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Lost Chronicles of Zerzura
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Sprachaufnahmen zu 'Gray Matter'


Nein, die Vorzeichen für Jane Jensens erstes Spiel in Eigenregie waren alles andere als berauschend. Dabei hatte sie sich durch ihre Mitarbeit an Titeln wie King's Quest 6 und Police Quest 3 gerade erst in der Sierra-Hierarchie so weit nach oben gearbeitet, dass sie sich ihr erstes eigenes Spiel „verdiente“. Doch den Chef des einstigen Adventure-Giganten, Ken Williams, plagten enorme Zweifel an ihrem Konzept zu Gabriel Knight: Sins of the Fathers. Zu düster sei die Geschichte um den von Albträumen geplagten Schriftsteller Gabriel Knight, zu weit entfernt von der klassischen Zielgruppe.
Mit diesen Befürchtungen im Kopf hätte er es folglich gerne gesehen, wenn Jensen auf eher traditionellen Sierra-Pfaden gewandelt wäre. Auch ein streng christlich-konservativer Marketing-Leiter, der Gabriel Knight wegen seiner finsteren Thematiken am liebsten im Fegefeuer hätte brennen sehen, erwies sich in Jensens Bestrebungen nicht eben als hilfreich. Doch mit dem Verweis, dass Jensen die Folgen selbst tragen müsse, wenn das Spiel wirklich keinen Markt finden sollte, erhielt Jensen letztlich freie Hand. Hätte Williams Recht behalten, wäre es wohl das Ende der aufstrebenden Autorin und Designerin bei Sierra gewesen.
Aber wie wir wissen, kam es anders. Im Jahre 1993 erntete ihre atmosphärische Horror-Story reihenweise Auszeichnungen und der Grundstein für ihr heutiges Dasein als Adventure-Legende war gelegt.

16 Jahre später: Mein Adventure-Gamers-Kollege Mark Jones und ich sitzen in einem Londoner Restaurant und lauschen den Anekdoten von Jane Jensen. Sierra, wie wir es kannten, ist lange tot. Ken Williams reist dieser Tage mit Vorliebe samt Schiff und Ehefrau Roberta durch die Weltgeschichte. Jensen hingegen gedenkt sich beileibe nicht so schnell von der Adventure-Community zu verabschieden. Im Gegenteil: bei angemessenem Erfolg könnte ihr kommender Titel Gray Matter, in Form einer neuen Serie, erst der Beginn einer neuen Adventure-Zeitrechnung für die Amerikanerin werden. Und wenn wir sie ein wenig später leidenschaftlich über ihre Storytelling-Philosophie reden hören, fällt es uns nicht schwer zu glauben, dass es in dieser Frau nicht minder brennt wie zu besten Gabriel-Knight-Zeiten.
Kein Zweifel, eine erwiesenermaßen außergewöhnliche Geschichtenerzählerin meldet sich zum Dienst zurück. Doch ebenso wie ihr letztes Projekt für Sierra, Gabriel Knight 3, hat auch ihr Comeback-Titel bereits einen steinigen Weg hinter sich, inklusive eines Entwickler-Wechsels und jeder Menge Verspätung. Umso angenehmer, als wir von der Möglichkeit erfuhren, in London nicht nur die englischen Sprachaufnahmen von Gray Matter zu besuchen, sondern die Meisterin höchstselbst zum persönlichen Interview zu bitten.


Auf Jane-Jensen-Jagd: Ingmar, Claas und Mark (v.l.)

Irgendwo in Soho

Zusammen mit Mark Jones und dtp-PR-Manager Claas Wolter steuere ich im Londoner Künstlerviertel Soho ein mehrstöckiges Gebäude an, hinter dessen unscheinbarer Fassade sich das renommierte Tonstudio Heavy Entertainment verbergen soll. Und nur wenige Augenblicke nachdem wir die entsprechende Etage geentert haben, läuft uns bereits eine sichtlich gut gelaunte Jane Jensen über den Weg. Einen kurzen Plausch im Aufenthaltsraum später gewährt sie uns dann auch schon Zutritt zum eigentlichen Studiobereich.


Mama Mia! Der Treff ist in London!
Hier laufen gerade die für heute letzten Synchronaufnahmen von Hauptcharakter Samantha Everett. In der durchsichtigen Sprecherkabine können wir die Synchronsprecherin und Musikerin Phillipa Alexander bei der Arbeit beobachten. Aufnahmeleiterin Lorelei King versorgt sie in diesem Moment mit einer Reihe von Tipps, bezüglich der bestmöglichen Intonierungen. Gleichzeitig übernimmt King auch die Rolle der zweiten Hauptfigur David Styles, um als Vorlagengeber für Phillipa Alexanders Dialoge mit selbigem zu dienen.
Der Großteil der circa 5000 Dialogzeilen von Gray Matter steht dem Team zu diesem Zeitpunkt noch bevor. Jensen, die während der kompletten Tonaufnahmen vor Ort ist, geht derweil konzentriert die Texte der jeweiligen Szenen durch. Gebannt folgt sie jedem Wort, das über die Lippen der blonden Sprecherin kommt. Wenige Minuten später ist die letzte Aufnahme für heute im Kasten und die versammelte Mannschaft spendiert Phillipa Alexander ein Klatschkonzert. Es ist nicht zu übersehen, wie zufrieden speziell Jensen mit den Resultaten ist.
Und in der Tat, ein typisches Merkmal der interaktiven Vita von Jensen macht Alexanders Arbeit schnell deutlich. Jensens Hauptcharaktere sollen nicht zu eigenschaftslosen Statisten verkommen, nur weil es nun mal irgendjemanden geben muss, den der Spieler steuert. Sie sollen glaubwürdige Charaktere mit entsprechend sorgfältig ausgearbeiteten Hintergründen und Motiven sein, die nicht frei von Makeln sind. Und abgesehen von dem qualitativ sehr hochwertigen Eindruck, den die Samantha-Sprecherin ohnehin schon hinterließ, waren die Ecken und Kanten ihrer Figur nicht zu überhören. In Person der kessen Rebellin Samantha haben wir es merklich mit einer markanten Persönlichkeit zu tun, die kein Problem damit hat, andere mit ihrer Meinung vor den Kopf zu stoßen und zu ihren Überzeugungen zu stehen. Gleichzeitig existiert etwas Verletzliches – vielleicht sogar Zerbrechliches- unter dieser Schale, das ihre inneren Konflikte im Ansatz verrät. Und eben diese Ambivalenz ließ sich auf Anhieb heraushören.
Interessant dürfte in diesem Zusammenhang auch die Beziehung zwischen Sam und der zweiten Hauptfigur, dem tragischen David Styles werden, von dessen stimmlichen Qualitäten wir uns noch keinen Eindruck verschaffen konnten. Bekannt ist zumindest, dass selbiger vom britischen Schauspieler Steven Pacey vertont wird.


Phillipa Alexander spricht Samantha Everett

Ask me about Big Mutha Truckers

Generell wird schnell klar, dass man bei den Sprachaufnahmen keinerlei Experimente eingeht. Dafür spricht nicht nur das traditionsreiche Heavy-Entertainment-Studio als Herberge für die Sprachaufnahmen. Gerade eine Reihe von erfahrenen Schauspielern und Synchronsprechern, die sich an den Aufnahmen beteiligen, verdeutlicht, dass man die englischen Aufnahmen seitens des Publishers sehr ernst nimmt. Speziell Aufnahmeleiterin Lorelei King, deren Charme Kollege Mark und ich uns zunehmend weniger entziehen können, erweist sich als echtes Multitalent. Neben unzähligen Auftritten in Film und Fernsehen - unter anderem in Notting Hill - weist die nach London übergesiedelte Kalifornierin ebenfalls eine stolze Bilanz an Jobs als Synchronsprecherin auf, auch in der Spieleindustrie.
Tatsächlich erzählt sie uns, in der Vergangenheit selbst vereinzelt am Dialogschreiben in Videospielen beteiligt gewesen zu sein. Nichts ahnend gibt mein Kollege Mark im Laufe des Nachmittags dann den Anstoß für einen allgemeinen Sturm der Erheiterung, in dem er die sympathische King fragt, was genau dies denn für Videospiele gewesen seien. Und nach der Erklärung, dass sie sich die Titel von „diesen“ Actiontiteln normalerweise nicht merken könne, rückt sie dann doch mit einem Titel raus, der bis heute einen besonderen Platz in ihrem Herzen einnimmt… Big Mutha Truckers!
Genau das! Und nachdem nun die versammelte Belegschaft für einen Moment vor Lachen fast auf dem Boden liegt, stellt sich mir die Frage, warum mir eigentlich keiner vorher sagt, dass Jane Jensen nicht die einzige anwesende Spiele-Legende in diesem Studio ist.

Eine weitere prominente Rückkehr

Im Bezug auf die deutschen Sprachaufnahmen verrät uns Claas Wolter bereits beim Frühstück, dass eine Reihe von namhaften Sprechern Samantha, David und Co. ihre Stimmen leihen sollen. Eben so, wie man es von Publisher dtp gewohnt ist. Stattfinden sollen die deutschen Sprachaufnahmen bereits in der näheren, nicht genauer definierten, Zukunft.
Und wo wir schon beim Thema Musik sind, ließen wir es uns später nicht nehmen, die Antwort auf eine lange im Raum stehende Frage zu suchen, die so manchen Gabriel-Knight-Fan brennend interessieren dürfte. Zur Erinnerung: Bereits 2006 schätzte Jensen die Wahrscheinlichkeit einer Beteiligung am Gray-Matter-Soundtrack von Gabriel-Knight-Komponist und Ehemann Robert Holmes als sehr hoch ein. Eine definitive Bestätigung ließ in den darauf folgenden Jahren allerdings auf sich warten.
Zumindest bis jetzt, denn auf dieses Thema angesprochen, macht uns die Gray-Matter-Schöpferin unmissverständlich klar, dass ihr Ehemann in der Tat auch dieses Mal mit an Bord ist und er mit seinen melancholischen Stücken erneut einen wichtigen Pfeiler der düsteren Spielatmosphäre darstellen soll. Angelehnt an die Vorgaben aus diesen Main-Themes erstellen die Hamburger Periscope Studios (The Whispered World, Edna bricht aus) weitere Melodien und übernehmen ebenfalls die Vertonung der Soundeffekte.

Die Beute

Nach einem zwischenzeitlichen Restaurantbesuch mit Jensen und Teilen der Studiobelegschaft bot sich uns bei der Rückkehr ins Studio die Gelegenheit, jede Menge an Video-Material für euch festzuhalten. In einer weiteren Kooperation von Adventure Gamers und Adventure-Treff haben Mark Jones und ich als Team ausführliche Videointerviews mit Phillipa Alexander, Lorelei King und im Speziellen natürlich Jane Jensen festgehalten:

Aktueller Status

Die Erwartungen an einen neuen Titel aus der Feder der Gabriel-Knight-Legende sind naturgemäß immens. Logischerweise fehlt es, ohne eine aktuelle Version zu Gesicht bekommen zu haben, aber weiterhin an konkreten Anhaltspunkten, um eine aussagekräftige Prognose zu stellen. Im ausführlichen Video-Interview mit Jensen werdet ihr derweil aber zumindest mit jeder Menge Details rund um das Spiel und die Situation nach dem Entwicklerwechsel versorgt.
Festzuhalten bleibt für den Moment, dass von Seiten dtps mit einer Veröffentlichung im März 2010 gerechnet wird. Aktuell ist Gray Matter - während man bei Wizarbox an den Spielanimationen arbeitet - laut Jensen mittlerweile an einem Stück durchspielbar, was einen enormen Fortschritt nach all den Herausforderungen bedeutet, die aus dem Entwicklerwechsel entstanden. So macht die Autorin und Designerin der Gothic-Geschichte auch keinen Hehl daraus, dass sie die Situation, ein existierendes Gerüst zu weiten Teilen völlig auf den Kopf zu stellen, beinahe als schwieriger empfunden hat als bei der Entwicklung eines Spiels von null zu beginnen. Doch die daraus resultierende Wartezeit soll sich am Ende gelohnt haben, so Claas Wolter. Denn gerade nach der langen Verspätung dürfen die Spieler nach seinen Worten nun auch State-of-the-Art-Grafik erwarten. Zudem soll die Wizarbox-Version weitaus düsterer und atmosphärischer ausfallen als das, was man vom nicht mehr existenten Tonuzaba-Team in Erinnerung hat.
Abschließend lässt sich resümieren, wenn man Mark Jones und mir eines in London mit auf den Weg geben wollte, dann die Botschaft, dass der Patient nicht nur lebt, sondern sich mittlerweile bester Gesundheit erfreut. So soll sich uns bald die Gelegenheit bieten, selbst einen genaueren Eindruck vom Spiel zu erlangen. Damit dürfte dann auch der Zeitpunkt gekommen sein, an dem wir erste konkrete Prognosen zur Wizarbox-Version abliefern können. Mehr zum Thema schon bald an selber Stelle!



Ingmar und Mark mit Jane und Phillipa, außerdem Aufnahmeleiterin Lorelei King mit Team.

Ingmar Böke


 

 
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