Der Fall John Yesterday
Adventure-Treff






Adventure-Treff
Der Fall John Yesterday
eature
Full Throttle 2
Pro

Ben is back!

oder: Das aufgemotzte Motorrad, die Pole Cats und der Kickstand

Die goldenen Tage

Anno 1995: Vollgas erblickt das Licht der Welt. Das neueste Adventure von LucasArts, und, seien wir ehrlich: Sagt das nicht schon alles? Genau so war es dann auch: Die erstklassige Geschichte in einer post-modernen, sehr atmosphärischen Biker-Welt um den sympathischen aber draufgängerischen und um einen gusten Faustschlag nie verlegenen Ben wusste auf allen Belangen zu überzeugen, sie war höchstens zu schnell erzählt.
Anstatt sofort einen Nachfolger folgen zu lassen, widmete sich LucasArts in den darauffolgenden Jahren anderen Top-Adventurespielen wie Grim Fandango oder Monkey Island 3 und 4.
Im Jahre 2002 dann die große Überraschung: Auf der E3 kündigt sich Ben für eine Fortsetzung an! Die ersten bewegten Bilder zeigen gerenderte 3D Comic-Grafik, aber wer nicht selbst auf der Expo war, konnte nur sehr verschwommene Bilder erkennen. Dann war erst mal ein Jahr lang komplette Funkstille. Keine neuen Details, schon gar keine Screenshots. Bis jetzt.

Das Comeback

Am 23. April startete die offizielle Homeapge für Vollgas 2, das im Englischen den vielsagenden Titel "Hell on Wheels" trägt. Und kaum haben die ersten Informationen und Screenshots das Licht dieser Internet-Welt erblickt, brechen auch schon Klagechöre und Verwünschungen über sie herein. Von Skandal und Verrat ist die Rede, von enttäuschten Hoffnungen und zerstörtem Adventure-Genre. Warum löste die Bekanntmachung der ersten Informationen solch einen Sturm der Entrüstung aus und vor allem: ist dieser gerechtfertigt? Ein klarer Blick auf die Fakten hilft dabei vielleicht:
 
Wenn wir als Vergleich und Ausgangslage das originale Vollgas nehmen, sollten wir uns einige Aspekte in Erinnerungen rufen:
Erstens: Ben ist Anführer einer Motorrad-Gang (die Pole-Cats) in einer nahen, sehr unfreundlichen Zukunft. Sein erstes Abenteuer hätte er nicht bestanden, hätte er nicht einige seiner Widersacher vom hohen Ross (dem Motorrad) geschubst, sie mit diversen Hilfsmitteln auf den harten Boden der Freeway-Tatsachen zurückgeholt, hätte er nicht sein Motorrad aufgemotzt und repariert - und hätte er nicht dem Barmann im Kickstand freundlich die Theke mit dessen Nase gereinigt. Ben ist nicht Guybrush oder Bernard, Ben ist ein Biker, sympathisch, aber dennoch ein Biker.
Zweitens: Vollgas war das erste Adventure, das Action-Einlagen in die Story einwob, um das sonstige Vorgehen in Adventurespiele (rätseln, kombinieren, laufen, suchen, sprechen, klicken) etwas aufzulockern. Mit viel Erfolg, wie ich sagen würde. Das Crash Car Derby oder die Duelle auf offener Straße waren abwechslungsreich und unterhaltsam.
Drittens: Die meisten scheinen es vergessen zu haben, aber: In Vollgas konnte man sterben! Sogar recht oft, wenn ich mich daran erinnere, wie lange ich für die letzten paar Rätsel gegen Ripburger gebraucht habe. Doch rettend erklärte Bens rauhe Stimme: "Lass es mich noch mal versuchen". Und man konnte wieder versuchen, die Sache zu seinen Gunsten zu entscheiden. Und hier soll ein kleiner Querverweis auf einen Arbeitskollegen von Ben nicht fehlen, nämlich Indiana Jones, gewissermassen der Urvater von Abenteuer. In Indiana Jones 3 und 4 kann man ebenfalls ableben, und das nicht zu knapp!

Fakten, Fakten, Fakten

Kommen wir nun also zu ein paar Fakten, die sich auf der offiziellen Homepage finden lassen:
 
"The game offers more than 35 different levels..."
Was - zugegeben - auf den ersten Blick wie ein schlecht gelungener Aprilscherz anmuten mag, muss nicht unbedingt viel heißen. Es ist klar, dass die erste Assozation mit "Level" Super Mario Brothers oder Doom ist. Aber was heißt das schon? The Longest Journey war ebenfalls unterteilt. Nicht in Levels, sondern in Kapitel. Auch hier heißt es wohl erst abwarten.
 
"Ben fights his foes with more than 40 different strategically placed weapons."
Wie bereits erwähnt, wurde auch im ersten Teil heftig geprügelt - schließlich gibt es nur ein Gesetz in Vollgas - das der Straße! Das in sieben Jahren die Technik so fortgeschritten ist, dass auch die Kämpfe anders dargestellt und ausgeweitet werden können, ist klar. Die wichtige Frage hier ist, wie das Kampfsystem in das Spiel integriert worden ist. Eher im klassischen Adventure-Stil ("Nimm Flasche", Benütze Flasche mit Tisch", "Benutze Flasche mit Gegner") - was zu hoffen ist - oder doch eher wie in einem Actionspiel.
 
"Interact with over 50 characters in an engaging story with humorous dialogue and plenty of action."
Na also, das hört sich doch schon viel Besser an! Über 50 Charaktere und die LucasArts-typischen Dialoge, da kann eigentlich nichts schief gehen! Wir sollten an dieser Stelle nicht vergessen, wer für das neue Vollgas verantwortlich ist: Sean Clark, seines Zeichens Entwickler und spieledesigner von "Sam and Max - Hit the Road".

Ben is Back!

Kommen wir zum letzten, zu den Screenshots.
Ich muss sagen, hier gehen mir langsam die Argumente aus, mein ganzes Magazin praktisch schon für die vorhergehenden Punkte verschossen... beim ersten Anblick dieser Bilder lief es auch mir kalt den Rücken runter. ABER: Es handelt sich hierbei wohl um die PS2-Version, wobei zu hoffen ist, dass die PC Version noch mal besser aussehen wird - das Release im Winter 2003 lässt zwar nur mehr wenig Zeit. Auch hier ist wieder ein Vergleich sehr hilfreich. Ich erinnere mich an die ersten Bilder, die von Monkey Island 4 gezeigt wurden, die von PC Games (ok ok, nicht gerade bekannt als Adventure-Kenner und -Fans) schlicht mit einem "nicht sehr vielversprechend" abgespeist wurden... und das Spiel konnte sich bei der Veröffentlichung dann doch sehen lassen. Also auch hier ist Hoffnung angesagt. Ich würde sagen, man sollte einmal die E3 jetzt im Mai abwarten, danach kann man sich sicher ein besseres Bild machen. Bis dahin: So schlimm, wie viele denken, muss Vollgas 2 nicht werden, vielleicht tritt sogar das Gegenteil ein...

Michael 'Feuer' Feuerstein

Pro

Spiel mir das Lied vom Tod

oder: Wie vernichte ich ein Spiel in 2313 Tagen

Die goldenen Tage

Anno 1995 - Eine auf Adventures spezialisierte Spieleschmiede namens LucasArts, die sich auch heute noch durch den Vertrieb von Videospielen mit Star Wars-Lizenz über Wasser hält, veröffentlicht ihr neuestes Werk "Full Throttle" (zu deutsch "Vollgas"). Schnell avanciert der ausgesprochen gute und vor Witz sprühende spielbare Roadmovie zum Kultspiel nicht nur unter Bikern. Der raue und gleichsam sympathische Hauptdarsteller Ben pöbelt sich in die Herzen einer beachtlichen Fangemeinde und gute Wertungen in den Fachmagazinen bescheren dem Titel die Öffentlichkeit, die ein wahrer Klassiker verdient.
So ein Spiel verlangt einen Nachfolger, keine Frage. Leider gingen LucasArts sowohl Ideen als auch brauchbare Spieledesigner aus, welche für ein gutes Adventures unbedingt nötig sind. Dennoch gab es während der letztjährigen E3 die Sensation: Nach 7 langen Jahren und langsam aufkommenden Gerüchten kündigte LucasArts an, dass ein Nachfolger in Arbeit ist. Sprachlosigkeit. Freude. Ben kommt wieder!
Dann Stille. Praktisch keine Informationen wurden preisgegeben. Ein Jahr lang. Bis jetzt.

Du sollst nicht töten

Am 23. April ging endlich die lang ersehnte offizielle Homepage zum Spiel online - mit neuer Pressemitteilung, ersten Screenshots, Konzeptzeichnungen und mehr. Bald 8 Jahre wartete die nie ausgestorbene Fangemeinde tapfer auf diesen Moment, ein Ruck ging durch die Adventurewelt. Doch entwickelt sich nicht alles wie geplant. Entsetzte Gesichter, der Ekel so groß, dass er kaum in Worte gefasst werden kann. Wütende LucasArts-Anhänger katapultieren ihre Monitore aus den Fenstern dieser Welt und wälzen sich dem Nervenzusammenbruch nahe hyperventilierend auf dem Boden.
Man mag sich fragen: Wieso diese angewiderten Reaktionen? Weshalb finden die Freunde des Spiels die ersten Bilder so schlecht? Warum macht sich unter den Fans keine überschwängliche Freude breit, dass endlich die Reihe fortgesetzt wird und Ben in unsere Wohnzimmer zurückkehrt? Die Antwort ist einfach, aber hart: Weil sie Recht haben! Da wäre zunächst einmal die Pressemitteilung, die Stephen King nicht hätte gruseliger formulieren können. Hier ein paar Übersetzungen:
 
"This all-new adventure-action careens through a unique 3D landscape of seedy bars, greasy truck stops and desert highways on a quest for cold beer, cheap motorcycle parts and the honest truth."
Oh! Ein neues Wort! Wir haben es jetzt mit "Adventure-Action" zu tun, also einem Action-Spiel mit (möglicherweise) subtilen Adventure-Elementen. Außerdem wird man in endlos weitläufigen Polygonwüsten von Bar zu Bar und von Tankstelle zu Tankstelle rennen und seine Dollars gegen einen "Vergaser der Unsichtbarkeit" oder die "Stoßstange Rüstungsklasse 4" eintauschen. Und wehe dem, der im Angesicht des Endgegners Flammenwerfer-Jack nicht die "Feuerresitenz-Frontscheibe" eingebaut hat! Freude!
 
"Full Throttle: Hell On Wheels will release this winter for Sony PlayStation®2 computer entertainment system, the Xbox™ video game system from Microsoft and PC.
Es ist in dem Satz nicht leicht zu entdecken, aber netterweise portiert LucasArts das Spiel auch für den PC. Danke, LucasArts!
 
"In Full Throttle: Hell On Wheels, players climb on a Corley motorcycle to become the biker they've always dreamed of in this humorous adventure that blends bare-knuckle brawling and hard-driving action. As Ben, leader of a renegade motorcycle gang called the Polecats, players engage rough and tumble rivals in brutal high speed motorcycle combat as well as tough bar room brawls."
Na also! Ein Adventure! Das ist doch das, was wir immer wollten. Hier noch mal die Schlüsselworte des Absatzes in deutsch: Schlägereien. Harte Action. Grob. Rivale. Brutal. Kampf. Hart. Schlägereien.
 
"…melee style combat…"
Hat nichts mit Monkey Island zu tun, "melee" heißt Nahkampf.
 
"Ben fights his foes with more than 40 different strategically placed weapons"
Über 40 verschiedene Waffen! Das sind mehr als in Doom und Duke Nukem 3D zusammen! Das sind Features!
 
"The game offers more than 35 different levels…"
Gegen Ende fährt LucasArts noch mal alle Geschütze auf und man weiß nicht so recht, ob man an einen verspäteten Aprilscherz glauben oder sich aus dem nächstbesten 10. Stockwerk stürzen soll. Satte 35 Level soll also das kommende Adventure haben. Seit Jahren geht man immer mehr dazu über, Ego-Shooter nicht mehr in Level einzuteilen, sondern auf eine zusammenhängende Story zu bauen. Adventures haben dies offenbar nicht mehr nötig und lassen sich jetzt in kleine Häppchen zerlegen.

Rocky Horror Picture Show

Doch damit ist die Odyssee noch nicht beendet, sie fängt gerade erst an. Um dem bereits am Boden liegenden und sich vor Schmerzen windenden Adventurefan noch ein paar Tritte zu verpassen penetrieren sie ihn auf der Homepage mit vier Screenshots aus der aktuellen Version des Spiels. Dass keine Bemerkung wie "Betrachten auf eigene Gefahr" darauf prangt ist eine Unverschämtheit und grenzt an Körperverletzung.
 
Nummer 1: "Autobahnraser X"
Spielheld Ben sitzt auf einem aufgemotzten Motorrad, das mehr an Star Wars als an ein Motorrad erinnert, und fährt über etwas, das die Designer wohl ursprünglich als Autobahn geplant hatten. Letztere wird im Screenshot symbolisch durch einen qualvoll langen Texturbrei dargestellt, auf dem aus völlig diffusen Gründen Objekte zu stehen scheinen, die der geübte Bilderrätsler als Hindernisse ausmacht. Nicht nur daran, sondern auch an dem Straßenschild am Rand der Straße erkennt man, dass luxuriöse Gizmos wie Kantenglättung seit "Flucht von Monkey Island" wohl nur den üblichen Jedi-Abklätschen und nicht den "Adventures" vorbehalten sind: Bei solchen Treppeneffekten erblasst der Kölner Dom vor Neid!
Geht man nach diesem Bild, braucht man immerhin kein Action-Spiel zu befürchten. Stattdessen wartet ein viertklassiger Sat.1-Superball-Klon in 3D auf uns, den man in Sharewarehits wie "Skyroads" schon deutlich hübscher gesehen hat. Man hört förmlich den reaktionsschwachen ostdeutschen Anrufer, wie er Ben zuruft: "Links... rechts... links..."
 
Nummer 2: "Polecats vs. Polecats"
Was haben wir ihn nicht geliebt, den kultigen Kickstand, Bikerkneipe wie sie charismatischer nicht sein kann. Doch davon müssen wir uns wohl nun verabschieden: In Zeiten modernster Hochtechnologie ist die lieb gewonnene Bar nichts weiter als ein großer Haufen Polygon-Erbrochenes, das offensichtlich zu grob war, um im sandigen Wüstenboden zu versickern. Als Kneipe ist das Pixel-Gemetzel nur an dem Brett auf dem Dach zu erkennen, das den Schriftzug "Kickstand" so unscharf präsentiert, dass man zu seiner Brille greifen will (auch wenn man gar keine hat).
Im Vordergrund lässt sich beobachten, wie Ben einem Kumpel von den Polecats, der besser als Elvis-Imitator im nächsten Nachtclub angeheuert hätte, kräftig eins über die Mütze gibt. Warum er das tut, bleibt sein Geheimnis. Auf dem Boden deuten Kreise die Zugehörigkeit der Streithähne an, wie wir das aus klassischen Adventures wie Baldur's Gate oder Command & Conquer kennen. Auch wird die Lebensenergie genretypisch mit angezeigt, ein Spielelement, was sich durch die Geschichte der Adventures zieht wie Karnevalsumzüge durch die Straßen von Leipzig.
 
Nummer 3: "Flasche leer"
Der dritte Screenshot entführt uns in das Innere des Kickstand. Im Vordergrund erstrahlt wieder der majestätische Rücken von Ben, an den wir uns mittlerweile gewöhnt haben, und dahinter schweift unser Blick durch eine Bar voller... Flaschen. Kleine Flaschen, große Flaschen und... sonst nichts. Nur zwei verschiedene Flaschentypen. Und ein Barmann. Dies ist der Punkt, an dem man mit dem Gedanken spielt, seinen PC endgültig zu verkaufen und mal öfters ins Kino zu gehen (bis man sich daran erinnert, dass gerade Halflife 2 angekündigt wurde und den Plan wieder zurückstellt).
 
Nummer 4: "Blue Velvet"
Der letzte veröffentlichte Screenshot zeigt ein blaues Motorrad und eine Bushaltestelle, die zur Motorradwerkstatt umfunktioniert wurde. Wahrscheinlich darf man hier zwischen den Rennen mit dem Geld, was man eingesammelt oder durch das Töten von Kontrahenten verdient hat, sein futuristisches Motorrad mit neuen Gimmicks, einem stärkeren Motor oder dickeren Auspuffrohren aufrüsten. Wenn die Umgebung auch nicht so detailliert wie die Bar in den alten Wing Commander Spielen und farblich langweiliger als die Live-Übertragung der ersten Mondlandung ist, so bleibt doch die Freude darüber, dass LucasArts die Grenzen des Genres neu definiert. Leider weiß keiner so genau, die Grenzen welches Genres hier neu definiert werden, mit Adventures hat das jedenfalls nichts zu tun.

Spiel mir das Lied vom Tod

Alles in Allem fragt man sich, wieso LucasArts nicht die Konzeptzeichnungen nimmt und daraus ein anständiges Adventure macht, anstatt das atmosphärische Setting durch einen solchen dreidimensionalen Nuklearschlag zu vernichten. Na ja, vielleicht kommt das ja bei Konsolenspielern besser an, das wär die Hauptsache.

Jan 'DasJan' Schneider


 

  Der Fall John Yesterday
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