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Deutscher Entwicklerpreis 2007
"Ein schockierender Vorgang"
Am 12. Dezember war es wieder so weit, zum nunmehr vierten Mal nach 2004 wurde der Deutsche Entwicklerpreis vergeben. Die Mühlheimer Aruba Studios hatten wieder in die Lichtburg nach Essen eingeladen, wo sie sich am erneut gestiegenen Interesse von Branchen- und Pressevertretern erfreuen konnten. Denn auch in diesem Jahr erreichten die Voranmeldungen zur Verleihungszeremonie wieder eine neue Rekordmarke und ließen deutlich weniger der 1250 Sitzplätze frei als noch im Vorjahr.
Was bin ich?
Der Deutsche Entwicklerpreis wurde 2007 in insgesamt 27 Kategorien verliehen. Knapp die Hälfte davon besteht aus Publikumspreisen, für die Otto Normalverbraucher auf der Website der Veranstaltung sein Votum abgeben konnte. Die entsprechenden Trophäen wurden am Nachmittag vor der feierlichen Preisverleihung den Gewinnern überreicht. Wäre uns Deck13-Mann Florian Stadlbauer nicht im Treppenhaus der Lichtburg mit einer rustikalen Holzkiste über den Weg gelaufen, in der die Auszeichnung für das beste Adventure 2007 untergebracht war, hätten wir von der Ehrung Jack Keanes durch die Spielerschaft am Abend auch gar nichts mitbekommen.
Die restlichen Kategorien sind Jurypreise, die von einem auserwählten Rat von fachkundigen Brancheninsidern gewählt werden. Anders als bei den Publikumspreisen gibt es hier keine zweiten und dritten Plätze, nur jeweils ein Gewinner darf sich über die Auszeichnung freuen. Zur Bekanntgabe der Sieger und Überreichung der Trophäen hatten die Aruba Studios („Weisse Bescheid?!“) - diesmal unter der Mithilfe verschiedener Agenturen - eine große Abendveranstaltung organisiert, bei der auch wir vorbeigeschaut haben.
 Aufwändige Bühnenshow.
Straffe Inszenierung
In diesem Jahr führte Christine Henning durch den Abend, die ansonsten als Moderatorin der Internet-Fernsehsendung „Ehrensenf“ bekannt ist. Das tat sie allerdings ein bisschen so, als hätte jemand versucht, runde Texte in eine viereckige Moderatorin zu stecken. Während viele Überleitungen unlustig bis gezwungen wirkten, hatte der Schreiberling seiner Frontfrau die ein oder andere schelmische Stilblüte ins Nest gelegt: „Kennen Sie noch Snake? Das ist das Spiel, wo die Schlange immer länger wird, ohne dass Langeweile aufkommt.“ Har har.
Die Laudatoren für die Fachpreis- und die Sonderkategorien sowie die Vergabe der Förderpreise mussten sich meist sehr kurz halten. Dadurch wurde zwar einerseits die Chance auf ausführliche, unterhaltsame Reden verbaut, dem Publikum jedoch auch die eine oder andere längere, werbewirksame Laudatio eines Sponsorenvertreters erspart. Durch das zusätzliche Fehlen von auflockernden Showacts, wie sie im Vorjahr noch Teil der Zeremonie waren, konnte die Preisverleihung innerhalb von etwa zwei Stunden durchgezogen werden.
  Christine Henning mal hier, mal da.
Die sonst eher für ihre Trockenheit bekannten politischen Reden zum beinahe pünktlichen Beginn um 20 Uhr konnten durch die Bezugnahme auf eine Entscheidung der EU-Kommission, Computerspiele als Kulturgut anzuerkennen, aber auch durch die eine oder andere bissige Bemerkung in Richtung des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein aufgelockert werden. Im mittleren Teil waren die Reden häufiger von schamloser Eigenwerbung geprägt, da hier die Sponsoren zu Wort kommen durften. Unterhaltsam waren besonders einige Reden gegen Ende. So geizte Krawall.de-Chefredakteur André Peschke wieder einmal nicht mit zynischen Seitenhieben. Erfrischend unterhaltsam war auch die Ansprache des Chef-Organisators Stephan Reichart im Anschluss an die ungeplante Feuerübung: Ein Amok laufender Feuermelder sorgte dafür, dass sich die rund 1000 anwesenden Gäste für ein ein kurzes Intermezzo auf dem Vorplatz des traditionsreichen Lichtspielhauses versammeln mussten, anrückendes Blaulicht inklusive.
So wünschenswert eine wenig Sitzfleisch erfordernde Preisverleihung auch sein mag, wäre eine kurze Vorstellung der in den wichtigsten Kategorien nominierten Spiele, nach dem Vorbild großer Filmpreise, eine Überlegung wert gewesen. Selbst der Preis in der Königsklasse des besten deutschen Spiels des Jahres wurde dem Empfinden nach auf eine Stufe mit der Wahl des „Besten Mobile Games“ gestellt. Gleiches gilt für die mit Fördergeldern bedachten Projekte der Nachwuchsentwickler, die abgesehen von der symbolischen Scheckübergabe fast wie nebensächliches Beiwerk wirkten, zumal während der Verleihung nichts von den Produkten zu sehen war.
 The Games Company, House of Tales und Deck13 stürmen die Bühne.
Preise siedeln sich an
Das dominierende Spiel in diesem Jahr kommt von Blue Byte. Die Siedler - Aufstieg eines Königreichs konnte insgesamt sechs der Jurypreise ergattern, darunter auch die als „Bestes deutsches Spiel“ und für die „Beste Spielegrafik“. Von den fünf nominierten Adventures, die in zehn von elf Hauptfeldern vertreten waren, konnten sich lediglich Simon the Sorcerer 4 als „Bestes deutsches Kinderspiel“ (USK 0-6) und Jack Keane für die „Beste Story / Spielwelt“ die Trophäen sichern - eine Auszeichnung, die wir in den Händen von House of Tales vermutet hatten.
Dass Overclocked dann ausgerechnet durch den Gewinn des Sonderpreises als „Innovation des Jahres“ doch noch eine Würdigung erfahren sollte, überraschte nicht zuletzt den Autor Martin Ganteföhr selbst. Seine Dankesrede war dann auch die markanteste des Abends: „Ein Abenteuerspiel hat den Innovationspreis bekommen. Unseres auch noch. Das ist ein schockierender Vorgang. Wir freuen uns sehr, herzlichen Dank.“ Die Adventures Everlight und Undercover: Doppeltes Spiel gingen komplett leer aus.
Die Frage, ob die Verleihung vielleicht vollkommen anders verlaufen wäre, wenn der Edel-Shooter Crysis bereits in diesem Jahr in der Nominierungsliste aufgetaucht wäre, stellt sich genauso wenig wie die nach dem Sinn von Kategorien à la „Bestes Browsergame“. Die zunehmende Bedeutung des Deutschen Entwicklerpreises lässt sich jedoch nicht leugnen, genauso wie der Erfolg der in Berlin und Frankfurt angesiedelten Games Academy, deren Beitrag zur Stärkung des Entwicklungsstandortes Deutschland nicht zuletzt mit dem Spezialpreis der Jury und dem ersten Platz beim „Gamesload Newcomer Award“ gewürdigt wurde.
  Florian Stadlbauer (Deck13) freut sich über die Trophäe, Jörg Beilschmidt (Geheimakte 2) hofft auf nächstes Jahr. Daneben: Basti.
Wir müssen reden
Dass Blue Byte jetzt nicht mehr nur „Die Siedler 6“ im Programm hat, sondern „das beste deutsche Spiel 2007“ ist sicher ein Aspekt, der der milde unterhaltsamen Preisverleihung Gewicht verleiht. Der Abend war aber auch aus einem anderen Grund wichtig: Man trifft sich. Auf der im Anschluss an die eigentlichen Zeremonie stattfindenden Party wird nämlich nicht nur gegessen, getrunken und gefeiert, Small Talk gehalten und Fotos mit Rapidshare-Hostessen geschossen, da werden auch fleißig Kontakte gepflegt und neu geknüpft oder auch Interviews gegeben. Unzählige Visitenkarten wechseln den Besitzer.
Man trifft auch nicht nur Vertreter nominierter Entwicklerstudios und der zugehörigen Publisher, sondern auch solche, die vielleicht im kommenden Jahr die Chance auf einen der Preise haben wollen. So liefen uns auch Carsten Fichtelmann, Chef von Daedalic Entertainment, mit seinem Team und Jörg Beilschmidt, Lead-Designer und Dialogschreiber von Geheimakte 2, über den Weg.
Carsten Otte, neuer Pressemann bei dtp, katapultierte am deutlich überlaufenden VIP-Buffet überschwänglich einen Teller Lachsnudeln auf zwei unserer Redakteure, traf damit am Ende aber vor allen Dingen seinen eigenen Anzug und Bastis in Abwehrhaltung platzierte Umhängetasche: Platz war hier eindeutig zu wenig, mal sehen ob es für das Catering im nächsten Jahr eine bessere Lösung gibt. Gegessen und geredet wurde häufig mehr an Treppengeländern und zwischen Tür und Angel als in den überfüllten Loungebereichen.
 Doch noch gewonnen: Tobias Schachte (House of Tales) und der Innovationspreis.
Von Nichts kommt Nichts
Mit Geld alleine ist eine hohe Qualität der Veranstaltung am Ende wohl nicht zu erreichen, dennoch ist es hilfreich, wenn zunächst einmal Interesse potenzieller Geldgeber vorhanden ist, als Sponsor aufzutreten. Darüber braucht sich der geistige Vater des Deutschen Entwicklerpreises und Geschäftsführer der Aruba Studios, Stephan Reichart, anscheinend keine Gedanken zu machen. Die Liste der Freunde und Förderer ist lang.
Neben vielen Firmen aus dem Umfeld der Spieleindustrie ist auch die Staatskanzlei der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen als Unterstützer an Bord. Auch die Bundesregierung, die einen Innovationspreis für die Spielebranche mit einem sechsstelligen Betrag fördern möchte, hat die zukünftig immer wichtigere kulturelle und nicht zuletzt auch wirtschaftliche Bedeutung erkannt - besonders erfreulich in Zeiten von bayerischen Gesetzesvorstößen im Zusammenhang mit der immer noch geführten „Killerspieldebatte“ und eine passende Antwort Richtung Niedersachsen auf das „Pfeiffer'sche Drüsenfieber“.
Das kleine Jubiläum der fünften Preisvergabe und das in den letzten Jahren immer stärker gewachsene Interesse versprechen für 2008 eine Steigerung für die Neuauflage des Events, das wieder in der Lichtburg in Essen stattfinden wird. Möglichkeiten dazu gibt es genug: Dass die quirlig selbst gemachte Atmosphäre von 2006 aufwändigen Licht- und Nebeleffekten gewichen ist und verschiedene Eventagenturen den Entwicklerpreis durchprofessionalisiert haben, nimmt dem Abend schon etwas von seinem urigen Charme. Natürlich gab es viel weniger Pannen als beim letzten Mal, aber wer erinnert sich nicht gerne daran zurück, wie Moderatorin Miriam Pielhau dem ebenfalls auf der Bühne stehenden Stephan Reichart am liebsten ins Gesicht gebissen hätte, weil der seine schönere Hälfte über allerlei Abläufe im Ungewissen gelassen hat? Immerhin: Hinter den Kulissen hat uns der Aruba-Chef verraten, dass er das nächste Mal vielleicht auch wieder häufiger auf der Bühne zu sehen ist.
Wie dem auch sei, es gibt durchaus Potenzial, mit Verbesserungen das öffentliche Interesse noch weiter zu steigern, auch bei jenen, die nicht ganz zu Unrecht die Selbstbeweihräucherung der Branche bisher für zu zentral hielten.
 Alle Gewinner des Abends.
Benjamin 'Grappa11' Braun
Jan 'DasJan' Schneider
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