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Zu Besuch bei Daedalic

Teil 2: A New Beginning



Spiele wie Ankh oder eXperience112, aber auch genrefremde Titel wie den FIBA Basketball Manager 2008, betreut Daedalic im Rahmen der Kooperation mit bhv. Inzwischen hat aber auch die Entwicklungsabteilung eine beachtliche Größe erreicht. Ein paar Büros vom Publisher-Teil entfernt wacht Jan Müller-Michaelis über knapp 10 Mitarbeiter - auch hier Tendenz steigend.
Angefangen hat alles damit, dass die Public-Private-Partnership „Hamburg@work“, die zum Teil von der Stadt Hamburg und zum anderen Teil von dort ansässigen Firmen getragen wird, das neu gegründete Unternehmen von Carsten Fichtelmann und Jan Müller-Michaelis als ersten Empfänger seiner Prototypenförderung aussuchte. Konkret bedeutete das eine Finanzspritze von 100.000 Euro zur Erstellung eines Prototyps: eine willkommene Starthilfe, auch wenn der Betrag zinslos zurückgezahlt werden muss.

Das Entwicklerbüro von Daedalic.
Das hippe Ökothema von A New Beginning war sicher auch hier hilfreich. Dirk Humfeldt von der Behörde für Wirtschaft und Arbeit begründete die Entscheidung: „Das von Daedalic vorgestellte Projekt spricht nach Meinung der Jury in besonderer Weise eine breite Öffentlichkeit an. Das Thema Klimaschutz ist von allgemeinem Interesse, hat derzeit eine hohe Präsenz in den Medien und bestimmt die öffentliche Diskussion. Deshalb war die Jury vom wirtschaftlichen Erfolg eines solchen Titels überzeugt.“
Damit stand also fest, was das erste eigene Projekt von Daedalic werden sollte...

A New Beginning

Bei unserem Besuch in Hamburg konnten wir natürlich auch den aktuellen Stand von A New Beginning begutachten. Das steckt zwar noch in einer frühen Phase der Produktion, ein Kapitel ist aber bereits grob zusammengesteckt.
Die Story setzt in der fernen Zukunft an. Die Menschheit hat das Klima der Erde ruiniert und der Blaue Planet ist bereits fast unbewohnbar geworden. Die Schäden sind unumkehrbar und die einzige Möglichkeit, die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren, ist es, in der Zeit zurückzureisen. Daher wird ein Team von Zeitpiloten zurück ins Jahr 2050 geschickt mit dem Ziel, frühzeitig den Klimawandel aufzuhalten.
Doch leider haben sich die Wissenschaftler verrechnet: 2050 ist es bereits zu spät. Die Menschheit hat den Planeten bereits irreversibel beschädigt. Der Zeitpilotin Fay, die eigentlich die „kleinste Nummer“ im Team und mit einem leicht naiven Idealismus gesegnet ist, gelingt es, zusammen mit ihrem Kollegen Salvador einen weiteren Zeitsprung durchzuführen. Diesmal geht es in unsere Gegenwart, in der ein Großteil von A New Beginning spielt.


Das Jahr 2050 wird von Naturkatastrophen heimgesucht.
Hier trennen sich die Wege der vermeintlichen Helden. Der Spieler verfolgt den Weg von Fay, während der aggressiv operierende Salvador, dem jedes Mittel recht ist, um den Menschen Vernunft einzutrichtern, zum ersten großen Gegenspieler wird.
Fay sucht auf ihrem Weg den Wissenschaftler Bent Svensson auf, der sich inzwischen zur Ruhe gesetzt hat und zurückgezogen lebt. Svensson ist es gelungen, Bioenergie aus Blaualgen herzustellen, und zwar so effizient, dass damit das Energieproblem der Erde auf saubere Weise gelöst werden könnte. Dumm nur, dass die Industrie kein Interesse an seiner Technologie hatte, da so kein Geld gemacht werden kann.
Fay gelingt es schließlich, Bent davon zu überzeugen, dass die Zukunft der Menschheit von seiner Erfindung abhängt, und so begeben sich beide zu seiner ehemaligen Forschungsstation, einer ausgedienten Bohrinsel, um das Projekt zu reaktivieren. In den Weg stellt sich den beiden noch ein zweiter Gegenspieler neben Salvador: Indez, ein skrupelloser Industrieller, der in der Blaualgenenergie eine Gefahr für seinen Reichtum sieht.

Zeitpilotin Fay in einer uncolorierten Zeichnung. (Artwork-Galerie)
Info

So entsteht eine Szene


Für die Hintergründe in A New Beginning werden zunächst einfache Scribbles angefertigt, die einen Überblick über Szene geben. Damit wird definiert, was zu sehen sein soll und wie der grobe Aufbau des Raumes aussieht. Auf der Grundlage der Scribbles werden dann detailliertere Skizzen angefertigt, in denen auch bereits Details zu sehen sind. Hierfür hat Daedalic Swen Papenbrock gewinnen können, der z.B. auch für Perry Rhodan Illustrationen macht.
Die detaillierteren Skizzen werden zunächst Farbtests gemacht. Wie sieht die Szene in unterschiedlichen Lichtstimmungen aus? Wie ändert sich die Beleuchtung, wenn in einem Raum die Tür aufgemacht wir und von außen Sonnenlicht hereinkommt? Aus verschiedenen Alternativen wählen die Entwickler dann diejenige aus, die ihnen am besten gefällt.
Dann wird die Vorzeichnung mit den finalen Details gefüllt und zu einem vollwertigen Adventure-Screen ausgebaut. Auch Animationen werden dabei berücksichtigt, zum Beispiel ein beweglicher Himmel. Das wird zurzeit von externen Mitarbeitern geleistet, die nicht in den Hamburger Büros arbeiten. Intern bekommen die Bilder dann nur noch ihren letzten Feinschliff.

 

Philosophie des Neuanfangs

Mit A New Beginning wollen die Entwickler in erster Linie kein Puzzlespiel veröffentlichen, sondern eine ernst zu nehmende Erzählung, eine trotz des Science-Fiction-Themas glaubhafte Geschichte mit starken Charakteren, die außerdem eine Aussage transportiert. Jan Müller-Michaelis betont, dass die Motivationen der einzelnen Charaktere stets nachvollziehbar sein sollen und dass Wendepunkte und Konflikte seiner Geschichte Spannung verleihen. Obwohl das Thema ernst ist, will man aber den erhobenen Zeigefinger vermeiden. Schließlich soll auch A New Beginning ein Unterhaltungsprodukt werden.
Für die wissenschaftliche Akkuratheit hat man sich mit dem Kieler Professor Schulz Friedrich kurzgeschlossen. Zwar ist die perpetuum-mobileske Form der Energiegewinnung aus dem Spiel unmöglich, grundsätzlich wird aber schon daran gearbeitet, Energie aus Blaualgen zu gewinnen. Die Zusammenarbeit mit dem Experten soll dem Technobabble im Spiel mehr Glaubwürdigkeit verleihen.

Die Szene besteht aus knapp 20 Ebenen, die sich beim Scrollen unter-
schiedlich schnell verschieben. So entsteht ein überzeugender Tiefeneffekt.
Insgesamt hat sich Daedalic einiges vorgenommen. Über 130 Screens und mehr als 30 Charaktere hat man uns versprochen. Dabei wird alles ausschließlich mit 2D-Technik realisiert. Selbst die Charaktere, die heutzutage meistens in Echtzeit dargestellt werden, sind in A New Beginning klassische handgezeichnete 2D-Sprites. Den hohen Animationsaufwand nehmen die Entwickler auf sich, um glaubwürdige Emotionen in die Gesichter legen zu können und nicht zuletzt auch, weil bei Daedalic Fans der alten 2D-Schule werkeln.
In dem Kapitel, das wir anspielen konnten, waren leider die Zwischensequenzen noch nicht fertig implementiert. Es gab allerdings schon aneinandergeschnittene Standbilder im Spiel, die das Potenzial gezeigt haben, später einmal zu sehr spannenden Zwischensequenzen ergänzt zu werden. Auch die Storyboards, die seit Kurzem professionell intern erstellt werden, legten sehr viel Dynamik an den Tag. Es ist also zu erwarten, dass das fertige Spiel sehr cineastische Züge haben wird. Sicher ein gutes Zeichen, denn wenn man eine spannende Geschichte erzählen will, muss man diese auch passend inszenieren.

Hier entstehen die Storyboards für A New Beginning.

Die fertigen Storyboards geben einen guten Eindruck von Ablauf und
Dynamik einer Zwischensequenz.

Der gute Ton

Langsam nimmt auch das Interface Form an. Die grafische Darstellung ist zwar noch nicht final, doch hat man sich auf eine Variante der guten alten Münze aus Monkey Island 3 festgelegt. Statt einer festen Zahl an Standard-Interaktionen („Untersuche“, „Nimm/Benutze“, „Rede mit“), bietet das Spiel jedoch für jedes Objekt sinnvolle Möglichkeiten an, dieses zu beeinflussen. Klickt man beispielsweise auf eine Tür, hat man die Wahl zwischen „Anklopfen“, „Öffnen“ und „Belauschen“.
Auf der einen Seite erhöht sich so die Flexibilität und möglicherweise auch die Rätselkomplexität, auf der anderen Seite muss man sich immer wieder durchlesen, was man mit angeklickten Hotspots machen kann. Wie gut das in der Praxis funktioniert, können wir erst sagen, wenn wir mit diesem Interface länger gespielt haben. Eine sehr schöne Konsequenz des Prinzips ist aber auf jeden Fall, dass Sätze wie „Das geht so nicht“ in A New Beginning nicht auftauchen.
Schon fast zum guten Ton gehört seit Geheimakte Tunguska die Hotspot-Taste, die auch Daedalic einbauen möchte. Sonst bedienen sich die Entwickler aber hauptsächlich bei Konzepten, die schon länger etabliert sind: Geschicklichkeit wird keine nötig sein, um den Abspann zu sehen, und Gegenstände kann man in dem Moment mitnehmen, in dem man sie findet. Auch ein paar rote Heringe sind dabei, also Objekte, die zwar ins Inventar wandern, aber nicht für Rätsel benötigt werden.

So sieht das Spiel später in Aktion aus. (Bildergalerie)
Die Musik stammt vom jungen Hamburger Studio Periskop. Die Stücke, die wir bei unserem Besuch hören konnten, klangen schon sehr imposant. Der orchestral anmutende Klang hat aber noch einen besonderen Clou: Ähnlich dem alten iMuse-System von LucasArts wird der Soundtrack dynamisch eingesetzt, sodass fließende Übergänge in andere Themen an beliebigen Stellen der Musik möglich sind. Wir sind gespannt, wie das interessante Feature im fertigen Spiel eingesetzt wird.
Um einen Hit zu prognostizieren, ist es noch ein wenig zu früh. Schließlich dauert es noch ein Jahr bis zum geplanten Release im 1. Quartal 2009. Die Ansätze versprechen aber schon sehr viel, und wenn das Spielgeschehen am Ende so filmreif daherkommt wie die Storyboards, dann erwartet den Spieler viel Dramatik und Spannung. Das 2D-Dogma funktioniert bisher sehr gut. Die Hintergründe wirken sehr plastisch, besonders wenn sie mit bis zu 20 Ebenen zur Seite scrollen. Die Charakterzeichnungen haben schon viel Seele, auch wenn ihre Animationen leider noch nicht ganz fertig sind. A New Beginning hat jede Menge Potenzial, in den kommenden 12 Monaten zeigt sich, wie viel Daedalic davon nutzen kann.

Jan Müller-Michaelis geht die Spielscripte von A New Beginning durch,
Marco Hüllen zeichnet für The Whispered World.

Fortsetzung folgt...

A New Beginning ist längst nicht das einzige Spiel, das Daedalic Entertainment als Entwickler veröffentlichen will. Morgen gibt es mehr zu den anderen Projekten...

Jan 'DasJan' Schneider


 

 


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(Vic Tokai)

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