sympathische
Hauptdarsteller Ben pöbelt sich in die Herzen einer beachtlichen Fangemeinde und gute Wertungen in den
Fachmagazinen bescheren dem Titel die Öffentlichkeit, die ein wahrer Klassiker verdient.
So ein Spiel verlangt einen Nachfolger, keine Frage. Leider gingen LucasArts sowohl Ideen als auch
brauchbare Spieledesigner aus, welche für ein gutes Adventures unbedingt nötig sind. Dennoch gab es
während der letztjährigen E3 die Sensation: Nach 7 langen Jahren und langsam aufkommenden Gerüchten
kündigte LucasArts an, dass ein Nachfolger in Arbeit ist. Sprachlosigkeit. Freude. Ben kommt wieder!
Dann Stille. Praktisch keine Informationen wurden preisgegeben. Ein Jahr lang. Bis jetzt.
Du sollst nicht töten
Am 23. April ging endlich die lang ersehnte offizielle Homepage zum Spiel online - mit neuer
Pressemitteilung, ersten Screenshots, Konzeptzeichnungen und mehr. Bald 8 Jahre wartete die nie
ausgestorbene Fangemeinde tapfer auf diesen Moment, ein Ruck ging durch die Adventurewelt. Doch
entwickelt sich nicht alles wie geplant. Entsetzte Gesichter, der Ekel so groß, dass er kaum in
Worte gefasst werden kann. Wütende LucasArts-Anhänger katapultieren ihre Monitore aus den Fenstern
dieser Welt und wälzen sich dem Nervenzusammenbruch nahe hyperventilierend auf dem Boden.
Man mag sich fragen: Wieso diese angewiderten Reaktionen? Weshalb finden die Freunde des Spiels die
ersten Bilder so schlecht? Warum macht sich unter den Fans keine überschwängliche Freude breit, dass
endlich die Reihe fortgesetzt wird und Ben in unsere Wohnzimmer zurückkehrt? Die Antwort ist einfach,
aber hart: Weil sie Recht haben! Da wäre zunächst einmal die Pressemitteilung, die Stephen King nicht
hätte gruseliger formulieren können. Hier ein paar Übersetzungen:
"This all-new adventure-action careens through a unique 3D landscape of
seedy bars, greasy truck stops and desert highways on a quest for cold beer, cheap motorcycle parts
and the honest truth."
Oh! Ein neues Wort! Wir haben es jetzt mit "Adventure-Action" zu tun, also einem Action-Spiel mit
(möglicherweise) subtilen Adventure-Elementen. Außerdem wird man in endlos weitläufigen Polygonwüsten
von Bar zu Bar und von Tankstelle zu Tankstelle rennen und seine Dollars gegen einen "Vergaser der
Unsichtbarkeit" oder die "Stoßstange Rüstungsklasse 4" eintauschen. Und wehe dem, der im Angesicht des
Endgegners Flammenwerfer-Jack nicht die "Feuerresitenz-Frontscheibe" eingebaut hat! Freude!
"Full Throttle: Hell On Wheels will release this winter for Sony PlayStation®2
computer entertainment system, the Xbox™ video game system from Microsoft and PC.
Es ist in dem Satz nicht leicht zu entdecken, aber netterweise portiert LucasArts das Spiel auch für den PC.
Danke, LucasArts!
"In Full Throttle: Hell On Wheels, players climb on a Corley motorcycle to
become the biker they've always dreamed of in this humorous adventure that blends bare-knuckle brawling
and hard-driving action. As Ben, leader of a renegade motorcycle gang called the Polecats, players
engage rough and tumble rivals in brutal high speed motorcycle combat as well as tough bar room
brawls."
Na also! Ein Adventure! Das ist doch das, was wir immer wollten. Hier noch mal die Schlüsselworte des
Absatzes in deutsch: Schlägereien. Harte Action. Grob. Rivale. Brutal. Kampf. Hart. Schlägereien.
"…melee style combat…"
Hat nichts mit Monkey Island zu tun, "melee" heißt Nahkampf.
"Ben fights his foes with more than 40 different strategically placed weapons"
Über 40 verschiedene Waffen! Das sind mehr als in Doom und Duke Nukem 3D zusammen! Das sind Features!
"The game offers more than 35 different levels…"
Gegen Ende fährt LucasArts noch mal alle Geschütze auf und man weiß nicht so recht, ob man an einen
verspäteten Aprilscherz glauben oder sich aus dem nächstbesten 10. Stockwerk stürzen soll. Satte 35 Level
soll also das kommende Adventure haben. Seit Jahren geht man immer mehr dazu über, Ego-Shooter nicht mehr
in Level einzuteilen, sondern auf eine zusammenhängende Story zu bauen. Adventures haben dies offenbar
nicht mehr nötig und lassen sich jetzt in kleine Häppchen zerlegen.
Rocky Horror Picture Show
Doch damit ist die Odyssee noch nicht beendet, sie fängt gerade erst an. Um dem bereits am Boden liegenden
und sich vor Schmerzen windenden Adventurefan noch ein paar Tritte zu verpassen penetrieren sie ihn auf
der Homepage mit vier Screenshots aus der aktuellen Version des Spiels. Dass keine Bemerkung wie
"Betrachten auf eigene Gefahr" darauf prangt ist eine Unverschämtheit und grenzt an Körperverletzung.
Nummer 1: "Autobahnraser X"
Spielheld Ben sitzt auf einem aufgemotzten Motorrad, das mehr an Star Wars als an ein Motorrad erinnert,
und fährt über etwas, das die Designer wohl ursprünglich als Autobahn geplant hatten. Letztere wird im
Screenshot symbolisch durch einen qualvoll langen Texturbrei dargestellt, auf dem aus völlig diffusen
Gründen Objekte zu stehen scheinen, die der geübte Bilderrätsler als Hindernisse ausmacht. Nicht nur
daran, sondern auch an dem Straßenschild am Rand der Straße erkennt man, dass luxuriöse Gizmos wie
Kantenglättung seit "Flucht von Monkey Island" wohl nur den üblichen Jedi-Abklätschen und nicht den
"Adventures" vorbehalten sind: Bei solchen Treppeneffekten erblasst der Kölner Dom vor Neid!
Geht man nach diesem Bild, braucht man immerhin kein Action-Spiel zu befürchten. Stattdessen wartet ein
viertklassiger Sat.1-Superball-Klon in 3D auf uns, den man in Sharewarehits wie "Skyroads" schon deutlich
hübscher gesehen hat. Man hört förmlich den reaktionsschwachen ostdeutschen Anrufer, wie er Ben zuruft:
"Links... rechts... links..."
Nummer 2: "Polecats vs. Polecats"
Was haben wir ihn nicht geliebt, den kultigen Kickstand, Bikerkneipe wie sie charismatischer nicht sein
kann. Doch davon müssen wir uns wohl nun verabschieden: In Zeiten modernster Hochtechnologie ist die lieb
gewonnene Bar nichts weiter als ein großer Haufen Polygon-Erbrochenes, das offensichtlich zu grob war,
um im sandigen Wüstenboden zu versickern. Als Kneipe ist das Pixel-Gemetzel nur an dem Brett auf dem
Dach zu erkennen, das den Schriftzug "Kickstand" so unscharf präsentiert, dass man zu seiner Brille
greifen will (auch wenn man gar keine hat).
Im Vordergrund lässt sich beobachten, wie Ben einem Kumpel von den Polecats, der besser als Elvis-Imitator
im nächsten Nachtclub angeheuert hätte, kräftig eins über die Mütze gibt. Warum er das tut, bleibt sein
Geheimnis. Auf dem Boden deuten Kreise die Zugehörigkeit der Streithähne an, wie wir das aus klassischen
Adventures wie
Baldur's Gate oder
Command & Conquer kennen. Auch wird die Lebensenergie
genretypisch mit angezeigt, ein Spielelement, was sich durch die Geschichte der Adventures zieht wie
Karnevalsumzüge durch die Straßen von Leipzig.
Nummer 3: "Flasche leer"
Der dritte Screenshot entführt uns in das Innere des Kickstand. Im Vordergrund erstrahlt wieder der
majestätische Rücken von Ben, an den wir uns mittlerweile gewöhnt haben, und dahinter schweift unser
Blick durch eine Bar voller... Flaschen. Kleine Flaschen, große Flaschen und... sonst nichts. Nur zwei
verschiedene Flaschentypen. Und ein Barmann. Dies ist der Punkt, an dem man mit dem Gedanken spielt,
seinen PC endgültig zu verkaufen und mal öfters ins Kino zu gehen (bis man sich daran erinnert, dass
gerade Halflife 2 angekündigt wurde und den Plan wieder zurückstellt).
Nummer 4: "Blue Velvet"
Der letzte veröffentlichte Screenshot zeigt ein blaues Motorrad und eine Bushaltestelle, die zur
Motorradwerkstatt umfunktioniert wurde. Wahrscheinlich darf man hier zwischen den Rennen mit dem Geld,
was man eingesammelt oder durch das Töten von Kontrahenten verdient hat, sein futuristisches Motorrad
mit neuen Gimmicks, einem stärkeren Motor oder dickeren Auspuffrohren aufrüsten. Wenn die Umgebung
auch nicht so detailliert wie die Bar in den alten
Wing Commander Spielen und farblich
langweiliger als die Live-Übertragung der ersten Mondlandung ist, so bleibt doch die Freude darüber,
dass LucasArts die Grenzen des Genres neu definiert. Leider weiß keiner so genau, die Grenzen welches
Genres hier neu definiert werden, mit Adventures hat das jedenfalls nichts zu tun.
Spiel mir das Lied vom Tod
Alles in Allem fragt man sich, wieso LucasArts nicht die Konzeptzeichnungen nimmt und daraus ein
anständiges Adventure macht, anstatt das atmosphärische Setting durch einen solchen dreidimensionalen
Nuklearschlag zu vernichten. Na ja, vielleicht kommt das ja bei Konsolenspielern besser an, das wär
die Hauptsache.
Jan 'DasJan' Schneider