The Second Guest
Adventure-Treff
The Second Guest
(Anzeige)






Adventure-Treff
Lost Chronicles of Zerzura
eature

Ronfest Amsterdam '05

Begonnen hat es am Mittwoch. Ron Gilbert hat in seinem Blog vorgeschlagen, ein kleines Treffen unter Adventurefans zu machen. Zunächst war eigentlich nur ein Treffen in London geplant, am Mittwoch kam spontan noch ein zweites Treffen dazu, und zwar am Donnerstag in Amsterdam. Kurzentschlossen wie ich bin und getrieben von der Aussicht auf ein Treffen mit dem Held meiner Jugend (mal abgesehen von He-Man) habe ich noch in der Nacht die Reisevorbereitungen begonnen und mich am nächsten Morgen um 10.30 Uhr - viereinhalb Stunden vor dem Treffen um 15 Uhr - auf den Weg nach Amsterdam gemacht.

Rennen gegen die Zeit

Eigentlich sollte die Strecke von Bonn nach Amsterdam in 3 Stunden zu schaffen sein, Gedanken über ein pünktliches Erscheinen habe ich mir deshalb nicht gemacht. Doch zwischen Monkey-Island-Soundtrack und schrägen Radio-Sondersendungen zur Zahl Fünf anlässlich des Datums 05/05/05 liegt es schon nahe, sich Gedanken zu machen: Alles, was ich von Holland wusste, war auf 3 Ausdrucken von map24.de und einer bettlakengroßen Straßenkarte der Benelux-Länder aus den 70er-Jahren zu finden. Was, wenn es am Zielort zu Komplikationen kommt und die Gruppe um Ron bei verspäteten Erscheinen schon weitergezogen ist? Unpünktlichkeit war keine Option.
Dann der Stau. Vor Emmerich quetschten sich kilometerlange Autokolonnen im Schritttempo durch Hindernisparcours einer Straßenbaufirma und kosteten die Autofahrer eine gute halbe Stunde. Die Nervosität stieg. Als das zynische "wir danken für Ihr Verständnis"-Schild in Sichtweite kam, musste ich an das viel zu oft verkaufte Buch "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" denken, doch markierte das Schild immerhin auch das Stauende.
Die Fahrt durch Holland zog sich. Ich hatte keinen Anhaltspunkt, wie weit es noch bis Amsterdam ist, es könnten 50, es könnten aber auch 150 Kilometer sein. Das erste Schild: 81 Kilometer. Ich fing an, zu rechnen und es sah ganz gut aus. Den angepeilten Zielpunkt, das P+R-Zentrum ArenA, konnte ich problemlos finden. T minus 63 Minuten. Wie lange es von dort bis zum Leidseplein ist? Keine Ahnung. Ein Zug brachte mich ins Zentrum. Irgendwo ins Zentrum, es war 14:40 Uhr. Die 20 Minuten sollten doch reichen, um den letzten Abschnitt in der Innenstadt zu Fuß zu bewältigen...

Ahh... Amsterdam.
Zum Glück waren auf meinem Ausdruck einige Straßennamen zu erkennen. Die Himmelsrichtungen waren wegen der starken Bewölkung schwer auszumachen, also arbeitete ich mich zu Fuß von S-Bahn-Haltestelle zu S-Bahn-Haltestelle und verglich die Straßenschilder mit dem Map24-Plan und den Positionsangaben auf den Haltestellenplänen. Auf meinem Weg durch Grachten und Gässchen wurde mir bewusst, dass der Maßstab meiner Karte kleiner als gehofft war und ich erhöhe das Schritttempo. 14:50 Uhr. Ich erreichte eine Straße, die meiner Meinung nach zum Leidseplein führte und folgte ihr, schneller werdend. 14:55 Uhr. Zur Sicherheit fragte ich eine Passantin nach dem Weg, die meine Vermutung bestätigte. 14:58 Uhr. Ein Platz! Der Leidseplein? Ich sah kein Schild und hielt Ausschau nach dem "New York Steak House", dem Treffpunkt. Ich überquerte den Platz, immer noch unsicher, ob es der Leidseplein ist. Das Steak House! Viele Stühle, viele Tische, viele Menschen. Eine Gruppe Jugendlicher, aber ich erkannte keinen. Mit dem Glockenschlag fiel mein Blick auf eine weitere Gruppe und ich erkannte Marek von Adventure Gamers. Und Ron!
Er sah anders aus als auf Mobygames, etwas schmaler, dafür mit 5-Tage-Bart. Die Sonnenbrille wies ihn als Amerikaner aus. Ich gab ihm die Hand: "Hi, Ron!"
Wow.

Passiert das wirklich?

Nicht dass sich mein ganzes Leben um Monkey Island gedreht hätte, ich bin auch großer Fan der Sierra-Adventures, aber Monkey Island ist schon eine besondere Serie, die mich in meiner Jugend lange begleitet hat. Und sie ist aus der Hand geflossen, die ich gerade geschüttelt habe. Wenn man als Adventure-Fan vor so einer Legende steht, ist es wahrscheinlich schwer, nicht wie ein Vollidiot auszusehen. Ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht, jedenfalls habe ich mich erst mal gesetzt. Direkt neben Ron auf den einzigen freien Platz, der noch übrig war.
Zuerst versuchte ich, aus den laufenden Gesprächen herauszulesen, ob ich noch jemanden in der Runde kannte. Am anderen Ende des Tisches saß offenbar Paco Vink, der Zeichner des Monkey-Island-Comics, gegenüber von Ron saß Rons Freundin, die in der Adventure-Community aber nicht bekannt ist ("Von Monkey Island hat sie noch nie gehört. Sie hat Grim Fandango gespielt, deswegen wollte sie eigentlich Tim Schafer kennen lernen").
Da bin ich also viereinhalb Stunden durch die Landschaft gefahren, um jemanden zu treffen, der zwischen den 80ern und 90ern ein paar Computerspiele entworfen hat. Das ist es wohl, was man mit "Nerd" meint. Aber ich kann damit leben. Anders als man es von einer Gruppe Internet-Nerds erwarten könnte, wurde sich sehr angeregt unterhalten. Nicht nur mit IHM, sondern auch mit den anderen Nerds. Viele kannten sich schon lange über das Internet und sahen sich zum ersten Mal persönlich.
Ron hat von der guten alten Zeit erzählt, von der jüngeren Zeit, von sich und beantwortete alle Fragen, die wir stellten. Fast alle. So arbeitet er zum Beispiel gerade am Design eines humorigen Rollenspiels, dass auch viel mit Adventures zu tun haben soll. Mehr Infos will er aber im Moment nicht preisgeben, da er gerade dabei ist, den Publishern das Spiel anzubieten. Keine schöne Arbeit.

Überschwängliche Freude der angereisten Fans.

Monkey-Island-Plausch

Natürlich gab es auch die unvermeidbare Frage nach seiner Vision von Monkey Island 3. Anders hätte er es gemacht. "Wie" fragten wir. Ron hat keine besonders hohe Meinung von der Spielebranche heutzutage, was auch die vielen Andeutungen in seinem Blog auf "grumpygamer.com" deutlich machen. Es geht nur noch ums Geld, Kreativität bekommt keinen Raum, Spiele sind nur noch anonyme Produkte. Trotz dieser Überzeugung hat er immer noch dieses Leuchten in den Augen, wenn es um "Monkey Island 3a - The Secret Revealed or Your Money Back", wie er seinen dritten Teil nennt, geht. Tief in ihm schlummert offenbar noch die Hoffnung, dass eines Tages LucasArts die Lizenz verkaufen könnte. Monkey Island 3 hat im gefallen, doch merkt man ihm an, wie gerne er selbst die Trilogie abgeschlossen hätte. Jedenfalls will er nicht verraten, wie seine Pläne aussehen, nicht nur das Ende von LeChuck's Revenge zu erklären, sondern auch, wie er sagt, Teil 3 und 4. Direkt darauf angesprochen musste er aber zugeben, dass er keine realistische Chance sieht, dass sich LucasArts irgendwann zu einem akzeptablen Preis von der Lizenz trennt.
Apropos Monkey Island 4. Bis heute hat Ron das Spiel nicht durchgespielt. Mit einer guten Steuerung sei es, wie mit guter Musik: Du erinnerst dich nicht dran. Und die Steuerung von MI4, so Ron, wäre ihm zu anstrengend gewesen. Grim Fandango fand er dagegen toll. Vielleicht spielt hier doch ein bisschen die Verbitterung darüber, dass er Guybrushs Geschichte nicht selbst zu Ende erzählen durfte, eine Rolle. Es war schon sehr grotesk, als ein Fan, Junaid von adventure-island.nl, ihm dann erzählt hat, wie alles ausgeht, dass Herman Toothrot sich plötzlich erinnert, H.T.Marley zu sein und dass das Geheimnis von Monkey Island ihrwisstschonwas ist.
Wir wurden von Musik unterbrochen. Ein älterer Herr, der nur mit einem extrem schmalen Tanga bekleidet war, kletterte an einem Seil hoch, das an einer langen Stange hing, und führte zur Musik einige artistische Übungen vor. Kein schöner Anblick, aber ein prägendes Erlebnis für alle Anwesenden. Ron will den Mann in seinem nächsten Spiel auftauchen lassen, manche Charaktere kann man sich einfach nicht ausdenken.

"It never fails: Gilbert shows up, and someone gets naked. And it's usually a guy."

1 - Sportlich war er.
2 - Ron ist fasziniert von den holländischen Bräuchen.
Irgendwann stießen noch zwei weitere Fans dazu, die sich verspätet hatten, und setzten sich neben mich. Meine anfängliche Sorge war also nicht begründet - trotzdem war es gut, pünktlich gewesen zu sein. Etwas später habe ich Ron gefragt, ob er schon von Maniac Mansion Mania gehört hat, der kannte aber nur Maniac Mansion Deluxe: "Wirklich toll, aber ein paar Sachen haben die nicht ganz richtig übertragen. Mit dem Fotoentwickler konnte man im Originalspiel die Pflanze umbringen, das geht im Remake nicht". Also habe ich ihm von MMM erzählt. Ihm schien die Idee zu gefallen, dass sich in meiner Episode alles reimt. Ich musste mir immer wieder bewusst machen, neben wem ich da sitze. Wow.
Apropos WoW (Überleitungs-Alarm!). World of Warcraft ist faszinierend. Ich habe es selbst noch keine Sekunde gespielt, aber ich bekomme mit, wie einige Bekannte in die Spielwelt gezogen werden und so schnell nicht wieder davon loslassen. Auch Ron und seine Freundin, die bei diesem Thema wesentlich besser mitreden kann als bei Adventures, besuchen desöfteren die Welt des Onlinerollenspiels und erkunden sie, an zwei Rechnern im selben Raum sitzend, gemeinsam. Eine faszinierende Vorstellung. Ron erzählte, er hätte von einem der Blizzard-Entwickler gehört, irgendwo im Spiel sei eine Gegend in Anlehnung an Monkey Island entworfen worden.
Während der kleinen Unterhaltung über Maniac Mansion Mania sprach mich Rodi von captainaugust.com an. Er hatte mitbekommen, dass ich Deutscher bin und stellte ein paar Fragen, weil er demnächst ein Praktikum in Leverkusen macht. Um sein deutsch zu trainieren, hat er sich eine PC Games gekauft. Was für ein Tag!

1 - Paco Vink war auch da (rechts).
2 - Auf dem Weg in die Bar: Rons Freundin, Ron, mellonhead, Junaid, Alexander.

Jetzt wirds wild

Ich kam ins Gespräch mit den Spätankömmlingen rechts neben mir, selbst Spieleentwickler, deren Herz an den alten LucasArts-Adventures hängt. Sie hätten auch gerne Mathe studiert wie ich, doch sind sie jetzt schon im Beruf. Trotzdem interessieren sie sich als Programmierer auch sehr für die mathematischen Grundlagen. Schön, sich mit Leuten zu unterhalten, die Mathe nicht schon immer für das Böse gehalten haben. Auch sonst ein sehr sympathisches Duo. Ich interessierte mich dafür, ob ich Spiele kenne, die die beiden entwickelt haben. Und ja, ich kenne eins: Autobahnraser. Oh. Mein. Gott. Ich begann mich zu fragen, ob ich da wirklich gerade unmittelbar zwischen dem unsterblichen Mastermind hinter Monkey Island und den Entwicklern der fiesesten Kommerzgurke, die je in Europa entwickelt wurde, saß, oder ob ich einfach verschlafen hatte und noch einen ziemlich schrägen Traum träumte. Eigentlich hatte ich doch nichts von dem Wein getrunken! Wenigstens haben die beiden zugegeben, dass die Autobahnraser-Spiele nur schnell entwickelte Spiele für den Massenmarkt waren und keine wertvollen Kunstwerke.
Es wurde immer kälter und fing leicht an zu regnen, also haben wir nach einer Bar gesucht, die unsere Runde aufnehmen würde. Vorher hat Ron noch den teuren Wein bezahlt (!) und ein Gruppenfoto gemacht, das erste Foto in meiner Erinnerung, bei dem ich nicht "Cheese" oder ähnliches, sondern wie es sich für echte Piraten gehört "Yarr!" sagen sollte. Ein Fest auch für alle Umstehenden.

1 - Die ganze Gruppe auf der Flucht vor dem Wetter.
2 - Der Beweis: Voodoo-Kräfte haben uns begleitet.
In der Bar wurde dann mehr Wein bestellt und weitergeplaudert. Mir neu war zum Beispiel, dass LucasArts Ron Gilbert nach seinem Austritt aus der Firma verklagt hat und er sich zwei Jahre lang verteidigen musste. Es ging dabei um die SCUMM-Engine, die Anklage wurde dann irgendwann fallen gelassen. Auch interessant: Alle Charaktere von Maniac Mansion beruhen auf realen Personen. Dave ist Ron Gilbert und tatsächlich sieht der Dave auf der MM-Box seinem Vorbild sehr ähnlich, das graue Lucasfilm-T-Shirt hatte Ron wohl auch ständig angehabt. Wendy beruht auf einer realen Wendy, die damals Sekretärin oder Empfangsdame bei Lucasfilm Games war. Syd ist Gary Winnick und wer Dr. Fred und Nurse Edna waren, wollte Ron nicht verraten, da sie auf der "Familie einer realen Person" beruhen. Muss eine interessante Familie sein. Auf meine Frage, warum sie damals als erstes Projekt mit der SCUMM-Engine so ein komplexes Spiel entwickelt haben, wusste Ron auch keine Antwort mehr. Jugendlicher Leichtsinn?
Irgendwann hat sich dann der erste überwunden, seine Secret-of-Monkey-Island-Box ausgepackt und Ron zum Signieren gegeben, womit er natürlich die vorherzusehende Signierstunde eingeläutet hat. Auch ich hatte vorgesorgt und meine LeChuck's-Revenge-Box dabei. Der andere aus Deutschland angereiste Gilbert-Fan hatte ein Hörspiel dabei, das ein Freund basierend auf Monkey Island erstellt hatte. Ein anderer hatte gar nichts dabei (Pech!) und hat sich dafür seinen ausgedruckten Amsterdam-Plan signieren lassen. Einer der Anwesenden Künstler hat dann Ron gebeten, Guybrush in seinen Notizblock zu zeichnen, wie er ihn sich vorstellt - originell! Zum Glück hatten die künstlerische Leitung bei den Spielen andere Leute in der Hand, sonst würde Monkey Island aus Strichmännchen bestehen. Nur das Monkey-Island-Logo hat, wie ich an dem Nachmittag gelernt habe, Ron Gilbert selbst entworfen. Ich habe dann noch mein Cover-Inlay von Larry 7 signieren lassen. Ha!

1 - Marek, Ron, Rons Freundin, Mellonhead, kopulierendes Paar (Hintergrund).
2 - Alexander lässt sein Hörspiel signieren. Larry 7 folgt.
Ron erzählte, dass er vor ein paar Monaten zum ersten Mal Al Lowe getroffen hätte (in Frieden). Dieser hätte weniger über Computerspiele, sondern mehr über Golf geredet. Unverständliche Blicke.
"Du meinst, so wie Links?"
"Nein richtiges Golf."
"Du meinst ECHTES Golf, DRAUSSEN?!"
"Ja."
Ein Raunen ging durch die Menge.
"Aber es basiert auf einem Computerspiel."

Der Tag neigt sich dem Ende.

Time to say Goodbye

Gegen 19 Uhr fingen die ersten an, sich zu verabschieden. Eine Kerngruppe um Ron machte sich auf, noch nach etwas Essbarem zu suchen, was mir ganz recht war, weil ich seit 10 Uhr nichts mehr hatte. Ein einäugiger Ortskundiger wollte uns den Weg weisen zu einer Falafelbude, doch haben wir ihn bald aus den Augen verloren (hat Ron wirklich gerade "the Falafel Guy's gone!" gesagt?). Einen sehr durchwachsenen Döner später, etwa 19.30 Uhr, war es dann Zeit, sich zu verabschieden. Nach ein paar Held-meiner-Jugend-Abschlussreden verschwand Ron mit seiner WoW-Priesterin am Horizont und ich ging mit den Jungs von adventure-island.nl und dem inzwischen wieder aufgetauchten Falafel Guy (tm) zum Hauptbahnhof, um mit deren Hilfe einen Zug zum Parkplatz zu suchen.
Gegen Mitternacht kam ich schließlich zu Hause mit der Gewissheit an, einen dieser Tage erlebt zu haben, die man so schnell wohl nicht wieder vergessen wird.

Und er hat es wirklich signiert.

Jan 'DasJan' Schneider


 

 
Lost Chronicles of Zerzura

(Anzeige)


DosBox-Demo
der Woche


The Big Red Adventure
(Dynabyte)

Download (5 MB)
Lösung

Es findet im Moment keine Umfrage statt.

Amazon.de Partnerschaft

(c) 2000 - 2012 by Adventure-Treff
Alle Bilder, Sounds, Dateien und weitere Inhalte dürfen nicht ohne vorherige
Genehmigung benutzt werden. Aber wenn ihr nett fragt, bekommt ihr sie bestimmt!