Der Fall John Yesterday
Adventure-Treff






Adventure-Treff
Der Fall John Yesterday
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Wenn es um die Auswege des Adventure-Genres aus dem Teufelskreis von mittelprächtigen Verkaufszahlen und eingefahrener Gameplay-Mechanik geht, setzen heute viele Publisher auf sogenannte Casual-Adventures: Spiele, die dem Genre zwar ähnlich sind, sich aber in Schwierigkeit, Komplexität und Spielbarkeit an Gelegenheitsspieler richten, im Niedrigpreissegment verkauft werden und durch eine deutlich kürzere Spiellänge schneller zu produzieren sind und sich daher auch zum Überbrücken längerer Durststrecken bis zum nächsten Vollpreistitel eignen. Ohne Zweifel war die diesjährige Messe voll von derartigen Titeln. Wir haben uns entschlossen, ein paar davon anzusehen und Euch ein kurzes Status-Update dieses anhaltenden Trends zu geben.

Bei astragon nichts Neues

Das Adventuregenre als firmenstrategische "vierte" Säule ausbauen, das hat der Publisher astragon, der u.a. schon Deck13s "Black Sails" veröffentlicht hat, vor einiger Zeit in einer Pressemitteilung versprochen. Der PR-Berater von astragon konnte uns dazu leider noch nicht allzuviel zeigen. Präsentiert bekamen wir nur einen kurzen Schnelldurchlauf durch den aktuellen Titelkatalog des Publishers. Geplant ist aber definitiv Einiges, wie der Genremix Great Adventures - Lost Mountains, in dem der Spieler ein Hotel in den verschneiten Bergen untersuchen und einen verschollenen Wissenschaftler wiederfinden muss. Gespielt wird aus einer isometrischen Vogelperspektive, was gleich auch die Mischung des Adventures mit Simulationseinlagen unterstreicht: Denn nicht nur muss der Spieler das Rätsel in den Bergen lösen, auch das Wohlbefinden der unterschiedliche Charaktere ist, ganz "Sims-like", zu beachten und bei Bedarf sicherzustellen. Auch Spiele wie Escape from Rosecliff Island oder Green Moon, Mischungen aus Adventure und Wimmelbildspiel, will der Publisher verstärkt ins Programm nehmen. Gleichzeitig hat man uns gegenüber dem ganz klassischen Adventure eine Abfuhr erteilt: 100% reinrassige Adventures werde es bei astragon und der großen Schwester rondomedia eher nicht geben, bestätigte uns der Pressesprecher. Wenig konkret wurde auch unsere Frage nach dem bereits angekündigtem Adventure Louisiana - Mystery Cases beantwortet: In dem aktuellen gamescom-Katalog wird das 3D-Adventure nämlich bereits nicht mehr aufgeführt. Ganz sicher war sich der Pressesprecher zwar nicht, aber möglicherweise, so weiter, sei das Spiel schon gar nicht mehr im Portfolio von astragon. Wir sind noch etwas vorsichtig, da der Handel das Spiel weiterhin für ein Oktober-Release führt.

Tröstender Blick vom Pressesprecher: Leider keine Spielpräsentation für uns. Basti hat aber ein Doktorspielchen-Set geschenkt bekommen.


Oben: Der Simulationsmix Great Adventures: Lost in Mountains (Galerie).
Unten: Wimmelbild-Vertreter Green Moon (Galerie)

Prime Games, die Erste: Dr. House

Im Gegensatz zu astragon versucht sich die aus dem bhv-Spielekatalog hervorgegangene Firma Prime Games bei den "Casual-Adventures" an bekannten Marken. So hat man sich u.a. die Rechte an die PC-Spieleumsetzung von Dr. House gesichert, der gleichnamigen TV-Serie rund um die sarkastisch-verschrobenen Arzt. Gelöst werden müssen fünf mysteriöse Fälle. Dabei ist Dr. House zwar kein Wimmelbild-Adventure, trotzdem basiert ein Großteil der Spielmechanik auf unterschiedliche Minispiele, die in sehr linearer Reihenfolge abgearbeitet werden, und die manchmal auch etwas an die Spieleinlagen aus Simulationen wie "Trauma Center" erinnern, beispielweise wenn man selbst Hand an einen Patienten anlegen muss. Freunde der Serie dürfte es freuen, dass Original-Charaktere und Schauplätze der Serie übernommen wurden, wenn auch nur im überzeichneten Comic-Look. Das Spiel ist übrigens bereits im Handel erhältlich.

Prime Games, die Zweite: Derrick

Neben der internationalen Marke hat sich Prime Games auch die Rechte an einem deutschen Urgestein gesichert: Derrick - Mord im Blumenbeet ist ein klassisches Wimmelbild-Adventure um den wohl berühmtesten TV-Ermittler und seinen Assistenten Harry. Neben den Wimmelbild-Einlagen verspricht Prime Games auch einige "innovative Minispiele", beispielsweise wenn sich Derrick nur mit Hilfe einer Taschenlampe aus einer dunklen Lagerhalle befreien muss. Für den ebenfalls sehr comiclastigen Look des Spiels sorgt übrigens der Hamburger Entwickler Daedalic Entertainment ("The Whispered World", "Edna bricht aus"). Erscheinen wird Derrick noch im September.

Prime Games, die Dritte: Robin Hood

Und noch ein Wimmelbild-Adventure aus dem Hause Daedalic, diesmal keine TV-Marke, sondern eine Umsetzung der klassischen Sage über den Rächer der Enterbten. Über die Geschichte von Robin Hood braucht man wohl nicht mehr viel zu erzählen. Das Spiel selbst macht visuell erwartungsgemäß einen guten Eindruck: Bei den schön illustrierten Hintergründen ist der Einfluss der Daedalic-Zeichenkunst gut abzulesen, auch wenn das Spiel natürlich preislich wie inhaltlich in einer anderen Liga als vergleichbare Vollpreisprodukte spielt. Neben den Suchbild-Einlagen hat man auch hier versucht, das Gameplay durch kleinere Rätseleinlagen aufzulockern.

Prime Games, die Vierte: Drachenwächter - Die Prophezeiung

Viele Adventurespieler kennen Falko Löffler als Autor oder Co-Autor von Spielen wie Ankh, Black Sails oder Die Krone des Midas. Nicht alle wissen, dass Falko auch eigene Bücher veröffentlicht, u.a. die Fantasy-Reihe Drachenwächter. Und genau die kriegt jetzt bei Prime Games ebenfalls eine Spieleauskopplung. Auch hier zeichnet Daedalic Entertainment für die Entwicklung verantwortlich; erste Screenshots zeugen bereits von einer stimmigen Grafik. Über die Spielmechanik ist noch nicht viel bekannt, aber laut Pressebroschüre handelt es sich auch bei Drachenwächter um eine Wimmelbild-Umsetzung mit "zahlreichen Rätseln und Minispielen". Erscheinen soll der Titel, wie auch alle anderen Casual-Adventures bei Prime Games, für unter 20 Euro und noch bis zum Weihnachtsgeschäft.


Casual-Adventures von Prime Games, drei davon aus dem Hause Daedalic.
Dr. House, Derrick, Robin Hood und der Drachenwächter.

City Interactive: Die Kunst der Wimmelbilder

Als wenig spektakulär erwies sich unser Besuch bei City Interactive. Klassische Adventures: Fehlanzeige. Immerhin konnten wir jedoch einen kurzen Blick auf einige Casual-Titel für den Nintendo DS werfen, von denen zwei auf bekannten Adventure-Lizenzen beruhen. So wird Chronicles of Mystery: Das Geheimnis um den Baum des Lebens ein weiteres Mal die Chance bieten, in der Rolle der jungen Archäologin Sylvie Leroux auf eine abenteuerliche Entdeckungsreise zu gehen. Anders als in der inhaltlich abweichenden PC-Version Das Vermächtnis 2: Der Baum des Lebens wird es dieses Mal allerdings darum gehen, Minispiele zu absolvieren und Hidden-Object-Passagen zu meistern. In Die Kunst des Mordens: FBI Top Secret geht es hingegen mal wieder mit FBI-Agentin Nicole Bonnet auf Killerjagd. Die Story wird dabei Motive aus Die Kunst des Mordens 3: Karten des Schicksals aufgreifen, laut City Interactive jedoch eine weitestgehend alternative Handlung zu bieten haben. Angekündigt wurden drei Schwierigkeitsgrade, bis zu zehn Stunden an Gameplay und mehr als 300 Rätsel, die in einer Mischung aus Mini-Games und Wimmelbildeinlagen für kurzweilige Unterhaltung sorgen sollen. Darüber hinaus bekamen wir eine überarbeitete Version eines Titels zu sehen, den der ein oder andere Wimmelbild-Freund bereits vom PC kennen mag: Shutter Island. Angesiedelt im Universum des gleichnamigen Scorsese-Films, wird das Spiel mit sieben Abschnitten aufwarten, in denen es unzählige versteckte Objekte zu finden gilt. Wer von letzteren nicht genug bekommen kann, darf sich sich außerdem auf die Veröffentlichung von Vampire Moon: Das Geheimnis der dunklen Sonne freuen. In Person von Reporterin Emily Davis müssen Gelegenheitspieler in diesem Wimmelbildspiel dem Hintergrund einer nicht endenden Sonnenfinsternis in Transsylvanien auf die Spur kommen.
Logischerweise haben wir uns nach so viel Nintendo-DS-Casual-Kost natürlich nicht die Gelegenheit nehmen lassen, zu fragen, wie es nun eigentlich mit PC-Fortsetzungen der bekannten Adventurereihen aussieht und auch prompt eine Antwort erhalten. So enthüllte unser Gesprächspartner, dass sich momentan nicht nur zwei neue Titel der Vermächtnis (alias Chronicles of Mystery)-Reihe in Entwicklung befinden, sondern auch ein neues Abenteuer rund um Nicole Bonnet. Nach Kenntnisstand unseres ausschließlich für Konsolen zuständigen Gastgebers, der keinen Hehl daraus machte, nicht sonderlich gut über die PC-Aktivitäten seines Arbeitgebers informiert zu sein, sollen diese Titel allerdings ebenfalls eher in Casual-Gefilden angesiedelt sein. Unterstützt werden diese Aussagen durch den mittlerweile aktualisierten Produktkatalog auf der offiziellen City-Interactive-Seite, der die drei Spiele mit Hidden-Object-Vermerk führt.
Inwiefern City Interactive in Zukunft überhaupt noch das klassische Point-and-Click-Adventure-Publikum bedienen wird, können wir momentan nicht beurteilen. Festhalten lässt sich abschließend allerdings der Eindruck, dass sich dieses Thema derzeit nicht gerade hoch auf der Prioritätenliste der Polen befindet.

GFI, die Erste: Mit Aladdin auf einen Kamelritt

Der russische Entwickler und Publisher GFI (Game Factory Interactive) präsentierte uns auf der gamescom 2010 ebenfalls zwei Adventures, die sich eher an Gelegenheitsspieler oder auch an eine jüngere Zielgruppe richten: The Adventures of Aladdin and the Magic Skull und Sinbad: In Search of Magic Ginger. Auf den ersten Blick gefallen im Aladdin-Abenteuer die hübsch gezeichneten Hintergründe, vor denen sich die 3D-Charaktermodelle bewegen. Die eigens entwickelte Engine, die bereits in Spielen wie Diamon Jones eingesetzt wurde, präsentiert sich dabei als sehr solide, was auch bei den guten Bewegungsanimationen der Charaktere zu sehen ist. Diese bleiben bei Gesprächen nicht starr und haben teilweise sogar einige Gestiken. Das ist auch durchaus nötig, da der Spieler einen Großteil der Zeit mit Dialogen verbringt, welche allerdings ohne Sprachausgabe auskommen. Dazu werden die Texte in einem kleinen Fenster am unteren Bildschirmrand mit den Portraits der Gesprächspartner eingeblendet. Das Gameplay besteht vor allem aus klassischen Inventarrätseln, die jedoch der Zielgruppe gerecht sehr einfach ausfallen. So kommt es selten vor, dass der Protagonist besonders viele Gegenstände mit sich herumschleppt oder viele Bildschirme nach Hotspots absuchen muss. Hotspots sind dabei sogar durch übergroße Pfeile markiert, sodass dem Spieler nicht viele Möglichkeiten gegeben werden, in welcher Reihenfolge er die Aufgaben meistert. Das Spiel läuft damit sehr linear ab. Neben dem Kombinieren von Objekten gibt es einige Minispiele, die aus Kämpfen oder Arcade-Games bestehen. Sterben kann man bei diesen aber nicht, weshalb sie wohl eher als Auflockerung und nicht als richtige Herausforderung betrachtet werden müssen. Auffallend war auch der hohe Bezug zu anderen bekannten Spielen und Marken, beispielsweise wenn Aladdin einen Kristallschädel findet, der dem Artefakt eines bekannten Archäologen täuschend ähnlich sieht. Die angegebene Spielzeit von 8 Stunden sollte daher auch eher für ungeübte Spieler gelten.

GFI, die Zweite: Mit Sinbad auf eine Seereise gehen

Ähnlich wie The Adventures of Aladdin and the Magic Skull ist die Präsentation des Sinbad-Spiels gut gelungen: Das 2D-Adventure überzeugt mit flüssigen, gezeichneten Bewegungsanimationen und vermittelt mit nett gezeichneten Hintergründen eine kindgerechte Comic-Atmosphäre. Die Auflösung ist auf 1024x768 festgesetzt. Sprachausgabe fehlt aber ebenso wie Zwischensequenzen. Dabei verbringt der Spieler auch hier die meiste Zeit mit langen Dialogen, die von den russischen Entwicklern selbst übersetzt wurden und nicht vollkommen fehlerfrei sind. Das Gameplay setzt sich neben Multiple-Choice-Teilen aus leichten Inventarrätseln zusammen. Minigames oder Actionszenen gibt es dagegen nicht. Die Spielzeit ist vom Entwickler mit 12 Stunden recht hoch angesetzt, vermutlich werden geübte Spieler die 50 Bildschirme allerdings in weitaus kürzerer Zeit geschafft haben. Sinbad: In Search of Magic Ginger wird von GFI momentan selbst vertrieben und kann über die Website erworben werden, während The Adventures of Alladin and the Magic Skull auch über Big Fish Games bezogen werden kann.

"Guck! Hübsche Grafik!" Producer Ivan Bunakov zeigt seine beiden Adventurespiele.


Oben Aladdin, unten Sinbad.

Fazit: Der Happen für zwischendurch

Mit Sicherheit stellen die Casual-Adventures keine Konkurrenz zu reinrassigen Adventures dar. Aber wegen des günstigen Verkaufspreises und gerade für Einsteiger des Genres sind sie vielleicht durchaus interessant. Positiv aufgefallen sind bei fast allen Spielen die hübschen, manchmal sogar hochwertigen Grafiken und das wegen des geringen Schwierigkeitsgrades zwangsläufig hohe Spieltempo. Gespart wird bei Casual-Adventures in der Regel daher mehr am Ton, an der Spielzeit und vor allem am klassischen Gamedesign. Nonlinearität oder Wiederspielwert darf man in diesen Spielen definitiv nicht erwarten. Wer gerade kein passendes Adventure zur Hand oder einfach nicht genug Zeit zum ausführlichen Daddeln hat, kann die erwähnten Titel einmal näher ansehen. Ob der Trend dabei gleichzeitig zum weiteren Abfall der Qualität der reinrassigen Adventures beiträgt, muss dann jeder für sich selbst entscheiden. Wir werden das für viele Entwickler und Publisher scheinbar immer wichtiger werdende Geschäftsmodell am Rande weiter verfolgen.

Sebastian 'basti007' Grünwald
Ingmar Böke
Sascha 'nufafitc' Pongratz

Fotos von Sascha Reinhold


 

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