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Episode 1: Culture Shock



Welch schwere Geburt! Dreizehn Jahre nach Steve Purcells Vorzeigespiel Sam & Max erscheint endlich wieder spielbares Material mit dem gewaltliebenden Comicduo. Schon 2002 war ein Action-Adventure eingestellt worden, das bei Infinite Machine in Arbeit war, und an das Aus von LucasArts' Freelance Police zwei Jahre später dürften sich die meisten noch gut erinnern können. Inzwischen sind die Rechte an Erfinder Purcell zurückgefallen und der hat zusammen mit Dan Connors' Firma Telltale einen weiteren Versuch gewagt, die Hund-Hase-Kombo auf die Monitore zu bringen.
Herausgekommen ist dabei die erste Episode einer auf sechs Teile angelegten Staffel, die Telltale genau wie Bone episodenweise über das Internet verkauft. Während US-Amerikaner auch über ein Abo beim Online-Spieledienst Gametap in den Genuss der Spiele kommen, bleibt anderswo nur die Möglichkeit, das Spiel direkt zu kaufen. Einzelne Episoden sind dabei für 8,95 Dollar erhältlich, die ganze Staffel im Paket schlägt mit 34,95 Dollar zu Buche - umgerechnet weniger als 5 Euro pro Episode.
Um dem Vertriebsmodell gerecht zu werden wollen wir zunächst noch keine endgültige Wertung abgeben, sondern beschränken uns am Schluss dieses Artikels auf eine Preisleistungs-Wertung. In den kommenden Monaten wird dieser Artikel dann weiter ausgebaut und erst wenn alle sechs Teile erschienen sind, versehen wir ihn als Test zu Sam & Max: Season 1 mit vollständigem Wertungskasten.

Das Büro der Freelance Police. (Mehr Bilder in der Galerie.)

Mit der Maus

Worum geht es in Culture Shock? Alles beginnt, als im Büro der Freelance Police das Telefon klingelt, selbiges aber nicht an seinem Platz zu finden ist. Schnell stellt sich heraus, dass die Ratte, die das üppige Mauseloch in deren Büro bewohnt, das Telefon entwendet hat, um es gegen ein Stück Schweizer Käse eintauschen zu können. Von dem riesigen Stapel Käse, der rein zufällig im Wandschrank lagert, kommt aber kein einziges Stück aus dem Alpenland...
Bei diesem ersten Rätsel wird der Spieler an das Interface herangeführt, das Kennern des Point-&-Click-Prinzips keine Probleme bereiten wird. Einzige wichtige Taste ist die linke Maustaste, mit der man Objekte betrachtet, mit der Umwelt interagiert oder andere Charaktere anspricht - je nachdem, was man anklickt. Die rechte Maustaste dient lediglich dazu, Sätze in Gesprächen abzubrechen. Das Inventar kullert standesgemäß aus einer Pappschachtel unten links im Bild, die Sam-&-Max-Fans bereits aus Teil eins kennen. Features wie der doppelte Mausklick auf Ausgänge oder allgemein die Möglichkeit zu rennen gibt es nicht, die Laufwege sind zum Glück aber so kurz, dass dadurch keine Langeweile entsteht.

Fest der schrägen Ideen

Eigentlich los geht es dann, wenn das haarige Gespann sein Büro verlässt. Überall in der Nachbarschaft laufen kleinwüchsige Exzentriker herum, die vor einigen Jahren als "Soda Poppers" aufgetreten sind und sich seitdem dem Schicksal als ehemalige Kinderstars ergeben. Die drei erwecken verdächtig den Eindruck, hypnotisiert worden zu sein, können sie doch alle von kaum etwas anderem Reden als von Brady Culture und seinem Eye-Bo Augenfitness-Programm. Wer steckt dahinter? Etwa eine Verschwörung?
Ein klarer Fall für die Freelance Police, die sich auf die Suche nach dem Strippenzieher hinter den hypnotisierten Ex-Kinderstars macht. Die Episode Culture Shock enthält dabei einen kompletten Fall und nicht nur den Anfang einer Geschichte. Trotzdem wird am Schluss natürlich angedeutet, dass die Welt noch nicht endgültig gerettet ist - klar, es fehlen schließlich auch noch fünf Folgen von Staffel eins.
Bei dieser Hintergrundgeschichte wird schon deutlich: In Sachen verrückte Ideen braucht sich Culture Shock nicht vor dem ursprünglichen Sam & Max zu verstecken, ganz im Gegenteil. Der makabere Humor des Vorgängers wurde hervorragend eingefangen, die Dialoge überschlagen sich vor kurzweiligem Witz und eine schräge Traumsequenz, die Teil eines noch schrägeren Rätsels ist, setzt dem ganzen die Skurrilitätskrone auf. Zwar wird dieses Mal keine Miezekatze umgestülpt, dafür kommen andere Tiere zu Schaden. Steht beispielsweise der ständige Begleiter Max dem vom Spieler gesteuerten Sam im Weg, holt dieser einmal mit seiner Rechten aus und Max verabschiedet sich mit einem "weeeee!" himmelwärts, um kurz darauf in der Nähe wieder zu landen.


Info

Anschauungsmaterial

Der erste Trailer zu Telltales Sam-&-Max-Abenteuer wurde zur E3 2006 veröffentlicht (Download, 17 MB). Darin waren zwar noch keine Szenen aus dem Spiel zu sehen, doch die 3D-Versionen der Titelhelden machten schon Lust auf mehr. Inzwischen hat Gametap einen weiteren Teaser speziell für die erste Episode veröffentlicht, in der auch Spielszenen zu sehen sind (Download, 22 MB). Weitere Spielszenen in Reinform hat Telltale ins Netz gestellt (Download, 72 MB) - zu sehen sind beispielsweise ein Dialog in Bosco's Inconvenience Store und Szenen von der Autofahrt.
Unbewegte Bilder gibt es natürlich auch zu genüge: Anlässlich dieses Artikels haben wir unsere Screenshot-Galerie komplett erneuert und interessante Artworks sowie andere Bilder, die nicht direkt aus dem Spiel kommen in eine eigene Galerie ausgelagert. Weiteres Material findet sich auf der Telltale-Homepage.
 

Groß, aber klein

Das soll aber keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass der Titel in mehrerlei Hinsicht ein kleines Spiel ist. Zum einen ist natürlich der Umfang sehr gering: die äußerst wenigen Locations und Rätsel werden durch geschicktes Wiederverwenden der Szenen und etliche spaßige Kommentare der Titelhelden auf 2 - 3 Stunden Spielzeit gebracht, die jederzeit erfrischend kurzweilig sind. Das ist auch den Rätseln zu verdanken, die zwar allesamt leicht bis sehr leicht sind, aber trotzdem erfreulich originell erdacht wurden.
Zum anderen wird auch die Grafik mit relativ bescheidenen Mitteln dargestellt. Weder mit der Zahl der Polygone noch mit der Qualität von Texturen gehen Sam & Max hier auf Rekordjagd. Während einige Szenen, wie das Büro, noch voller Details stecken, wirken weniger wichtige Ecken schon mal recht trist. Statt Echtzeitschatten gibt es ovale Blobs und dynamische Lichteffekte hat Telltale ebenfalls eingespart. Das tut dem Spielspaß aber wenig Abbruch, denn stilistisch haben die Grafiker trotzdem treffsicher gearbeitet und eine bunte 3D-Comicwelt erschaffen, die glatt dem alten 2D-Klassiker entstiegen sein könnte. Hierfür sorgen nicht zuletzt die gelungen modellierten und animierten Protagonisten.

Rasante Fahrt im DeSoto. (Mehr Bilder in der Galerie.)

All that Jazz

Bei der Vertonung des Spiels hat man weniger gespart. Der jazzige Soundtrack passt hervorragend und die Sprecher vertonen ihre Charaktere überwiegend gut, auch wenn es einige Mehrfachbesetzungen gibt. Wer das Original in englisch gespielt hat, wird sich wohl an die neuen Stimmen der Titelhelden gewöhnen müssen.
Grundsätzlich gilt: Je besser die Englischkenntnisse, desto mehr kann man von der Hochsprache der Autoren verstehen. Die Vokabeln sind anspruchsvoll und insbesondere Sam & Max sprechen so schnell, das man als Nichtmuttersprachler gelegentlich Probleme hat, die Untertitel mitzulesen. Von einer deutschen Sprachversion ist bisher nichts bekannt, nach der Ankündigung der deutschen Bone-Umsetzung kann man aber davon ausgehen, das irgendwann auch diese Telltale-Produktion eingedeutscht wird. Vor dem nächsten Sommer dürfte damit allerdings kaum zu rechnen sein.
Auch noch erwähnt werden sollte der toll inszenierte Höllenritt mit dem allseits bekannten DeSoto durch die städtischen Straßenschluchten. Dieser ist die einzige Szene, die man noch als Minispiel bezeichnen könnte. Trotz des temporeichen Verlaufs ist die Autofahrt aber eher Rätsel als Minispiel, denn Geschicklichkeit ist hier weniger vonnöten, mehr kommt es auf die richtige Idee an.

You crack me up, little buddies!

Mit Sam & Max: Season 1 könnte sich im Adventurebereich das episodenweise Vertriebskonzept tatsächlich durchsetzen. Die Lizenz ist bekannt und beliebt, die Umsetzung gelungen und das Preisleistungsverhältnis, besonders im Paket, mehr als fair. Wer Sam & Max oder allgemein den Humor der LucasArts-Klassiker zu schätzen weiß, der kommt um den neuen Telltale-Titel kaum herum. Ab dem 1. November kann hierzulande losgespielt werden, viel Spaß dabei!
Episode 1: Culture Shock

Preis/Leistung Einzelpreis: 7.5/10


Preis/Leistung Paketpreis: 9/10



Episode 2: Situation: Comedy



In der zweiten Episode von Season 1, die den Titel „Situation: Comedy“ trägt, wird das quirlige Duo der Freelance Police zum Fernsehstudio gerufen, wo die Talkshow-Größe Myra nahezu alle Mitarbeiter der Produktionsfirma als Gäste ihrer eigenen Show okkupiert, sodass in den anderen Studios kein Betrieb mehr möglich ist. Um Myra das Handwerk legen zu können, müssen Sam & Max nun in Sendungen wie „Cooking without Looking“ oder „Embarassing Idol“ auftreten. Dabei nehmen die Entwickler in gewohnt brachialer Art die stumpfsinnige Welt des Fernsehens auf die Schippe.

Gleichbleibende Qualität

Die Qualität hält Telltale auf konstantem Niveau. Die Sprüche der Titelhelden sind äußert witzig, falls man den schnell gesprochenen und mit anspruchsvollem Englisch getexteten Dialogen folgen kann. An der bunten 3D-Comicwelt bleibt optisch alles beim Alten und auch die Steuerung funktioniert wie eh und je.
Ein Großteil der Rätsel ist wie schon in Episode 1 eher leicht zu knacken, was für wenig Herausforderung, aber auch wenig Langeweile spricht. An einer Stelle zieht der Schwierigkeitsgrad dann aber auch an, was die Ankündigung, in späteren Episoden auch kniffligere Aufgaben einzubauen, glaubwürdiger macht. Die Spielwelt ist etwas größer als in Episode 1. Da sich aber im Straßenzug um das Büro der Freelance Police eher wenig abspielt und man einen Großteil der Spielzeit im Fernsehstudio verbringt, kann man in etwa von derselben Spielzeit ausgehen.
Obwohl die Soda Poppers wieder dabei sind lässt sich „Situation: Comedy“ auch ohne Kenntnis des Vorgängers spielen. Grund dafür gibt es allerdings nicht: Wer grundsätzlich Interesse an Comic-Adventures hat und sich der englischen Version gewachsen fühlt, der sollte ohnehin längst die ganze Staffel geordert haben.
Episode 2: Situation: Comedy

Preis/Leistung Einzelpreis: 7.5/10


Preis/Leistung Paketpreis: 9/10



Episode 3: The Mole, The Mob, and The Meatball



Schlag auf Schlag veröffentlicht Telltale Games seine Sam-&-Max-Episoden und ist damit wohl der erste Entwickler, der mit diesem Konzept seinen Releaseplan einhält. The Mole, The Mob, and The Meatball ist bereits das dritte Häppchen, das der US-Entwickler den Fans von Hund und Hase auftischt. Darin soll die Freelance Police Kontakt mit einem Maulwurf aufnehmen, der in das Ted E. Bear Mafia-Free Playland and Casino eingeschleust wurde. Das ist eine Spielhalle, in der alle Mitarbeiter Teddybären-Masken tragen und die ganz, ganz bestimmt nichts mit der Mafia zu tun hat. Ehrlich!
Um den Kontaktmann zu finden, müssen Sam & Max allerdings erst Mitglied der... mmh... Organisation werden, die das Kasino betreibt und dazu, wie sollte es in einem Adventure anders sein, müssen zunächst erst einige Aufgaben bestanden werden.

Bratz-das-Vieh feiert sein Comeback. (Mehr Bilder in der Galerie.)

Kurzer Spaß

Wieder knüpft die Episode inhaltlich an die Vorgängerepisode an, sie kann aber auch für sich genommen gespielt werden. Inzwischen hat man sich an die Eigenheiten der Spielwelt gewöhnt, und so überrascht es auch nicht, dass sich Bosco plötzlich für einen Franzosen hält und Sybil wieder einen neuen Job angetreten hat. Trotz solcher Veränderungen ist in der Straße, in der die Freelance Police sitzt, das meiste beim Alten geblieben und so hat man sich schnell zur neuen Location vorgearbeitet: dem Kasino.
Die Rätsel sind zwar witzig-originell, bleiben aber wieder auf sehr leichtem Niveau und halten kaum auf. Leider ist die Spielwelt sehr klein geraten und so beträgt die Spielzeit kaum mehr als eineinhalb bis zwei Stunden - etwas weniger also als die beiden Vorgängerepisoden. Laute Lacher produzieren die abgefahrenen Dialoge dafür wieder zuhauf, die bunte 3D-Grafik zusammen mit dem genialen Soundtrack machen einfach Spaß.
The Mole, The Mob, and The Meatball ist noch kürzer als die Vorgänger und nichts für den anspruchsvollen Rätselfreak, der enorm kurzweilige Spielgenuss ist jedoch vorbildlich fürs Comic-Genre. Außerdem: Wer will sich schon beschweren, wenn ein Klassiker wie Bratz-das-Vieh wieder mit dabei ist?
Episode 3: The Mole, The Mob, and The Meatball

Preis/Leistung Einzelpreis: 7/10


Preis/Leistung Paketpreis: 8.5/10



Episode 4: Abe Lincoln Must Die



In der vierten Episode Abe Lincoln must Die verschlägt es Sam & Max bis nach Washington D.C. ins Weiße Haus. Niemand Geringeres als der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika fängt an, sich seltsam zu benehmen. Dass er sogar die Waffengesetze verschärfen will, bringt das Fass zum Überlaufen, sodass sich die Titelhelden auf den Weg an die Ostküste machen. Nach einigen Querelen wird klar, dass kein Weg daran vorbeiführt, gegen einen wahrhaft absurden Gegenkandidaten in den US-Wahlkampf zu ziehen...

Max for President!

Die vierte Episode Abe Lincoln must Die ist laut Telltale die erste Episode, bei der der Entwickler das Feedback zu früheren Teilen in das Spieldesign einfließen lassen konnte. Damit bezieht man sich hauptsächlich auf den Schwierigkeitsgrad, der von den meisten Adventurefans als zu leicht eingestuft wurde.
Aus diesem Grund hat man kräftig an dieser Schraube gedreht und den neuen Teil deutlich kniffliger gestaltet. Zwar lassen sich Inventargegenstände immer noch nicht miteinander kombinieren, die subtileren Hinweise und abgedrehteren Lösungen fordern aber deutlich mehr Hirnschmalz als bisher. Insbesondere deshalb, allerdings auch durch eine größere Zahl an Aufgaben, steigt die Spielzeit deutlich an. Abe Lincoln must Die dürfte die meisten Spieler mehr als drei Stunden beschäftigen und ist damit etwa doppelt so lang wie die Vorgängerepisode. Gerade Anfänger erleben dafür allerdings auch mehr Frustmomente als bisher.

Abe Lincoln Must-Buy

Den wilden One-Liner-Humor halten die Autoren trotz des größeren Umfangs auf gewohnt hohem Niveau. Und wer des gepflegten US-Politik-Bashings nicht schon überdrüssig ist, der findet in der neuen Episode so manches Extra-Schmankerl.
Kauft man sich die jüngst angekündigte Box-Version und spielt Season 1 als monolithisches Spiel, dürfte man sich spätestens jetzt an dem stets wiederkehrenden Straßenzug und dem Charakterrecycling stoßen - neben Bosco und Sibyl sind auch die Soda Poppers wieder mit dabei. Durch die häppchenweise Verabreichung im Monatstakt wird der Effekt aber deutlich reduziert, zumal mit dem abgehackt redenden Sicherheitsmann ein absolut Sam-&-Max-würdiger neuer Charakter eingeführt wird, der kurz vor Schluss einen grandiosen Auftritt hat.
Abe Lincoln must Die ist die bisher beste Episode in Telltales Comic-Staffel.
Episode 4: Abe Lincoln Must Die

Preis/Leistung Einzelpreis: 8/10


Preis/Leistung Paketpreis: 9.5/10



Episode 5: Reality 2.0



Max als US-Präsident? Der Sieg gegen den scheinbar übermächtigen und höchst ungewöhnlichen Rededuell-Gegner? Secret-Service-Agenten in einer Musical-Einlage? Man könnte wirklich meinen, Episode 4, Abe Lincoln Must Die, wäre abgedreht gewesen, selbst für die Comicwelt von Steve Purcell. Wer das denkt, der hat aber ganz offensichtlich noch nicht Reality 2.0 gespielt, eine Breitseite ins Gemächt von Second Life und eindeutig die durchgeknallteste Epsiode von Telltales bisherigem Sam-&-Max-Zyklus.

Skurril 2.0

Worum geht es? Während Max seinen Pflichten als Präsident nachkommt, natürlich im Büro der Freelance Police, wird Sam vom Commissioner angerufen. Die westliche Zivilisation steht offenbar kurz vor dem Zusammenbruch: Flugzeuge stürzen ab, Atomkraftwerke sind kurz vor der Kernschmelze und das Internet spielt verrückt. Als Ursache hat das "National Consortium of Smart People who are good with Computers" eine Geheimorganisation ausgemacht, die sich ganz in der Nähe vom Büro der Freelance Police eingenistet hat. Schnell ist klar, dass hinter den Attacken auf die Cyberwelt ein chlorerischer Arcade-Automat, ein stets freundliches Analogtelefon und deren Retrofreunde aus der elektronischen Steinzeit stecken, die das Internet übernehmen, um die alternative Realtiät "Reality 2.0" zu betreiben.

Dank Bug in der Reality 2.0 sind Sam & Max zweidimensional.

Ein Fest für Nerds

Lange dauert es natürlich nicht, bis der Spieler selbst in die virtuelle Welt abtaucht, um die künstliche Intelligenz aus dem Inneren zu bekämpfen. Dabei lernt man den inzwischen bestens bekannten Straßenzug samt Läden und Büro in einer zweiten Version kennen: als Panoptikum wild blinkender Texturen und einem Füllhorn an Wortspielen und Seitenhieben aus der IT-Welt. Der Mix aus Tron und Second Life bietet von Super-Mario-Einlagen über Werbebanner-Parodien und einem "Schwert +2" im Inventar alles, was das Nerd-Herz begehrt. Im grenzgenial geschriebenen Finale dürfte dann nicht nur, aber besonders bei Adventure-Nostalgikern kein Auge mehr trocken bleiben. Der Schwierigkeitsgrad hat sich auf einem angenehmen Level eingepegelt - fair, aber herausfordernd -, die Spiellänge ist mit ca. 3 Stunden dem günstigen Preis mehr als angemessen. Wer weniger Erfahrung mit dem Internet hat und Computer eigentlich nur zum Arbeiten benutzt, dürfte von der Überdosis Techie-Humor eher befremdet sein, die Generation, die mit dem 8088er im Kinderbett aufgewachsen ist, wird Reality 2.0 lieben.
Episode 5: Reality 2.0

Preis/Leistung Einzelpreis: 8.5/10


Preis/Leistung Paketpreis: 10/10



Episode 6: Bright Side of the Moon



Es ist so weit: Mit Bright Side of the Moon veröffentlicht Telltale die sechste Folge und somit das Finale seiner Season 1, die Sam & Max ins Episodenformat gebracht hat. Nachdem die Staffel bis Episode 3 noch nicht hundertprozentig in Schwung kam, waren die Politik-Kloppe Abe Lincoln Must Die und die Techno-Satire Reality 2.0 erste Klasse - der Druck auf das Finale ist dementsprechend hoch.

Ein kleiner Schritt für den Hasen...

Zu Beginn finden Präsident Max und sein Assistent Sam heraus, wo sich der Bösewicht aufhält, der zuvor für die hypnotischen Ausfälle von Teilen der Menschheit verantwortlich war: Auf dem Mond! Also schnappt sich das Duo seinen DeSoto und, na ja, irgendwie gelangen die beiden jedenfalls zum grau-tristen Erdtrabanten. Dort hat der fiese Obermotz sein Allerheiligstes versteckt, von dem aus er die Menschheit zu willenlosen Glücksbärchis verstrahlen will, die sich gegenseitig den ganzen Tag lieb haben - ein Schreckensszenario, das die gewaltaffine Privatpolizei unbedingt verhindern muss.
Und weil es sonst langweilig wäre, trifft man auf dem Mond - Sinn lass nach - dann auch jede Menge alte Bekannte aus den früheren Episoden, mit deren Hilfe man sich in die Kommandozentrale des grotesken und schrillbunten Schauplatzes durchrätselt. Auch wenn Episode 6 die Hintergrundgeschichte abschließt, die sich durch die früheren Episoden zog, sollte man keine tiefgreifende Logik darin suchen. Sam & Max ist eben ein Comic-Adventure, die bizarre Story dient da hauptsächlich als Vehikel für die urkomischen Sprüche der Titelhelden und ihrer schrulligen Gesprächspartner. Humortechnisch steht die vorerst letzte Folge ihren Vorgängern in nichts nach, gerade bei Marken wie dem pfurztrockenen Secret-Service-Mann aus Episode 4 oder der illustren Runde veralteter Elektronikgeräte aus Episode 5 bleibt kein Auge trocken.

Im Staffelfinale treffen Sam & Max auf alte Bekannte aus allen Episoden.

Houston, wir haben ein Rätsel

Die Rätsel basieren dieses Mal zu einem großen Teil auf verschiedenen Talismanen, die man im Laufe des Spiels erbeutet. Da gibt es zum Beispiel einen Talisman, der bewirkt, dass sich andere Leute übergeben, und einen, mit dem sich löffelartige Metallgegenstände verbiegen lassen. Auch wenn sich das nicht nach der goldenen Kirsche guten Rätseldesigns anhören mag, funktioniert es dennoch sehr gut. Es erfordert schon ein wenig Kreativität, sich in die Möglichkeiten hineinzudenken, die diese Objekte eröffnen. Akzeptiert man die Funktionsweise der Talismane, so bleiben die Rätsel logisch, wenn auch längst nicht mehr so trivial wie zu Beginn von Season 1. Daher verwundert es auch nicht, dass man 3 - 4 Stunden mit der Episode verbringen kann, die sogar noch ein wenig länger ist als Abe Lincoln Must Die.
Wer erst nachdenkt, bevor er alles mögliche ausprobiert, wird dann auch feststellen, dass der Großteil der Folge in den neuen Locations stattfindet und Sibyl und Bosco nur kurzfristig besucht werden müssen. Dennoch gibt es für viele Objekte im Straßenzug um das Büro der Freelance Police wieder neue Kommentare. Auch Poster und Werbetafeln wurden ausgetauscht.

Mission... erfüllt!

Bright Side of the Moon ist ein würdiger Abschluss. Telltale hat mustergültig gezeigt, wie ein Episodenkonzept für das Adventuregenre funktionieren kann. Der einzige Grund für Freunde des bösartigen Humors von Sam & Max, nicht spätestens jetzt die gesamte Staffel zu kaufen, ist, auf die deutsche Veröffentlichung durch JoWooD zu warten. Die soll im August erscheinen und neben der Übersetzung auch die englische Originalversion an Bord haben. Das ist auch sicher die richtige Entscheidung, denn es muss fraglich bleiben, ob der geballte Sprachwitz ohne Qualitätsverlust in eine andere Sprache übertragen werden kann.
Ein gutes Zeichen ist auch, dass offenbar Versionen für Xbox 360 und Nintendo Wii unterwegs sind. Das Konzept dürfte sich gut für die Online-Vertriebswege der Konsolenhersteller eignen und gerade per Wiimote sollte Point & Click gut steuerbar sein. Unklar bleibt dagegen, ob andere Hersteller mit demselben Erfolg das Episodenkonzept umsetzen können. Season 1 lebt von der starken Lizenz, die schließlich auch für eine ungewöhnlich starke Präsenz in der Spielepresse gesorgt hat - längst nicht nur auf Adventure-Seiten. Ohne einen Namen wie Sam & Max wird es wohl deutlich schwerer, einen so kurzen und verlässlichen Veröffentlichungszyklus einzuhalten wie Telltale. Deren Erfolg wird trotzdem manch anderen Entwickler inspirieren...
Episode 6: Bright Side of the Moon

Preis/Leistung Einzelpreis: 8.5/10


Preis/Leistung Paketpreis: 10/10

Jan 'DasJan' Schneider


 

 
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